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Montagsthemen (vom 3. April)

Haken wir zuerst die Pflichtübungen ab. Dass niemand die umstrittene Hand-Regel versteht, auch die Schiedsrichter nicht, liegt nur an der Verklausulierung. De facto ist sie zwischen den verwirrenden Zeilen glasklar formuliert: Hand ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Wer’s objektiver haben will, muss die Regel ändern.
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Tabellen-Regel: Vorne ist, wer das größte Budget oder/und den größten Sponsor hat. Siehe das Sandwich-Quartett: Mateschitz/Hopp zwischen Bayern/BVB. Damit serviere ich aber auch einen sehr populistisch schmeckenden Hamburger, denn die Sache ist etwas komplexer. Siehe HSV-Kühne, dessen massives Sponsoring jahrelang nur zur Abstiegsverhinderung taugte, oder Hopp, der kein richtiger Sponsor, sondern ein echter Mäzen ist. Und erfolgreicher als alle vergleichbaren Nur-Sponsoren.
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Pflicht erledigt. Nun zur Kür. Da dachte ich, den 1. April überstanden zu haben, ohne von den üblichen Scherzen belästigt zu werden, bis Aubameyang seinen alten Masken-Witz auspackte. Bin ich humorlos, wenn ich solche öden Gags humorlos finde? Mein Lächeln gilt eher der Hammer-Meldung vom dpa-Newsdesk, der mit diesem sensationell bedeutsamen Satz des Schalker Derby-Helden Thilo Kehrer die Fußball-Welt erschüttert: »Ich freue mich riesig über mein Tor.« Wer hätte das gedacht? Er freut sich! Sogar riesig! Unglaublich.
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Aber schon bald danach toppt die dpa ihre Sensation mit einem entlaufenen Hauskaninchen, das sich unter einem Auto versteckt. Die Aufforderung, sich mit erhobenen Löffeln zu ergeben, bleibt vergebens, so dass ein Polizist zum finalen Mittel greift, die Waffe zieht und sie auf den Kopf des Kaninchens richtet: eine Karotte. Das verwirrte Tier will aber nicht mümmeln, sondern hoppelt verschreckt in den Motorraum, wo ein Polizei-Azubi den Fall mit energischem Zugriff löst. – Sehr hübsch. Sogar freiwillig komisch. Darüber kann ich breiter schmunzeln als über fade Aprilscherze. Macht jedenfalls mehr Spaß, als … noch mal dpa, diesmal Thomas Müller nach seinem Treffer gegen Augsburg zitierend: »Toreschießen macht Spaß.« Mhmm. Als ihm sein Gegenspieler beim Torschuss von hinten fies in die Hacken trat, habe ich einen Torschützen noch nie derart spaßerfüllt jubeln sehen. Am liebsten hätte er den Augsburger vor Freude erwürgt.
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Zum Glück hat kein Lippenleser entziffert, was Müller herausgeschimpft hat. Außerdem hält dessen Zorn auf den Augsburger nur Sekunden, der von Ronald Koeman auf die Deutschen lebenslang. Und damit zum Sieger im großen Derby. Der heißt Klopp, nicht nur, weil er für die Südtribüne immer noch der wahre BVB-Trainer ist, und nicht Tuchel, mit dem sie ebenso fremdelt wie er mit ihr. Klopp gewann das Liverpooler Stadtderby gegen Everton, dessen Coach Koeman danach über Klopp schimpfte und knurrte »Ich mag solche Trainer nicht.«
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Nun wissen wir ja seit der EM 1988, als sich Koeman in einer visuellen analen Beleidigung mit Thons Trikot den Hintern abwischte, wie sehr er uns mag. Allerdings wusste Koeman nicht, dass er sich damit als Deutscher im Geiste outete, wie ja überhaupt enge unfreundliche Verhältnisse wie die zwischen Holländern und Deutschen oder, um es auf die feindliche Spitze zu treiben, zwischen Offenbachern und Frankfurtern nur eine Art Selbsthass sind.
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Denn wie schimpfen Engländer, Italiener, Franzosen, Spanier oder Argentinier? Zum Beispiel Messi, der jetzt gesperrt wurde, weil er den Schiedsrichter-Assistenten mit »Concha de tu madre« (»Muschel deiner Mutter«) beschimpfte. Oder Materazzi, der Zidane im WM-Finale mit »Du mit deiner Nutten-Schwester« zur Weißglut und Italien zum Titel trieb. Ja, in anderen Sprachen kommen die Schimpfwörter aus dem genitalen und sexuellen Bereich, während wir uns im Analen suhlen, besonders eklig der alte Götz, der ja nicht am, sondern sogar im, sorry, Arsch geleckt werden wollte.
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»Fuck!« versus »Scheiße!« Sehr entblößend. Sind wir in unserer nationalen Entwicklung in der zwanghaften, der analen Phase, nun ja, stecken geblieben? In seinem bahnbrechenden Werk »Grundformen der Angst« unterscheidet Fritz Riemann zwischen überwiegend schizoiden, depressiven, zwanghaften und hysterischen Grundformen der Persönlichkeit. Bei mir überwiegt … ach, das geht Sie nichts an. Es ist jedenfalls nicht die zwanghafte. Denn dazu gehören ständige Nörgelei bei gleichzeitig ausgeprägtem Untertanengeist, der Stolz auf den Gehorsam, Statistikerei und Einordnungs-Manie, Ordnung, Sparsamkeit, Sauberkeit, Pflichtbewusstsein, Pedanterie, Gründlicheit … und was ich noch so alles in statistischer Einordnungs-Manie auflisten könnte. – Wie zwanghaft deutsch sind Sie?
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Und wie flucht ein katholischer Eintracht-Fan nach dieser prima Leistung, die nicht gebührend belohnt wurde? Scheiße? Nein. Fuck! Auch nicht. Selbst »Sakrament!« ist ihm verboten. Sack Zement! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle