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Freitag, 31. März, 8.35 Uhr

“Sport-Stammtisch” steht schon online. Gestern Abend und heute früh geschrieben, wegen häuslicher und freizeitsportlicher Verpflichtungen. Man muss eben Prioritäten setzen.

Der  Verweis aufs “Sport-Leben” ist mit Lese-Mühe verbunden. Daher habe ich nun doch den Abschnitt über das “weiße Schaf” herauskopiert … voila:

 

 

Ich rufe den Leichtathletik-Chef einer Nachrichtenagentur an und erläutere ihm mein Vorhaben: »Ich will beweisen, dass man ohne Anabolika über . . . « – ich stocke, im letzten Moment rettet mich meine Rest-Vernunft, statt 21 sage ich: – «. . . 20 Meter weit stoßen kann. Ich bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.«

Der Agentur-Mann, von Haus aus Langstreckler, ist begeistert. Solch ein Narr kommt ihm gerade recht. Er schreibt einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erscheint. Er organisiert die Kontrollen. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten deutschen Dopingjäger, wird auf mich angesetzt. Sie sind sicher, dass sie mich packen werden.

Mir soll’s nur recht sein. Ich fühle mich herrlich. Endlich vom Anabolika-Joch befreit! Mehr als mir bewusst war, habe ich darunter gelitten, dass mein geplanter jährlicher Leistungshöhepunkt stets mit fremder Hilfe zustande kommen sollte. Dass ich ohne Anabolika 21 Meter weit stoßen müsste, steht für mich zweifelsfrei fest. Dass ich ohne Anabolika 20 Meter weit stoßen kann, habe ich schließlich schon bewiesen. Bisher allerdings nur mir selbst – andere, auch Fachleute, hatten es nicht geglaubt, dass ich in den Aufbaumonaten aus Prinzip keine Anabolika einnehme.

Ich trainiere. Alles läuft wie geplant, wie immer. Ich hoffe auf viele Kontrollen. Aber niemand kommt. Das ärgert mich, denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung verfestigt: Jeder, der 20 Meter und mehr stößt, nimmt Anabolika. Auch die Fachleute vertreten diese Meinung, und vor allem Kugelstoßer, die mangels Talent und/oder mangels Trainingsfleiß bei 14, 15, 16 oder 17 Meter stehengeblieben sind, unterstützen diese These und stellen sich als lebende Beweismittel zur Verfügung. Manch einer redet sich zum verhinderten Weltrekordler hoch. Ich stehe allerdings direkt daneben im selbstillusionären Wolkenkuckucksheim, denn ich rede mich nicht zum verhinderten Weltrekordler hoch, sondern fühle mich sogar als verhinderter 22-Meter-Weltrekordler. Aber nur 1975 – danach geht die Anabolika-Post ab in Richtung 23 Meter!

Auch die Kugelstoßer nahe meiner Leistungsklasse, vor allem die deutschen Konkurrenten, die ich in den letzten Jahren überholt habe, bleiben misstrauisch. Sie glauben, ich trickse, oder argwöhnen, dass ich vom sozialen, chancengleichen Anabolika-Doping auf etwas anderes übergewechselt bin, auf ein wirksameres Mittel, das ich ganz für mich alleine habe. Wahrscheinlich hätte ich auch so gedacht. Es wäre Betrug, ein unverzeihlicher Verstoß gegen Fairness und Chancengleichheit, wenn man ein leistungssteigerndes Mittel nimmt, das andere nicht kennen. Schließlich war für mich die Grundvoraussetzung, mit dem Kugelstoßen zu beginnen, der weltweite Leistungsvergleich auf chancengleichem Niveau. Beim Sprint kann man die persönlichen Bestleistungen wegen der Unterschiede von Laufbahnbeschaffenheit und Windgeschwindigkeit nicht objektiv vergleichen, sogar beim Diskuswerfen kann die Scheibe bei günstigem Gegenwind im Extremfall fast zehn Meter weiter fliegen als bei ungünstigen Windbedingungen. Nur beim Kugelstoßen ist der weltweite Leistungsvergleich gegeben – wenn alle sich an alle Vorgaben halten. Und zu den Vorgaben gehören eben auch die Anabolika. Meinen Verzicht sehe ich als selbstgewähltes Handicap im Dienste einer guten Sache.

Ich genieße die neue Rechtschaffenheit des kategorischen Anabolika-Verzichters. Als es am Ostersonntag abends gegen elf Uhr läutet und der Doping-Jäger vor der Tür steht, empfange ich ihn mit jubelnder Freude. Endlich! Seit acht Monaten habe ich keine einzige Pille geschluckt, und jetzt werde ich getestet. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test wird es nicht einmal in zwanzig Jahren geben: ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt. Der Dopingtester erscheint wie aus heiterem Himmel, drückt mir das Röhrchen in die Hand, das sofort gefüllt werden muss. Keinerlei Manipulationschance. Selbst kurz vor dem Ende unseres Jahrhunderts wird es bei den Dopingtests noch Schlupflöcher geben, Vorankündigungen und stundenlange Verzögerungsmöglichkeiten, obwohl man weiß, dass bei den neuen Doping- und Doping-Verschleierungsmitteln wenige Stunden genügen, um »Sauberkeit« vortäuschen zu können.

Ich habe Verschleierung nicht nötig. Ich bin sauber, und ich bin stolz darauf. Dieses befriedigende Gefühl lässt mich sogar daran denken, in Zukunft auch im Sommer immer auf Anabolika zu verzichten. Einundzwanzig Meter sind doch auch ganz schön, vor allem, wenn man weiß, dass man der einzige Ungedopte unter den Spitzenstoßern ist.

Der Dopingfahnder lässt sich von meiner guten Laune anstecken. Stolz und freudestrahlend erzählt er von seinem Hobby: Urinproben bekannter Sportler. Er sammelt sie zu Hause in einer Vitrine. Ein schönes Hobby. Ich befürchte aber, dass meine Urinprobe auch in die Vitrine wandert, und zwar ohne Labor-Untersuchung. Ich bedränge den Pipi-Fetischisten, meinen Urin auch ja untersuchen zu lassen. Er verspricht es, doch ich traue ihm nicht. Er kommt nie wieder. Als ich ihn später bei einem Wettkampf treffe, mahne ich weitere Kontrollen an. Er beruhigt mich: Dass ich unter Kontrolle stehe, sei die Hauptsache, wie viele Kontrollen gemacht würden, sei nebensächlich. Ich befürchte, dass kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer besteht.

Der Agentur-Sportchef widmet dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr, der Apotheker kommt nie mehr.

Die anabolikalose Freiluftsaison hat begonnen. Alles läuft in den gewohnten Bahnen. Doch langsam werde ich nervös. Auch in anderen Jahren stoße ich in den Aufbaumonaten nicht weiter als jetzt, im Gegenteil, im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bin ich in fast allen Kontrolldisziplinen stärker. Zu größeren Wettkämpfen trete ich in dieser Phase nie gerne an. Es gibt nur zwei Pflichttermine: den Vor- und den Endkampf der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Mein Verein nimmt diesen Wettbewerb im Gegensatz zu mir sehr ernst, man ist stolz auf eine ganze Reihe von deutschen Meistertiteln. Selbstverständlich besteht Teilnahmepflicht. Ich stoße 18,70 Meter weit, morgens um neun Uhr und bei so vielen Teilnehmern, dass zwischen jedem der vier Versuche (mehr gab es bei diesen Wettkämpfen schon damals nicht) 40 Minuten nervtötende und leistungsmindernde Zwangspause liegen. Ich könnte zufrieden sein. Alles im Lot. Es läuft. Ich stecke noch voll im Aufbautraining, habe noch viele Wochen Zeit, im kommenden Wettkampftraining schneller, explosiver und sicherer zu werden. Doch ich werde nervös, weil ich nicht die Selbstsicherheit besitze, Einflüsterungen Gutgesinnter und hämische Kommentare vergrätzter Konkurrenten zu ignorieren. »Das schaffst du nie, du musst den Stoff nehmen, sofort, ehe alles zu spät ist!« »Wo bleiben denn die 20 Meter? Dein neues Mittelchen wirkt wohl nicht?« Tenor: »Das hast du nun davon!«

Ich kapituliere. Mit einem hochrangigen Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und dem Trainer meines Vereins spreche ich die Strategie ab. Wie kann ich in den Schoß der Anabolika-Gesellschaft zurückkehren? Unser Plan: Den nächsten freiwilligen Dopingtest werde ich ablehnen. Mit meiner Aktion habe ich, soll ich sagen, dem Verband, dem Verein und vor allem meinen Sportkameraden einen Bärendienst erwiesen. Es sei egoistisch und unsportlich, mich als weißes unter lauter schwarzen Schafen öffentlich erkennen zu geben. Das müsse ich aus Fairnessgründen revidieren. Ich sei und bleibe zwar ein anständiger, sauberer Leistungssportler, aber ab sofort würde ich nicht mehr mit einer eigensinnigen, mir nützlichen und anderen schadenden Einzelaktion vorpreschen. Kontrollen – ja bitte, ja gerne, aber nur nach dem Zufallsprinzip und bei Wettkämpfen, wie das 1975 üblich ist. Über diese Erklärung hinaus haben mir, so die Strategie, Verband und Verein Sprechverbot auferlegt, bei Zuwiderhandlung könnte ich gesperrt werden, es tue mir leid, das verstehe man ja wohl, wenn es noch Fragen und Forderungen gäbe, solle man sich schriftlich an Verein und Verband wenden.

Eine Zentnerlast fällt von mir ab. Ich gehöre wieder dazu. Alle sind wieder freundlich zu mir.

 

 

Da der Kontrolleur und die Medien die Lust verloren hatten und ich nicht mehr kontrolliert wurde, musste ich dieses Ausredengeflecht nicht anwenden. Im selben Jahr stieß ich mit 20,12 m meine Bestleistung, im folgenden scheiterte ich an der intern auf 20,60 m hochgeschraubten Anabolika-Olympianorm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (der an dieser absurden, an den DDR-Spitzenleistungen orientierten Norm weniger schuld war als NOK, DSB, Medien und vor allem BAL, die lieber noch höhere Normen verlangt hätten, Stichwort Olympia-Touristen). Ich hätte also sehr überzeugend behaupten können, ungedopt über 20 m gestoßen zu haben, von den bundesdeutschen Doping-Förderern aber von Olympia ausgeschlossen zu werden. Ich wäre auf ewig eine Galionsfigur des sauberen Sports geworden. Stattdessen habe ich ohne Not alles zugegeben, der Sache wegen, des Sports wegen.

Und Sie? Was hätten Sie an meiner Stelle getan?

Ich glaube zu wissen, was viele heutige Anti-Doping-Moralisten getan hätten.

Baumhausbeichte - Novelle