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Nach Ostern … (“Anstoß” vom 18. April)

… ist vor einer Zeitenwende? Wenn der FC Bayern München heute in Madrid antritt, steht sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf dem Spiel. Nachdem der in Deutschland konkurrenzlose FCB in den letzten Jahren die nationale Meisterschaft ungewollt zur Nebensache degradiert hat, entscheidet nur noch die Champions League über Erfolg oder Misserfolg. Doch erst scheidet der manische Tüftler und intellektuelle Überdreher Guardiola drei Mal und zum Teil recht kläglich aus, und jetzt droht mit dem Pep-Gegenmodell Onkelotti das Gleiche. Scheitert der FC Bayern erneut, stellt sich dem »Mia san mia«-Klub die Frage: Wer san mia überhaupt? Aber »noch sind wir nicht tot« (Ancelotti). Zumal man an Auferstehung auch nach Ostern glauben darf.
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Da hat es der BVB einfacher. Zumal er bei einem Ausscheiden morgen in Monaco nicht so tief fallen kann wie der in höheren Höhen thronende FC Bayern. Dem hätte man es übrigens zugetraut, nach einem ähnlichen Anschlag stoischer zum Tagewerk überzugehen als die Dortmunder Jungschar samt Trainer. So gesehen ist es pure Ansichtssache, ob die Patzer im Hinspiel und auch die dem Spielverlauf nicht entsprechende Chancenfülle der Frankfurter Eintracht Folgen des Anschlags waren … oder aber in der BVB-DNA verankert sind.
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Eigenständigere Athleten, wie in der Leichtathletik oder beim Hockey, hätten nicht nachträglich geklagt, sondern wären gar nicht erst angetreten, wenn sie gefühlt hätten, nicht spielbereit zu sein. Die Schuld sinistren Mächten (Uefa) und Zwängen (Spielplan) »denen da oben« zuzuschieben, ist (nicht nur im Sport) zwar verständlich, aber zu einfach und einfach falsch. Denn man stelle sich bloß vor, die Uefa hätte ein Nichtantreten gemäß ihrer Statuten als Niederlage gewertet – sie wäre von einem Sturm der Entrüstung weggeblasen worden. Eigentlich schade, dass es nicht dazu gekommen ist. Auch hier wäre eine Zeitenwende möglich gewesen.
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Sogar ich als Liebhaber des schwarzen Humors zuckte kurz zusammen, als ich las, was die Frankfurter Rundschau online verbreitet hatte: »SGE macht keinen Terror und verliert ganz friedlich.« Schnell wütete ein Kot-Orkan im Netz, die FR zog verschreckt das Schwänzchen ein, löschte den Satz und entschuldigte sich. Das Problem beim schwarzen Humor: Es muss erkennbar sein, dass er mit eigenem Entsetzen Scherz treibt und nicht empathielos mit dem Entsetzen anderer. Ohne diesen Hintergrund, des reinen Gags wegen, ist schwarzer Humor gar kein Humor, sondern schwacher, schwachsinniger Brachialwitz witzlosester Art..
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Wie der FR-Satz gemeint war, weiß ich nicht. Jedenfalls kam er nicht als schwarzer Humor an, sondern als uneinfühlsame Flegelei. Was wiederum ein Indiz für ein  Merkmal unserer Zeit ist: Eine grundrauschende selbstgerechte Empörung, in der kein Platz mehr bleibt für echten schwarzen Humor, der Menschen eben nicht verachtet, sondern lachend mit ihnen leidet.
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Aber es bleibt immer, so oder so, eine Gratwanderung. Selbst in Hoch-Zeiten des schwarzen Humors hatten seine Freunde, die auch Freunde des Humors von Mathias Beltz waren, Probleme mit dessen Vorschlag, der Wiener Bürgermeister, dem bei einem Briefbomben-Anschlag eine Hand zerfetzt worden war, solle in einen Sekond-Hand-Shop gehen.
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Das muss (Vorsicht! Schwarzer Humor!) der 13-jährige Jamarion Styles nicht. Ihm wurden schon früh nach einer Infektion beide Unterarme amputiert. Im letzten Saisonspiel seines Schul-Teams traf er in der letzten Sekunde einen Drei-Punkte-Wurf – und sicherte seiner Mannschaft so den Sieg. Auf Youtube hab ich mir die Aktion angeschaut, sie ist beeindruckend, keineswegs ein Glückswurf, sondern mit (noch einmal: Achtung!) … ganz feinem Händchen erzielt.
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Nennen sie ihn jetzt »Sugarhand«? Da fällt mir und auch manchem altgedienten »Anstoß«-Leser jener einbeinige College-Basketballer ein, über den ich schon in früheren Kolumnen geschrieben habe. Carl Joseph, genannt »Sugarfoot«, spielte vor 35 Jahren erfolgreich im »normalen« Basketballteam seines Colleges und schaffte sogar den Dunking – ohne Prothese! Für mich eine der bewundernswürdigsten sportlichen Leistungen überhaupt. Immer noch im Internet zu bestaunen. Wer das Video nicht kennt, sollte es unbedingt anschauen.
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Der Vorhang fällt, und viele Fragen bleiben offen. Wie die, ob Erdogans unwilligste, aber beste Helfer aus Deutschland kamen, ob Kleber & Co. das Zünglein an der Waage waren und so manchen stolzen Türken zu einer Trotzreaktion getrieben haben – aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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