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Karfreitag, 14. April, 7.00 Uhr

Jati isse san ti Megali Paraskevi? Warum bist du wie Karfreitag?,  fragen die Griechen, wenn jemand sehr traurig aussieht. Der Große (megali) Freitag (Paraskevi) ist nur einer von vielen “megali” Tagen in der Osterwoche, denn die heißen in der Großen Woche (Megali Efsomasa) alle “megali”. Was ich alles weiß, gelle? Aber erst seit heute. Dank meinem griechischen Sprachkalender. Leider habe ich jede Tages-Lektion schon vor der nächsten vergessen. Aber der Große Karfreitag, der ist leicht, den müsste ich behalten können.

Mein schwaches Kurzzeitgedächtnis ist kein Altersleiden. Schon zu Memory-Zeiten habe ich vergeblich versucht, mir wenigstens zwei oder drei Bildchen zu merken. Unfassbar, wie die Mitspieler, vor allem die jüngsten, die Kärtchen einsammelten!

Vor einem Monat ist Brian Oldfield gestorben. Der ehemalige Kugelstoß-Weltrekordler war mein “Freund”, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe. Mein Facebook-”Freund”, wie noch ein paar andere ehemalige US-Werfer wie Al Feuerbach oder MacWilkins (die ich recht gut gekannt habe). Ich war neugierig, was die alten Jungs so treiben, deswegen die FB-”Freundschaft”, und wurde und werde immer melancholisch, wenn ich sah, wie sehr sie in den alten Zeiten verhaftet waren/sind und immer wieder alte Fotos und Texte von sich posteten. Einer der Eifrigsten war Oldfield. Wenn er aktuelle Bilder von sich hoch lud, sah ich einen schweren Mann  am Stock oder im Rollstuhl. Späte Folgen buchstäblich knochenbrechender körperlicher Höchstbelastung über Jahrzehnte hinweg, für die Oldfield bekannt war.  “The Big O”, wie ihn die Amis, das “Tier”, wie wir ihn nannten, voller beeindruckter Hochachtung.

Auch im “Anstoß” habe ich schon von ihm berichtet. So zum Beispiel:

Das für mich verblüffendste (schon alte) Video wurde jetzt wieder von Brian Oldfield persönlich hochgeladen, ehemaliger Kugelstoß-Weltrekordler und heutiger Nostalgiker in eigener Sache. Auf Facebook führt der ehemalige Zweieinhalb-Zentner-Athlet einen Dunking vor und schmettert den »Ball« fast aus dem Stand, nur mit einem Impuls-Schritt, durch den Korbring. Der hat die offizielle Höhe von 3,05 m, und der »Ball« ist eine 15 Pfund schwere Wettkampf-Kugel. Auch diese Sequenz endet mit einem Schmankerl: Wettlauf Oldfields gegen eine Weltklassesprinterin, der Koloss gewinnt klar, galoppierend wie ein durchgehender Hengst. Die Geschlagene ärgert sich tierisch, Oldfield packt sie und wickelt sie sich wie ein Stoffpüppchen fröhlich um den Hals.

Als ich jetzt im Netz nach ihm suchte, fand ich auch seine 100-m-Bestzeit: 10,5 Sekunden!

Typisch: Im englischen Text von Wikipedia steht, dass Oldfield an den Folgen der körperlichen Überlastung gestorben ist, in der deutschen Übersetzung wird daraus Tod durch Anabolika . Ansonsten wurde Oldfields Tod bei uns in Deutschland in den Medien nicht thematisiert, wohl weil er längst vergessen war. Ich erfuhr es auch nur von den anderen FB-”Freunden”, die R.I.P.-Bekundungen gepostet haben.

Tod durch Anabolika? Stimmte schon bei Birgit Dressel und Ralf Reichenbach nicht, und jetzt bei Oldfield wohl auch nicht. Bei den beiden Deutschen weiß ich es. Im Gegensatz zu den Journalistenkollegen habe ich die 2000 Seiten einer Untersuchungskommission gelesen (Dressel), und wie und warum mein Freund Ralf starb, steht im “Sport-Leben” (Links rechts).

Als ich 1972 als Volontär in die Sportredaktion kam, waren wir zu viert. Alle im gleichen Alter. Im Lauf der Jahre sind die anderen drei gestorben, an schweren Krankheiten, die man bei mir auf Anabolika zurückgeführt hätte. Ich bin übrig und bisher von schweren Krankheiten verschont geblieben. Reine Glücksache, für die ich demütig dankbar bin.

Warum wird von den Folgen des Hormon-Dopings gewarnt, das nur über wenige Wochen im Jahr und nur in den wenigen Jahren im Leistungssport vorkam, aber nie von der ähnlich wirkenden und geschlechtslebenslangen Hormon-Manipulation durch die Anti-Baby-Pille? Und dass zum Beispiel bei Geschlechtsumwandlungen ebenfalls lebenslange Hormonbehandlungen  mit hundertfachen Dosierungen als selbst bei den wahnwitzigsten Dopern üblich sind? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Das ist keine Verharmlosung von Anabolika-Doping. Es ist nur der falsche Weg,  vor allem vor den gesundheitlichen  Risiken zu warnen. Im Leben eines Leistungssportlers gibt es noch ganz andere, gravierende Risiken, die man eingeht, ohne dass sie ansatzweise mit Doping zu tun hätten. Bei mir war es zum Beispiel das idiotische Mästen, um als genetisch Schlanker den bewunderten und bestaunten “Tieren” zu ähneln. Zum Glück bin ich offenbar genetisch auch robust angelegt. Toitoitoi.

Mein Mantra: Man verzichtet auf Doping nicht, weil es gefährlich sein könnte, sondern weil man damit vor sich selbst nicht besteht. Weil es ein Armutszeugnis ist. Allerdings ist “Doping” in allen anderen Lebensbereichen nicht nur nicht verboten, sondern sogar angesagt. Nur nennt man es hier nicht Doping, sondern Selbstoptimierung. Von Botox und Neue-Titten-Tackern übers gerontophil beworbene  Testosteron bis zu Provigil.

Provigil. Gutes Stichwort für die gleich zu schreibende Kolumne. Zu beginnen aber mit BVB-Anmerkungen. Und einem Satz, oder zwei, zum Nike-Marathon-Projekt. Und: Wer hat den Gold-Käse wohin gerollt? Und gesägt? So wie Jürgen von Manger einst die Schwiegermutter?

Viel Stoff am Großen Freitag. Gleich pack ich’s an.

 

Baumhausbeichte - Novelle