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Sonntag, 26. März, 6.50 Uhr

Gestern war’s um diese Uhrzeit noch eine Stunde früher. Die fehlende versickerte heute Nacht in der Sommerzeit und taucht zur Winterzeit wieder auf. Kinder, wie die Zeit vergeht, dachte ich auch gestern. Zwei Mal. Erst schaufelte ich die 80 cm tiefe, ein Meter lange und 60 cm breite Grube wieder zu, die wir vor fünf Wochen ausgehoben hatten. Für unsere Methusalemin von Hund, die nicht mehr fraß, apathisch war, hinten nicht mehr hoch kam, von Tumoren übersät, von denen der des Lungenkrebses der unwesentlichste war (damit, nicht davon stirbt so ein alter Hund)  - ein Bild des Elends. Der schwere Entschluss war gefallen, die Tierärztin schon im Haus, letztes Gespräch vor dem Einschläfern … wir konnten es noch nicht, verschoben die Aktion um einen oder zwei Tage … und ein kleines, ein großes Wunder geschah. Als sei sie in einen Jungbrunnen gefallen, erholte sie sich von Stunde zu Stunde und ist jetzt fast wieder die “Alte”. Klar, auch dank hammerharter Medikamente. Aber sie leidet nicht und hat Freude am Leben. Kaum zu glauben, wie furchtbar sie darnieder lag. Natürlich wissen wir: nur ein Aufschub. Aber ein Geschenk.

Wie nah mir das ist, und wie fern die alte Sportlerzeit. Als wär’s  kein Stück von mir. Aber sie holte mich ein, als ich nach getaner Schaufel- und sonstiger Gartenarbeit rechtschaffen müde vor dem Fernseher saß und vor dem (bärenstarken) ZDF-Krimi die Tagesschau sah. Kürzlich erst schrieb ich hier im Blog (und am Donnerstag im “Rück-Blog” für die Druckausgabe) über die Doktorarbeit des Sohnes eines früheren Dreispringers, der dafür auch Teile aus meinem “Sport-Leben” (siehe Link rechts) verwendete. Alte Geschichten, heute nicht mehr von Belang, dachte ich, außer für solch eine historisch-dokumentarische Doktorarbeit. Dass auch in der alten Bundesrepublik flächendeckend gedopt wurde, aber nach “föderalistischem” statt zentralistischem System, dass Doping zudem bei uns staatlich, medial und öffentlich gefordert und gefördert wurde … alte Hüte, die ich seit Jahrzehnten oft und viel zu oft in den Ring geworfen und die Leser, wie ich vermutete, damit manchmal gequält und, schlimmer noch, gelangweilt habe.

Aber damit scheinen unsere Leser immerhin exklusives Wissen erhalten zu haben. Darauf bilde ich mir nichts ein, denn dass und warum ich aufklären konnte, ist kein persönliches Ruhmesblatt, sondern es liegt ja am Wissen aus erster Hand, aus meiner, und alle anderen Journalisten konnten allenfalls aus zweiter Hand berichten, und von erster zu zweiter Hand geht immer viel an Wahrheit verloren (übrigens ein immanentes Problem des investigativen Journalismus). Dann sitze ich also gestern Abend vor dem Fernseher, und am Schluss der Tagesschau, die in den letzten Monaten vom Wintersport dominiert worden war (der mich ebenso nervte wie vermutlich manchen Leser meine in den Ring geworfenen Doping-Hüte), folgte statt Ski und Rodel plötzlich der Bericht über die Doktorarbeit von Simon Krivec, des Dreispringer-Sohnes, unter der “brandaktuellen” Schlagzeile des flächendeckenden Dopings in der alten Bundesrepublik. Und heute früh sehe ich auch bei Bild online und anderswo sooo große Schlagzeilen zum “brandaktuellen” Fall. Komische Geschichte(n).

Klar, die Doktorarbeit ist wichtig. Krivec hat offenbar verdienstvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet (so weit ich das nach den paar Seiten beurteilen kann, die er mir – über mich – vorab überlassen hat). Sehr akribisch, sehr genau, sehr zutreffend. Vielleicht veröffentliche ich in ein paar Tagen längere Ausschnitte oder schon in den Montagsthemen kürzere. Aber er hat “nur” wissenschaftlich einwandfrei bewiesen, was alle wussten bzw. zu wissen glaubten, wie ein Axiom, das so offensichtlich ist, dass es des Beweises nicht bedarf, um zu “wissen”: Dass morgen die Sonne aufgeht, zum Beispiel, was ich auch weiß, wenn ich die astrophysikalischen Hintergründe nicht kennen sollte.

Im Tagesschau-Bericht kam Klaus-Peter Hennig zu Wort, ein früherer Diskuswerfer gehobener Klasse (also höher als meine Kugelstoßer-Klasse). Ein guter Zeitzeuge, da klug, überzeugend und sachlich auftretend, ein gebildeter Mann, dezent und frei von jeglichem Verdacht der Sensationshascherei. Mit ihm habe ich vor ziemlich genau einem Jahr gesprochen, anlässlich des Oldie-Werfertreffens beim Diskus-Saisonauftakt in Wiesbaden. Da erinnerte er mich an eine alte Geschichte: Wie er beim Länderkampf gegen die USA in Durham seine Sporthose vergessen hatte und sich meine zuvor beim Kugelstoß-Wettkampf getragene auslieh. 1976 war’s, und wie damals üblich, trug ich meine Sporthose eher wie einen Slip, nämlich in Größe fünf, was bei meinen damaligen 130 kg (Hennig war nicht viel zarter gebaut) aus heutiger Sicht absonderlich gewirkt haben musste.

Von Simon Krivec’ Vater weiß ich noch, dass er einmal verkündet hatte, 18 Meter weit springen zu wollen. Damals eine völlig und vor allem für ihn utopische Weite. Ich, ein paar Jahre jünger, war davon aber überaus beeindruckt. Heute weiß ich, dass solche Ziele nur ein Vehikel sind, um sich mit aller Macht in das Training stürzen zu können. Als ich meine Bestweite von 20,12 m stieß und dpa einen Hintergrundartikel schrieb, übernahmen sie ein (zutreffendes) Zitat in die Überschrift: “20,12 Meter sind nur eine Zwishhenstation .” Hätte ich gewusst, dass sie schon die Endstation waren, wäre ich viel früher ausgestiegen.

Upps, ich schreibe und schreibe und merke, dass dies schon Montagsthemen in Langform sein könnten. Kürzen und komprimieren, ein oder zwei Themchen dazu, und fertig  ist die Montags-Kolumne. Zumal Formel 1 (trotz ihres hessischen Sympathieträgers) für mich kein Thema ist und das WM-Qualifikationsspiel zu spät kommt – spätestens gegen Mittag lasse ich sonntags den Griffel fallen und nehme Gartengeräte in die Hand. Oder das Rad. Fußball gucke ich dann später nur noch zur Entspannung. Oh, schon acht. Also netto sieben. Sommerzeit für KKKK. Der Kaffeeautomat gurgelt schon.

Baumhausbeichte - Novelle