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Sport-Stammtisch (vom 25. März)

Prinz Poldi ist im Volk schon beliebter als König Ludwig jemals war, und dieses kolossale Monument von Tor verschlägt uns mehr den Atem als Japanern der Anblick von Neuschwanstein. Schon sind wir beim Stichwort Kitsch und Thomas Müller. Als Regisseur wäre ihm diese Geschichte zu kitschig. Sagte er. Und seine Augen und Mundwinkel verrieten: Kitsch kann sooo schön sein!
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Außer dieser Sekunde für die Ewigkeit war das Spiel selbst keine fünf Pfennig wert, daher durften wir ja auch kostenlos zuschauen. Der schwache Scherz leitet zu einem starken Stück über. Jedenfalls wird als solches kritisiert, dass immer mehr Fußball immer öfter nur im Bezahlfernsehen zu sehen ist und die Champions League demnächst vielleicht zur Gänze. Aber warum auch nicht? Wir haben das gleiche Recht auf Champions League für lau wie auf kostenlose Liveübertragung von, sagen wir mal, einem Rolling-Stones- oder Adele-Konzert. ARD und ZDF sollten sich zur Grundversorgung auf Randsportarten konzentrieren und gar nicht erst um teure Fußball-Rechte mitbieten. Aber das ist illusorisch.
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Kontrastprogramm: Fairness. Kann sich jeder leisten, ist kostenfrei zu haben. Eintracht-Coach Niko Kovac erhielt in dieser Woche den ehrlich verdienten Fair-Play-Preis des deutschen Sports. Zur Erinnerung: Der Eintracht-Coach tröstete die Nürnberger Spieler nach dem Relegationsspiel, bevor er bei seinen Jungs mitfeierte. Im Begleitprogramm der Preisverleihung in Wiesbaden gab es eine Podiumsdiskussion über Doping, Sport, Gott und die Welt, wobei dann doch wieder der schnöde Mammon die Hauptrolle spielte. Alle waren sich einig: Die Nicht-Profikicker unter den Sportlern erhalten zu wenig Geld für ihre Leistung. 20 000 Euro für eine Goldmedaille seien »viel zu wenig«, schimpfte Ex-Werder-Manager Willi Lemke. Die bisherige Förderung nannte er »einen Witz«.
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Aber der Witz wird noch viel schlechter, wenn auf ihn der geforderte Ernst einer De-facto-Sofortrente folgen sollte. Rund 50 Medaillengewinner pro Olympia, dazu die Welt- und Europameister, überhaupt alle Kaderathleten, die paralympischen mit ihren kaum überschaubaren Schadensklassen sowieso, und das bei einer Verweildauer von etwa fünf Jahren im Leistungssport und mehr als 50 Jahren in der Sofortrente – das geht über die Jahre hinweg in die Milliarden. Wer soll, wer will das bezahlen?
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Wichtiger noch: Was wird aus den vielfach so vielen Sportlern, die genauso hart trainieren, genauso ausschließlich auf den Sport setzen, zumal wenn die Sportrente winkt, die es aber nicht in die förderungswürdige Spitze ihrer Disziplin schaffen? Überhaupt, alle die Nur-Sportler, die nichts gelernt haben werden als Leichtgewichtsringen oder Modernen Fünfkampf (um mal zwei ehrbare, traditionsreiche, aber eben doch Nischen-Sportarten zu nennen)? Wollen wir uns ein Proletariat von alten Exsportlern schaffen, das sich in der staatlichen Förderung »hartzend« einrichtet? .
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Alte »Anstoß«-Leier: Kapitalismus nach Angebot und Nachfrage für die populären Stars, soziale Marktwirtschaft für die anderen. Diese ist in der bestehenden Förderung gegeben. Zu verbessern ist jedoch die Infrastruktur des gesamten Sportgeflechts. Aber das ist ein weites Feld. Und auf dem wachsen nun mal weniger Medaillen als auf einem genmanipulierten Versuchsfeld, das nur den Zweck hat, Medaillenfetischisten beim Blick in den Spiegel ihrer Begierde zu befriedigen.
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Na ja, so rechtschaffen empört, wie das klingt, bin ich gar nicht. Macht doch, was ihr wollt! Anderes Thema: Armin Hary feierte am 22. März 80. Geburtstag. Ihm fehlen heute die »Typen« in der Leichtathletik, außerdem seien die Spiele von Rom 1960 die letzten ohne Doping und Kommerz gewesen, und Usain Bolt »hätte gegen mich keine Chance gehabt«. Starke Stücke aus diversen Geburtstags-Artikeln. Hary war in der Tat eine echte »Type« im Vergleich zu heutigen Mustermännchen. Dass aber bei seinem Gold-Lauf in Rom noch kein Kommerz im Spiel gewesen sein soll, lässt jeden schmunzeln, der gesehen hat, wie Hary in Puma lief und in Adidas zur Siegerehrung erschien. Und dass er sogar einem Usain Bolt davon gelaufen wäre? Zu gerne wäre ich als romantischer Nostalgiker bereit, das zu glauben, als nüchterner Sportler, der Aschenbahn, Schuhe, Handstoppung, Startblöcke und ähnliche Boni und Mali einkalkuliert, bin ich aber sicher, dass er den Peking-Bolt nur von weit hinten gesehen hätte.
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Nachträgliche Glorifizierung hätte Hary gar nicht nötig, er war einzigartig. Ein wenig erinnert das an Nestor, jenen alten Griechen, den der Name unsterblich gemacht hat, und der in Erinnerung an seine Jugend ausrief: »Da kam kein Mann mir gleich, damals schien ich hervor unter den Helden!«
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Wir alten Hessen rühmen uns etwas realistischer: »Was warn mir Kerle! Was hu mir Bäuch!« Leider ist der kurze Trend zum »Dad Boy«, der die gemütliche kleine Plauze zum Sex-Symbol machen wollte, schon vorbei und an uns sowieso unsexy vorüber gegangen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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