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Ostermontag, 17. April, 6.40 Uhr

Erdogans unwilligste, aber beste Helfer kamen aus Deutschland, wo Politik und Medien sein Spiel mitspielten und nicht begriffen oder begreifen wollten, dass er sie mit seinen deutsch- und europafeindlichen Ausfällen und vor allem seinen – im Grunde nur albernen – Nazi-Vergleichen zu seinen Pawlowschen Hunden machte. Auf Erdogans listiges Stichwort sonderten sie prompt die gewünschte (selbst-)gerechte Empörung ab, die die ebenfalls und primär gewünschte Gegenreaktion bei vielen türkischen Bürgern provozierte.

Kleber & Co. waren jedenfalls das Zünglein an der Waage, das wohl die Wahl entschied. Insgeheim verleiht ihnen Erdogan seinen ersten Verdienstorden im neuen Allmachts-Amt. Demnächst rudert er generös zurück und kommt wieder auf uns zu. War doch nur ein Spiel, wird er sagen. Und ich hab’s gewonnen.

Selbstgerechte Empörung, sie scheint mir ein kennzeichnendes Merkmal unserer Zeit zu sein, in der ein gegensätzlicher Begriff wie schwarzer Humor keinen Platz mehr hat. Sogar ich, von klein auf ein Freund des schwarzen Humors gemäß seiner Definition, mit Entsetzen Scherz zu treiben, zuckte kurz zusammen, als ich las, was die Frankfurter Rundschau online verbreitete: “SGE macht keinen Terror und verliert ganz friedlich.” Schnell wütete ein Kot-Orkan im Netz, die FR zog verschreckt das Schwänzchen ein und löschte den Satz. Das Problem beim schwarzen Humor: Es muss erkennbar sein, dass er mit dem eigenen Entsetzen Scherz treibt und nicht empathielos mit dem Entsetzen anderer, vor allem nicht mit dem der Betroffenen. Ohne diesen Hintergrund, des reinen Gags wegen, ist schwarzer Humor kein schwarzer Humor, sondern schwacher, schwachsinniger Brachialwitz.

Wie der FR-Satz gemeint war, weiß ich nicht. Jedenfalls kam er nicht als schwarzer Humor an, sondern als uneinfühlsame Flegelei. Was wiederum ein Indiz für das kennzeichnende Merkmal unserer Zeit ist,  jene  selbstgerechte Empörung, in der kein Platz mehr bleibt für echten, einfühlsamen schwarzen Humor.

Der bleibt, so oder so, immer eine Gratwanderung. Auch in Hoch-Zeiten des schwarzen Humors hatten seine Freunde, die auch Freunde des Humors von Mathias Beltz waren, Probleme mit dessen Vorschlag, der Wiener Bürgermeister, dem bei einem Briefbomben-Anschlag eine Hand zerfetzt worden war, solle in einen Sekond-Hand-Shop gehen.

Oha! Beim  Warmschreiben für die  Montagsthemen merke ich, dass ich den soeben geschriebenen Text als Einstieg in eines der  Themchen benutzen kann, für den das Stichwort “Sugerhand” auf dem Zettel steht. Die Montagsthemen werden auch ab sofort nach Ostern (und Pfingsten) nicht mehr aus purem hessischen Trotz selbst am Dienstag Montagsthemen heißen, denn auch für solche kleinen Albernheiten scheinen in postironischen Zeiten die Sensoren zu verschwinden.

“Sugarhand”, das bezieht sich auf “Sugarfoot”, den einbeinigen College-Basketballer, über den ich in früheren Kolumnen  geschrieben habe. Und jetzt gewinnt eine US-Schule ein Basketball-Spiel, weil ein Junge, dem die Unterarme fehlen, in letzter Sekunde einen Dreier trifft. Auf Youtube hab ich mir es angeschaut, es ist beeindruckend, keineswegs ein Glückswurf, sondern mit … ganz feinem Händchen erzielt. Sugarhand eben.

Nennen will ich die dienstäglichen Montagsthemen   einfach nur “Nach Ostern …” und beginnen mit dem möglichen Zeitenwende-Spiel der Bayern. Plus BVB. Plus Eloise von Barry Ryan. Plus Willensfreiheit. Plus Goldkäse-Sägen.Plus sensationelle Schweinsteiger-Serie. Alles werde ich allerdings nicht unterbringen können. Und habe ich vor ein paar Sätzen von einem “kennzeichnenden Merkmal” geschrieben? Das ist doch doppelt gemobbelter weißer Schimmel, oder? – Aber darüber denke ich später nach. Soeben kommen Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. KKKK bleibt, was immer kommen mag.

Breaking News nach einem Blick aus dem Fenster: Es schneit! “Nach Ostern …

P.S.:    … und der Schnee bleibt liegen!

P.S

Baumhausbeichte - Novelle