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Sport-Stammtisch

Selektive Wahrnehmung macht uns das komplizierte Leben so viel einfacher. Wie bei den Reaktionen auf die schnelle Wiederansetzung in Dortmund. Erst überwog Zustimmung. »Bravo, Borussia! Das ist die richtige Antwort«, leitartikelte die FAZ, unterstützt von der Süddeutschen (»Es gibt keinen anderen Weg«), und nur die Rundschau meldete leise Bedenken an (»Entscheidung ist fragwürdig«). Nach dem Spiel folgte einhellige Verurteilung, wie bei einem  Verbrechen wider die Menschlichkeit, begangen von den sinistren Geschäftemachern der UEFA, abgenickt von ihren Vasallen in den Klubs. Besonders scharf – wie amused waren Watzke und Rauball? – kritisierte Tuchel, von dem vorher nichts zu hören war. Auch nicht von den Spielern. Hätte der BVB klar gewonnen, wäre die Befindlichkeitslage eine ganz andere.
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Richtig oder falsch? Ich maße mir kein Urteil an. Von Rennfahrern heißt es ja nach schweren Unfällen, sie sollten sich sofort wieder ins Auto setzen und Rennen fahren. Aber Fußballer sind keine Rennfahrer, und selbst bei denen weiß ich nicht, ob die Blitztherapie richtig ist. Die Rundschau hat recht: Die kurzfristige Neuansetzung  ist fragwürdig. Aber eine hinterher überzeugte, eine apodiktische, eine selbstgerechte Antwort auf die Fragwürdigkeit kennen nur selektiv Wahrnehmende.
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Schwierige Aufgabe auch für die Frankfurter Eintracht. Sportlich sowieso, aber auch mental. Schließlich kommt sie nicht zum Kondolenzbesuch mit drei Punkten als Blumenspende. Hundertprozentiger Kovac-Fußball mit all seinen physischen Komponenten scheint in dieser Gemüts-Gemengelage jedenfalls kaum möglich.
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Auch in der zuletzt erneut hochgeköchelten Dopingsuppe wurde mit dem Löffel der selektiven Wahrnehmung gerührt. Warum wird vor den Folgen des kurzfristigen Hormon-Dopings gewarnt, aber nie vor der geschlechtslebenslangen Hormon-Manipulation durch die Anti-Baby-Pille, deren Erfolgsgeschichte über die Jahrzehnte hinweg ein Billionen-Geschäft war und ist? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
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Das ist keine Verharmlosung von Doping. Es ist aber der falsche Weg, die gesundheitlichen Risiken in den Vordergrund zu stellen. Ein  Leistungssportler geht noch ganz andere, gravierende Risiken ein, ohne dass sie mit Doping zu tun hätten. Mein Mantra: Verzicht nicht wegen möglicher gesundheitlicher Risiken, sondern weil man gedopt vor sich selbst nicht besteht. Weil es ein Armutszeugnis ist. Allerdings ist »Doping« in allen anderen Lebensbereichen nicht nur nicht verboten, sondern sogar angesagt. Nur nennt man es hier nicht Doping, sondern Selbstoptimierung. Von Botox und sonstigem Body-Tuning übers gerontophil beworbene Testosteron für alte Säcke bis zu Provigil & Co.
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Provigil? Welch ein Skandal! Führende Wissenschaftler forderten schon vor Jahren in ihrem Fachblatt »Nature« die bedingungslose Freigabe von Doping. Von Hirndoping. Damals ärgerte sich der US-Forscher John Hoberman über die »selektive Entrüstung«, dass alle Welt Sportdoping ablehne und Hirndoping akzeptiere. Zum Beispiel Provigil: Wer an Narkolepsie  leidet, den soll das Medikament daran hindern, ungewollt plötzlich einzuschlafen. Gesunde, ehrgeizige Hirnsportler können mit Provigil hyperaufmerksam nächtelang durcharbeiten. Oder Ritalin. Wirkt auf hyperaktive Kinder mit ADS-Syndrom beruhigend, putscht aber Manager, Wissenschaftler und Studenten leistungsfördernd auf. Und auch Olympiasieger, sogar mit offizieller Erlaubnis, wie wir seit Rio wissen. Oder Prozac. Hilft Kranken bei Depressionen, macht Gesunde stetig gut gelaunt und optimistisch. Wer hat im Leistungssport des Berufslebens in Zukunft als sauberer Arbeitsathlet noch Chancen gegen den prozacoptimistischen, ritalintatkräftigen, provigilgestählten Kollegen mit dem Supergedächtnis?
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Man könnte depressiv werden. Her mit dem Prozac? Jati isse san ti Megali Paraskevi? (Warum bist du wie Karfreitag?), fragen die Griechen, wenn jemand sehr traurig aussieht. Was ich alles weiß, gelle? Aber erst seit heute. Dank meinem griechischen Sprachkalender. Leider habe ich jede Tages-Lektion schon vor der nächsten vergessen. Mein schwaches Kurzzeitgedächtnis ist kein Altersleiden. Schon zu Memory-Zeiten habe ich vergeblich versucht, mir wenigstens zwei oder drei Bildchen zu merken.  Vergessen hatte ich auch am vergangenen Sonntag die Meldung von Runner’s World im Internet vom ersten Marathonlauf unter zwei Stunden. Ich war am sehr frühen Morgen bei der Suche nach einem Nike-Projekt darauf gestoßen. Der US-Sportgigant will demnächst auf einer Autorennbahn  die Zwei-Stunden-Marke unterbieten lassen. Ich dachte noch schadenfroh, aha, der Sport pulverisiert nicht nur diese Traum-Marke, sondern auch die PR-Aktion – und dann vergaß ich es, zumal ich im Laufe des Sonntags nichts mehr davon las.
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Erst Tage später dachte ich wieder daran. Aber ich fand die Meldung nicht mehr. Nur geträumt, noch im Halbschlaf? Oder hatte jemand einen Scherz machen wollen? Fake-News, die gelöscht wurden? Ich bat im Blog »Sport, Gott & die Welt« um Leser-Hilfe. Einige suchten mit, und Thomas Buch (Danke!) fand den Text auch (http://m.runnersworld.de/marathon/sensation-peter-koech-laeuft-in-1-59-56-stunden-zum-marathon-weltrekord.472974.htm) … und schaute im Gegensatz zu mir auch auf das Datum der Veröffentlichung: 1. April. Reingefallen. Zwar recht spät, lange nach dem 1. April und noch nicht (wie jetzt)  als Aprilscherz gekennzeichnet, aber reingefallen ist reingefallen. Klarer Fall von selektiver Wahrnehmung. Gerechte Strafe für einen Aprilscherz-Muffel. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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