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Sport-Stammtisch (vom 8. April)

Sooo groß in der Zeitung: »Polizei sucht mit Bild von Bushido nach Räuber« (Welt). Was es alles gibt! Wieder gibt. Denn schon im zweiten Sport-Stammtisch überhaupt (28. März 1979) war ich der Polizei ein Freund und Helfer, als ich auf Bitten des Kriminalkommissariats aus unserem Sportbild-Archiv ein halbes Dutzend Porträts des damaligen Turn-Asses Eberhard Gienger heraussuchte, um bei der Fahndung nach einem Mann zu helfen, der eine Apotheke überfallen hatte und Gienger nach Zeugenaussagen sehr ähnlich sah. Mit Hilfe unserer Fotos wurde ein Phantombild erstellt, so wie jetzt mit einem Bild des Rappers, der einem Mann verblüffend ähnlich sein soll, der eine Frau in Buxtehude »auf offener Straße« ausgeraubt hat.
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»Auf offener Straße« geschieht so viel Böses, man sollte sie endlich schließen. – Kleiner Scherz, sorry. Aber noch einmal zu Gienger, der seit 2002 CDU-Mitglied des Deutschen Bundestages ist. Als Turner war er langjähriger und vertrauter Patient des umstrittenen Freiburger Sportmediziners Prof. Armin Klümper, für den er damals im Namen vieler unterschreibender Spitzenathleten ein Solidaritätsbekenntnis veröffentlicht hat. Heute könnte er sicher sehr interessante Dinge aus früheren Zeiten erzählen …
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Formuliert hatte das Solidaritätsbekenntnis ein anderer Athlet. Der beliebte und bekannte Gienger war als Galionsfigur der Pro-Klümper-Aktion einfach die bessere Besetzung als sein Ghostwriter, ein vergleichsweise unbekannter Kugelstoßer aus Mittelhessen.
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Aber mit dem wieder einmal künstlich hochgeköchelten Thema will ich heute nicht langweilen. Es gibt wichtigere Dinge. Die taz, Flaggbötchen des investigativen Journalismus, hat gründlich recherchiert und Erstaunliches über den Schalker Manager erfahren: »Seit zehn Monaten fährt Christian Heidel täglich die 15 Kilometer hin und her zwischen Gelsenkirchen und seinem Wohnort Essen.« Das sind Strapazen! Ein schlimmeres Los haben allenfalls ein paar tausend mittelhessische Frankfurt-Pendler erwischt. Aber die erleben keine Sensationen wie Heidel, der für die taz »ein nettes Tankstellenerlebnis« vor dem Derby offenbart: »Die Dame an der Kasse fragte mich, wie es ausgeht.« – Hat sie wirklich? Wie isses bloß möglich?!
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Welches Auto Heidel fährt, hat uns die taz leider nicht überliefert. Da recherchiert ein Sport-Bild-Reporter sehr viel gründlicher, liegt auf dem ManU-Trainingsgelände auf der Lauer und zerrt einen Skandal um Zlatan Ibrahimovic ans Licht der Öffentlichkeit. »Mit ernster Miene sitzt er hinterm Lenkrad seines schwarzen SUV, einem XC90 von Privatsponsor Volvo. Zeit für Autogrammjäger nimmt er sich nicht. Auch mich würdigt er keines Blickes.« – Selbst dich nicht?! Sach ma, Ibra, was bist du denn für ein Stoffel! Ganz anders ManU-Trainer José Mourinho: Der »lässt sich in der Luxuslimousine Jaguar XJ chauffieren«, und »im Gegensatz zu Ibrahimovic nahm er sich für einen kurzen Handschlag und einen Mini-Smalltalk mit mir Zeit.« Böser Zlatan, lieber Jose? Eher ein irritierendes Indiz für groteskes journalistisches Selbstverständnis.
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Ibrahimovic, alter Schwede! Wenn du das nächste Mal auf dem Weg zum Training bist, hält der Reporter ein Schildchen hoch, wie die Damen vom Reisebüro am Flughafen, und wenn du einen dir unbekannten Namen und den Schriftzug »Sport-Bild« siehst, hältst Du gefälligst sofort an und erweist dem Mann die gebührende Ehre. Ist das klar?!
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So. Das wäre geklärt. Ratlos bin ich bei einem anderen schwedischen Problem. Seit März gibt es ein Gesetz, dass Fußballfans untersagt, sich auf der Tribüne vermummt zu zeigen. Da dies nicht für Verschleierungen aus religiösen Gründen gilt, kamen Fans von AIK Solna auf die Idee, sich mit einem muslimischen Gesichtsschleier, einem Niqab, zu vermummen. Nettes Happening. Man stelle sich bloß Joschka Fischer und seine Schlägergang vor, wie sie am Frankfurter Pflasterstrand in der Burka Polizeiabsperrungen stürmen. Da spritzt der Wasserwerfer euch nicht weg, da lacht er Tränen.
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Ganz anderes Thema, aber ebenfalls eine nette Idee: Ein Spezialunternehmen, das Arme und Hände für Roboter produziert, hat einen äußerst kompetenten Markenbotschafter. Nicht Oliver Kahn, der ja als Zocker-Lobbyist tätig ist,  sondern seinen ewigen Konkurrenten Jens Lehmann. Werbeslogan mit ihm für die Roboter-Hände: »Die Nummer eins im Greifen.« Pfiffig.
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Oh, soeben lese ich noch mal über den bisher geschriebenen Text und stoße auf dies: »Welches Auto Heidel fährt…« Hat er schon ein selbstfahrendes? Da mache ich mich immer über Subjekt-Objekt-Verwechslungen lustig, und hier fabriziere ich selbst eine. Zugabe von Martin Obermann,  den ich »auch zu einem Jäger der S.-O.-Verwechslungen ›angestoßen‹« habe: »›Dieser Affront gegen die Menschlichkeit des Assad-Regimes kann nicht toleriert werden‹ wird  Trump zitiert. Menschlichkeit ist es eben gerade nicht, was das Regime auszeichnet. Jetzt könnte man spitzeln, der Zitierte scheint auch viele andere Dinge zu verwechseln, warum nicht auch Subjekt und Objekt. Leider ist das Thema an sich dafür aber viel zu ernst.«
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Gefunden hat Martin Obermann das schaurig-schöne Stück … bei uns. Ebenfalls in unserer Zeitung ist Walther Roeber fündig geworden, denn in einem Artikel über die Arbeit des Flughafen-Zolls stieß er auf diesen schönen Satz: »Eine Buddha-Figur aus Elfenbein in einer Handtasche aus Waran-Leder entdeckte der Zoll – als Reiskocher getarnt – in der Post.
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Wundern sie sich also nicht, wenn sie demnächst aus dem Urlaub zurückkommen und ein Reiskocher in ihrem Reisekoffer wühlt. Der darf das und findet alles.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle