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Sport-Stammtisch (vom 1. April)

Muss ich wirklich alles wiederholen, was ich seit Jahren und Jahrzehnten zu diesem »aktuellen« Thema geschrieben habe? Nein, ich lasse mich nicht am Nasenring durch die Manege führen, ich tanze lieber nach meiner eigenen Pfeife. Wer sich ein Urteil erlauben will, möge bitte das »Sport-Leben« im Blog »Sport, Gott & die Welt« lesen (www.anstoss-gw.de). Wem diese 90 Minuten Lesezeit zu viel vergeudete Lebenszeit sind (ich kann das gut verstehen!), sollte sich aber eines Urteils enthalten. – Wer nun fragt, worum es eigentlich geht und ob er etwas verpasst hat, den kann ich beruhigen. Es geht um Doping. Gähn. Also nichts verpasst.
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Manche sehen es als mutig und verdienstvoll an, dass ich frühzeitig (exakt: erstmals 1985) »ausgepackt« habe. Zu viel der Ehre! Ich hatte mangels echtem Erfolg nichts zu verlieren, weder Ruhm noch Geld noch Medaillen, da offenbart es sich leichter, zumal die Ehrlichkeit beruflich von Vorteil war – so authentisch und glaubwürdig konnte kein anderer Journalist das Thema beackern. Alle benötigten Informanten. Ich war mein eigener.
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Ich wollte nie ein Heuchler sein. Daher habe ich auch darauf verzichtet, mich als das einzige weiße Schaf unter schwarzen zu rühmen. Hätte ich aber tun und mir einen Ehrenplatz in der Anti-Doping-Geschichte sichern können. Denn ich war der erste und einzige Athlet weltweit, der sich freiwillig unangemeldeten Trainingskontrollen unterzogen hat, ohne »missed tests«, ohne Vorankündigung, ohne eine einzige Sekunde Manipulationsmöglichkeit. Damit galt ich als sportlicher Selbstmörder, die deutsche Presse berichtete zunächst groß vom vermeintlichen Himmelfahrtskommando – und dann gar nicht mehr, da ich absolut »sauber« war. Nicht gedopt zu sein war keine Schlagzeile wert. Warum ich mich dennoch nicht zum verhinderten Olympiasieger 1976 hochgeheuchelt habe … ist eine längere Geschichte. Steht ebenfalls im »Sport-Leben«.
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Frage für Kenner. Wer hat 1977 in einer Bundestags-Anhörung zum Thema »Leistungsbeeinflussende und leistungsfördernde Maßnahmen im Hochleistungssport« diesen Satz gesagt: »Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.«
Wer es nicht weiß, ahnt es auch nicht. Es sprach der Vorsitzende des CDU-Bundestagsfachausschusses Sport. Name: Wolfgang Schäuble. Aber 30 Jahre später forderte er: »Ich halte es für wichtig, dass Doping auch die Sportkarriere kosten kann.« Wie gut, dass für politische Karrieren keine sportlichen Maßstäbe gelten, sonst hätte die »schwarze Null« heute eine ganz andere Bedeutung.
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Der junge Schäuble sprach bemerkenswert verantwortungsethisch. Der alte, nun ja, selbst der gefürchtete Knurrer könnte es sich heutzutage nicht leisten, zu seinen frühen Worten zu stehen, diesem Zeugnis einer anderen Zeit, die man langsam zu den Akten legen und sich auf die Gegenwart konzentrieren sollte. Schließlich waren gedopte Sportler keine Nazi-Mörder oder KZ-Schergen. Obwohl manche Gesinnungsethiker sie wie solche behandeln. Jene, die sich in sublimierender Selbstbefriedigung an den Doping-»Sündern« moralisch erhöhen. Immerhin eine technisch anspruchsvolle Übung, da der ausgestreckte moralische Zeigefinger abgespreizt werden muss.
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Jetzt aber Schluss! Sagten sie auch in Dortmund zu ihrem TM-Experten, der nach einem halben Jahr wieder entschweben muss. Ja, entschweben, und das ist für ihn eine leichte Übung, denn sie gehört zu den Grunderfahrungen der Transzendentalen Meditation (TM). Aber: Hessen vorn! Mit TM ist Frankfurt den Dortmundern so weit voraus wie der BVB sportlich der Eintracht, denn schon 1977, im Jahr des frühen Schäuble, verkündete »Pardon«-Herausgeber Hans A. Nikel auf dem Titelblatt in heiligem Ernst: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet und fest davon überzeugt, dank TM im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können.
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Womit wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann. Auch den des »Sport-Lebens« nicht. Die von Nikels transzendentalem Sendungsbewusstsein genervten Frankfurter Satire-Größen um Robert Gernhardt gründeten ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit fast 40 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Spur zu bleiben. Leider wird die Satire immer öfter des realen Wahnsinns fette Beute.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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