Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 10. April)

Zwei Zahlen vorweg: Eintracht 38, HSV 33. Doch in Hamburg feiern sie schon ebenso irrational den Klassenerhalt, wie in Frankfurt der Popo gen Grundeis sinkt. Nicht die sportliche Bilanz macht besorgt, sondern eine Besorgnis, die lähmen kann.
*
Seit das Duell zwischen Bayern und BVB als »deutscher Klassiker« gilt, neuerdings sogar fremdmehrsprachlich als »German Clasico« (Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel), hat es die Spannung eines Mittelfeld-Derbys. Für beide geht es um nichts. Dortmund kann nicht, München kann nicht nicht Meister werden. – »Derby«? Auch das Wort passt nicht. Passt übrigens selten. Dortmund gegen Schalke, das ist ein echtes Derby. Beinahe sogar ein Bunbury. Denn der Earl of Derby veranstaltete 1780 ein Pferderennen und gewann per Münzwurf gegen einen gewissen Sir Charles Bunbury das Recht, dem Wettreiten seinen Namen zu geben. Hätte Derby verloren, gäbe es zwischen Dortmund und Schalke ein Bunbury.
*
Womit wir wieder einmal unseren Bildungsauftrag erfüllt hätten. Und damit zurück zu dieser für Dortmund demoralisierenden Demonstration der Kräfteverhältnisse. Vor den Mikrofonen landete Jerome Boateng noch einen schmerzhaften verbalen Volltreffer. Das 4:1 solle man nicht überbewerten, »Real ist ein anderes Spiel, das ist Champions League«. Autsch! – Überhaupt kann der wortkarge Boateng zielgenauer treffen als mancher beredsam Empörte. Einem gewissen Gauland dürfte noch heute der Solarplexus schmerzen, seit der Gemeinte dessen »Nachbar«-Doofheit mit (unüber-)trefflicher Verachtung bestraft hat: »Dazu sach ich nix.«
*
Auch beim German-El-Clasico-Bunbury-Duell fällt eine Rückkehr zu den Wurzeln auf. Zu den natürlichen Wurzeln des Torjubels, der reinen Freude statt der kalkulierten Inszenierung. Lange nicht mehr die »Raupe« gesehen oder sonstige Albernheiten. Jetzt müssen nur noch die Daumenlutscher und Babywieger und natürlich auch Aubameyang ihr affiges Getue beenden … falls Letzterer nicht von Nike vertraglich dazu verpflichtet ist. Ach ja, Nike … wozu sind wohl die Leichtathleten verpflichtet, die beim NOP zugange sind, im Nike-Oregon-Project? – Freunde, nicht schon wieder diese Töne!
*
Lasst uns andere anstimmen. IOC-Präsident Thomas Bach muss einen gefährlichen Kratzer in seiner Teflon-Schicht befürchten, obwohl sein Name (noch) nicht im üblen Spiel ist und, glaube und hoffe ich, auch nichts darin zu suchen hat. Der »Spiegel« thematisiert in seiner aktuellen Ausgabe jahrelange eklige Übergriffe und sexuellen Missbrauch im Tauberbischofsheimer Fecht-Biotop, den die Tonangeber und Bosse durch Verschweigen und Vertuschen gedeckt haben sollen. Der Ur-Tauberbischofsheimer Bach muss sich die Frage gefallen lassen: Was haben Sie davon gewusst?
*
Genau in dem Moment, in dem ich über Tauberbischofsheim schreibe, fährt Sebastian Vettel in China als Zweiter durchs Ziel, ungefähr so weit hinter Hamilton wie dieser zuvor hinter Vettel. Das Duell scheint wirklich eines zu werden. Freut mich für den Heppenheimer, diesen offenbar angenehmen Menschen, der sein privates Umfeld konsequent aus den Schlagzeilen heraushält, nicht chattet und twittert und überhaupt mit den asozialen Medien nichts anfangen kann und will. Mir sehr sympathisch.
*
Auch Heinrich Popow fliegen die Sympathien entgegen. Dass er bei RTL mit abgeschnittenem Hosenbein tanzt, das seine Prothese zeigt, befremdet manchen, zumal Popow vor dem »Let’s Dance«-Start betont hat, keinen Behinderten-Bonus zu wollen. Da auch ich (wer nicht?) befangen bin, wenn es um Behinderungen geht, will ich Popows Erklärung lieber glauben (damit sich die Hose nicht in der Prothese verheddert), statt zu vermuten, dass RTL des Effekts wegen … ach, lassen wir das.
*
Unbefangen kann man feststellen, dass Tanzen zu den Sportarten gehört, bei der die Prothesentechnik selbst bei optimaler Entwicklung bestenfalls Chancengleichheit bewirken kann, keinen Vorteil wie bei Lauf oder Sprung. Die Prothesen-Technik »schreitet« stürmisch voran. Sozusagen als »Start up« wurde sie ja auch vom Pentagon gesponsort, als viele Soldaten mit Amputationen aus dem Irak zurück kamen. – Da fällt mir, siehe oben, ein weiterer Unterschied zwischen Vettel und Donald Trump auf: Der Rennfahrer twittert nicht. Allerdings: »Trump hat diesmal nicht getwittert, er hat geschossen« (FAS). Denn: »So ist das heute in Washington: Da sitzt ein Wutbürger, der Marschflugzeuge losschicken kann« (SZ).
*
Das können unsere nicht, zumal deren Zorn stark nachzulassen scheint. Zu Werbezwecken lässt die AfD nun zwar keine Schwerter zu Pflugscharen einschmelzen, aber Schokolade zu Osterhasen. Problem: Stand heute beträgt die Lieferzeit knapp drei Wochen. Für die AfD kommt Ostern zu früh. Und die Wahl zu spät. Wenn man den Umfragen trauen darf. Aber das darf man ja schon lange nicht mehr.  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle