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Hansjörg Kofink: Mail an vier Ex-Werfer

Ich weiß, dass eine Mail an euch alle zusammen eine Zumutung ist, für den einen mehr, für den anderen weniger (Anm.: sie ist an vier Ex-Werfer gerichtet, u.a. an mich; andere Namen mache ich unkenntlich. G.S.) . Die Krivec-Dissertation, von der ich schon seit geraumer Zeit weiß, hat zum hundertsten – hab ich mich verzählt? – Mal zu einer Neuentdeckung des West-Dopings – so heißt das in den neuen Bundesländern – geführt. Wir alle sind uns dabei persönlich begegnet mit Ausnahme von Gerd.

Warum habe ich mich in SZ (heute im Blatt) und ZEIT geäußert? Der persönliche Kontakt mit Johannes Knuth (SZ) entstand ebenso wie der mit Oliver Fritsch (ZEIT) bei der DOH-Preis-Verleihung an Juliya Stepanova am 3.12.16 in Berlin.

Ich hatte mit X einige Gespräche und Mailwechsel über  Vergangenheit. XX,  der sich vor München immer wieder – im kleinsten Kreis – beklagt hatte, dass das Zeug bei ihm nicht wirkt, konnte ich bei der Einkleidung für München, die für mich ja eine Nullnummer wurde, beruhigen: Ich konnte, hinter ihm stehend, nicht mehr an ihm vorbeigucken.

XXX habe ich erst im neuen Jahrhundert bei einer Zeitzeugen-Kommission der Freiburg-Kommission – inzwischen das Chaos pur – in Köln kennengelernt.

Gerd kannte ich lange nur(!) über sein Sportleben  “Für mich waren Anabolika nie ein Problem der Fairness, Ethik oder Moral” . Irgendwann hatten wir einen Mailwechsel, den er auch öffentlich machte.

Es ging immer um dasselbe Thema, das einige von euch schon zu ihrer Aktivenzeit bei Verband und Öffentlichkeit angesprochen haben, es ging nach der Wende auch vor Gericht und letztlich seid ihr immer mehr oder minder einzeln im Fokus gestanden und andere haben euch dafür nicht geliebt. Ich selber habe erlebt, dass 1972 Anabolika-Doping zwar in der Bildzeitung stand, Y sich vor ein paar Jahren nur noch an Amphetamine erinnerte, während die Staffelkameradin YY ganz andere Erinnerungen hatte. Ich war nach 1972 raus, zumal auch die Presse auf den Rauswurf der Kugelstoßerinnen nicht reagierte. Das änderte sich 1977 dramatisch, als die Kolbe-Spritze u.a. aufbereitet wurde. Erst in der Wendezeit – ich war seit Mai 1989 Präsident des Deutschen Sportlehrerverbands – stieg ich wieder ein, als ich sah, dass Dressel, Ben Johnson usw. die Sportvereinigung nicht davon abhalten konnte, Margitta Gummel u.a. fürs NOK vorzuschlagen, Munzert nach seiner Grabrede für Dressel gemobt wurde und der DLV DDR-Trainer lange vor den DSB-Kommissionen in Kompaniestärke einstellte. Mir ging es damals um die Wirkung auf die Schule, den Schulsport. Ab Mitte der 90er Jahre sah ich, dass ich auf verlorenem Posten stand. Erst nach meiner Pensionierung 2000 nahm ich den Kampf wieder auf. Ich kannte die gesamte Funktionärsgilde, zum Teil persönlich, ich traf auf Athlet(inn)en in der Senioren-Leichtathletik, die zuvor aktiv in vorderster Linie kämpften (Ivanova!) und ich erlebte Digel – ich kannte ihn schon seit den 80er Jahren – wie er seine Schrift Römische Verhältnisse (1992) in die Tat umsetzt. Der Fall Dieter Baumann fand vor meiner Haustüre statt, und ich hatte zwei Frauen in der Familie, die Dopingproben abliefern durften. Unsere Jüngste ging dann noch nach Jena zum Studium (1996) unter ‘einer’ Bundestrainerin YYY..
Gerd hat sein Sportleben in den 80er Jahren öffentlich gemacht, er hat zur Vereinigung Klartext gesprochen – das hat Hans Lenk auch, wo ist er heute? XXX hat mindestens drei Anläufe gemacht, um das öffentlich zu machen, was er erlebt hat. Dass dabei ‘Kameradschaft’ – was ist das? – in die Brüche gegangen ist, kann man nachvollziehen, aber nicht verstehen. Er geht heute in Schulen und spricht über Doping. Und er hat DLV und die Staatsanwaltschaft Darmstadt 1989 informiert. X hat im August 2013 seine Erlebnisse öffentlich gemacht, wie viele andere auch. Mit XX habe ich mich (2011, 2016) eingehend unterhalten. Ich bin sehr froh, dass er die Kurve gekriegt hat, um das zu sagen, was er zu sagen hat. Bei YYYY hatte ich – wie erwartet – keinen Erfolg. Ich schrieb sie privat an, doch sie antwortete nicht. Ich kann das verstehen. Die Olympiasiegerin von 1984 Ria Stalman war da mutiger!
Warum das alles? Der Spitzensport steht unter Gneralverdacht. Zurecht, meine ich, auch wenn sich ein Robert Harting darüber beklagt. Wenn ihr/wir den nachwachsenden Sportlern, die sich auch um Spitzenleistungen bemühen, helfen wollen, müssen wir klar sagen, was war. Es gibt heute keine vernünftige Begründung mehr, warum in der Schule Leistungssport etwas Vorbildliches sein soll. Es bleibt aber der Wunsch, persönliche Bestleistungen anzustreben. Das braucht aber Vertrauen gegenüber dem Wettkampfpartner, der Gültigkeit von Regeln und denen, die Wettkämpfe ausrichten. Das ist heute alles zerstört. Darum gebe ich heute im blühenden Alter von 80 Jahren noch lange Interviews.
Bitte, stellt euch eurem Anteil an der Geschichte, die kommenden Generationen – auch ihr habt Kinder und Enkel – werden es euch danken! (Hansjörg Kofink)

Baumhausbeichte - Novelle