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Sonntag, 19. März, 5:53 Uhr

Mit dem wissbegierigen, interessierten, aber distanzierten Blick des Ameisenforschers beobachte ich nicht nur den eigenen Altersprozess (siehe “Mein progressiver Alttag”/Link rechts “gw-Beiträge Kultur”), sondern auch den laufenden Prozess der journalistischen Selbstvernichtung. Dem habe ich, um es Außenstehenden zu, nun ja, ver”klick”ern, die “Ungetwittert”-Salve gewidmet, die um 5.45 Uhr mit der Mutter aller Fakes endete. Hübscher Zufall, denn ich bin heute so früh dran, weil … ist nicht so wichtig, ist rein privat. Muss vor den “Montagsthemen” noch anderes tun als blogschreiben.

Auf dem Ast, auf dem unsere Branche sitzt und sägt, sitze ich nicht mehr, sondern schon seit fast fünf Jahren im Sessel des Ruhestands. Ich säge auch nicht, denn “Sport, Gott & die Welt” will keine Klicks “generieren”, wie alle Welt (alle Welt will ja auch nur noch generieren und nicht erzeugen, klingt halt besser), sondern im Schatten des Internets bleiben (nicht zu verwechseln mit dem Darknet). Sägen würde ich, wenn ich alle die Tricks benutzte, mit denen Klicks provoziert und die eigenen Texte prominent platziert werden. Selbst dann bliebe ich im Schatten, denn mein Schaffen ist ganz sicher nicht mehrheitsfähig. Soll es auch nicht sein. Aber auch nicht elitär. Sondern nur: unter uns.

Zu den Fakes gehört auch, wie ich bei dem “Ungetwittert”-Vierer gemerkt habe, die Uhrzeit, die unter meinen Beiträgen angegeben wird. Sie differiert immer um ein oder zwei Minuten und im Winter um eine Stunde von der Echtzeit, die ich auf der mitlaufenden Uhr unten am Laptop ablese. Außerdem gebe ich bei den Blog-Einträgen oben die Zeit an, zu der ich zu schreiben beginne, und die unterscheidet sich dann um viele Minuten (plus die Winterstunde) von der unten automatisch “generierten” (Nachtrag um 6:37 Uhr: Stelle gerade fest, dass die Uhrzeit im veröffentlichten Blog gar nicht angegeben wird. Obiges war also, wie so vieles, völlig überflüssig).

Womöglich klingt das alles – dieser Blog und das Ungetwitterte zuvor – für Leser, die nicht mit der Entwicklung von Zeitung und Online vertraut sind bzw. sich nicht dafür interessieren, wie ein böhmisches Dorf. Den Anfang der Entwicklung habe ich in einer frühen “Nach-Lese” (scrollen Sie mal durch den Link rechts “gw-Beiträge Kultur”, irgendwann stoßen Sie dabei auf “Druck auf Papier”) zu beschreiben versucht.

Ach ja, die “Nach-Lese”. Mein Kolumnen-Baby im Feuilleton ist längst erwachsen, hat sich sehr verändert und braucht mich nicht mehr. Mein neues Baby ist schon uralt, ich habe es, im seligen Angedenken an eine verblichene “Pardon”-Serie, “Mein progressiver Alttag” getauft. Es taucht ein paar Mal im Jahr im Gießener “Senioren-Journal” auf, das meine KKKK-Beste fast so liebevoll betreut wie mich.

Soeben fällt mir noch ein “Ungetwittert” ein. Zur Bezahlschranke. Ein magisches Wort unserer Branche. Werde gleich versuchen, es kürzer zu formulieren, als es Trump könnte.

Schluss für heute ganzfrüh. Nein, nicht ganz. Noch schnell “breaking news”: Chuck Berry ist gestorben. Statt Nachruf mit “copy and paste” mein Vorruf in den “Montagsthemen” vom 12. November 2016:

Zum 90. von Chuck Berry. Ja, er lebt noch, der alte Holzmichel, diese Randfichte aus St. Louis, Missouri. Ihm eiferten einst Beatles und Stones nach, sein »Johnny B. Goode« fliegt seit Jahrzehnten hinaus in den Weltraum, zusammen mit anderen unverzichtbaren Beweisen menschlicher Kultur. Und auch mich Erdenwurm kurierte er mit einer Best-of-CD vom Wiese-Ohrwurm. Nicht »Johnny be Goode«, sondern »Ding-A-Ling« gelang die Heilung. Wer’s nicht kennt: Ein ziemlich pubertäres Liedchen, bei dem Chuck Berry den Refrain mitsingen lässt, auf meiner Aufnahme offenbar von amerikanischen Studenten, wobei Männlein wie Weiblein mitschmettern: »Those of you who will not sing / You must be playin’ with your own ding-a-ling.« (für empfindsame Leser lassen wir’s unübersetzt).
 Ich höre es, und danach lese ich, wie’s der Zufall will, dass die Harvard Universität ihr Fußballteam aufgelöst hat, weil eine Liste aus dem Jahr 2012 (!) aufgetaucht ist, auf der die Jungs eine Rangliste der attraktivsten Mädchen aufgestellt hatten. Angeblich schlimmster Sexismus! Solche Blüten treibt das an US-Unis, und nicht nur dort. Ähnliche Ranglisten führen doch überall Buben und Mädchen über ihr bevorzugtes Geschlecht. Was würden sie in den USA mit Chuck Berry machen, wenn er heutzutage auf dem Campus von seinem »Ding-A-Ling« sänge? Für immer wegsperren? Nun ja, immerhin humaner als früher, als ihn der Ku-Klux-Klan geteert, gefedert und gevierteilt hätte, nicht wegen seines Ding-A-Lings, sondern überhaupt.

 

Dingeling, klingeling, to whom the bell rings. School is out, but not for ever. Demnächst wieder an dieser Stelle, gelle.

Baumhausbeichte - Novelle