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Montagsthemen (vom 20. März)

Nach dem Unentschieden bleibt Frankfurt unentschieden. Europa oder Relegation? Weder, noch. Was keine sehr originelle Einschätzung ist – und leider langweilig für das gefühlsextremistische Umfeld hübb und drübb vom Main.
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Darmstadt steigt so sicher ab, wie Frankfurt das nicht tut. 36 Punkte reichen, nicht erst die vielzitierten 40. Die nur rechnerisch noch nötigen Pünktchen nicht mehr zu sammeln, wäre schon tasmanianisch negativrekordverdächtig.
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Auch Ingolstadt wird wohl absteigen. Was bei Darmstadt zwangsläufig ist, steckt für den FCI in der alten Liga-Schote vom Glück, zu dem, wenn es fehlt, noch das Pech hinzu kommt. In Dortmund stellte sich eine alte Frage, die ebenso unlösbar ist wie die der Erstgeburt von Ei oder Henne: Spielte der BVB erschreckend schwach oder Ingolstadt so gut, dass die Borussen zwangsläufig so schlecht aussahen?
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Zurück zur Eintracht. Niko Kovac verhungert derzeit an einem ausgestreckten Nebenarm der alternativfaktischen Gesellschaft, ihrer postironischen Variante. Seit er sich vor der Presse in grimmiger Ironie beschwerte, »wir sind die Treter-Truppe Nummer eins in Deutschland«, wird er landauf-landab mit diesem Satz zitiert, als sei er kein bitterer Vorwurf, sondern zerknirschte Selbsterkenntnis. Spätestens jetzt erfährt Kovac das, was auch dieser Kolumne latent droht: Dass man mit dem Stilmittel der Ironie immer öfter nur dem Ochs ins Horn petzt.
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Gar nicht erst ironisch meinte die Frankfurter Rundschau, die Eintracht sei »von der bunten Multi-Kulti-Truppe zum unsympathischsten Team der Liga« verkommen. Na ja, den Kot-Orkan müssen die Kollegen alleine auslöffeln (igitt!, sorry für das eklige Bild). Ein Bröckchen Wahrheit steckt da aber schon drin. Ohne die lang- und mittelfristig ausgefallenen und noch ausfallenden Garanten (im doppelten Wortsinn:) “ausgefallener” Spielkultur und mit einem unter Verschleißzipperlein leidenden Alex Meier wirkt Eintracht Frankfurt manchmal wie eine späte Ausgeburt des jungen Jupp Heynckes. Die beziehungsweise der geisterte vor einem knappen Vierteljahrhundert als »Legatisierung der Okochas« durch meine Albträume: »Und so rollt der Frankfurter Ebbelwoi-Expreß als Bummelzug mit Fahrkarten 2. Klasse an der Fußball-Zukunft vorbei, während der dafür Verantwortliche sich aus dem Staub macht. Erster Klasse, im Salonwagen.«
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Diesen Satz hatte sich übrigens einer der Heynckes-Nachfolger aus einem »Anstoß« ausgeschnitten, in sein Portemonnaie gesteckt und gerne vorgezeigt, in hessischem Plusquamperfekt zustimmend: So war’s gewesen! Unterschied zu heute: Der frühe Heynckes wollte, Kovac muss »legatisieren«. Der späte, gereifte Heynckes hat seine Frankfurter Fehler längst bereut. Und sein Legat endete nicht als Liga-Größe, sondern im Dschungelcamp.
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Auf die alte Geschichte komme ich nur, weil mich das HSV-Gastspiel daran erinnerte. Denn damals kamen die Hamburger als erster Gast nach dem Yeboah-/Gaudino-/Okocha-Rauswurf ins Waldstadion, ich drückte ihnen fest die Daumen, da eine Heimniederlage die euphorische Pro-Heynckes-Stimmung gekippt und er seinen Ego-Trip nicht hätte durchziehen können. Aber die Eintracht gewann 2:0 – die Fahrkarten zweiter Klasse waren gelöst. Von daher ist mir ein unentschiedenes Unentschieden in der Mitte von nirgendwo bedeutend lieber.
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Apropos Ego-Trip. Mit Niko Kovac hat sich die Eintracht gewiss keinen Ego-Tripper eingefangen. Er hat es verdient, ihm auch nach der Sieglos-Serie die Stange zu halten (sorry, der doppelte Kalauer musste einfach mal raus). Ernsthaft: Kovac ist und bleibt ein Glücksgriff.
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Zu guter Letzt ein Nachschlag für die Subjekt-Objekt-Verschiebungen vom Samstag. Michael Jungfleisch-Drecoll mailt zum zitierten Beispiel aus dem Bonner Generalanzeiger (»Die türkische Regierung fordert Kraft auf, künftig auf die ›unerträglichen Nazi-Vergleiche‹ zu verzichten«): »Es scheint mittlerweile eine Wort-Bedeutungs-Verschiebung gegeben zu haben. ›Nazi‹ scheint heute oft im Wortsinn von ›Idiot‹ verwendet zu werden. Idioten gibt es einige. Sie als solche zu demaskieren, reicht dann aber auch« (ungekürzter Text in der Online-»Mailbox«).
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Nazis raus, Klapperstorch rein. Ein wahres Prachtstück gelang am Samstag der Bild-Zeitung, die vom zurückgekommenen Storch auf der Nidda-Wiese berichtete. “Letztes Jahr brütete zum ersten Mal nach 48 Jahren wieder ein Storchen-Paar in Frankfurt. Mit Erfolg!«, schwärmt Bild:  “Drei Küken zogen die Eltern auf.«
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Wenn drei Küken die Natur der Dinge auf den Kopf stellen können, wird Darmstadt noch Meister, und die Bayern steigen ab. Aber nur in einer Welt, in der alle ganz fest an den Klapperstorch glauben. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle