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Sport-Stammtisch (vom 18. März)

Es ist erst wenige Wochen her, als Krokodilstränen flossen, weil Meistertrainer Ranieri in Leicester entlassen wurde. Wie kaltherzig der Fußball sein kann! Jetzt fließen heiße Freudentränen, sein Nachfolger wird gefeiert, niemand spricht mehr von Ranieri. Treppenwitz der Geschichte: Leicesters neuer Trainer heißt Shakespeare. So etwas kann man nicht erfinden.
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Der englische Fußball genießt besten Ruf als lobenswerter Kontrast zu den miesen mimischen Einlagen und Wehleidigkeiten in der Bundesliga. Englische Profis schauspielern nicht! Nicht so wie unsere Timo Werners oder Mitchell Weisers. Und was macht Jamie Vardy? Jener Haudegen, der von ganz unten kam, kernig und ein echter Kerl, so »echt«, dass er früher wegen Körperverletzung eine elektronische Fußfessel tragen musste? Provoziert gegen Sevilla einen Platzverweis, indem er schauspielert, von einem Kopfstoß getroffen zu sein, worauf er zu Boden stürzt, »als sei er gerade von einer Abrissbirne getroffen worden« (Welt). Und was macht Englands Presse? Fordert sie erneute elektronische Fußfesseln? Nein, sie feiert Vardy als cleveren Typen, und auf den Rängen singen sie wieder: »Jamie Vardy’s having a party, bring your vodka and your charlie.« – »Charlie« gilt als Synonym für … lassen wir es einen alten  Gassenhauer sagen: »Mutter, der Mann mit dem Koks ist da.« Schlusswort des Trainers: Der Schiedsrichter habe sicher richtig gehandelt. – Mensch, Shakespeare! … ach, macht doch! Was ihr wollt!
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Vardy gefeiert, Guardiola medial exekutiert. Nach dem Achtelfinal-Aus mit Manchester City kennt die Häme keine Grenzen mehr. Nicht nur bei Englands Boulevard-Presse mit ihrem Ruf wie Donnerhall. Auch bei uns wollen kluge Presse-Köpfe nicht gerne daran erinnert werden, wie hyperventilierend sie ihren Pep in München als den Messias des Fußballs empfangen haben (dagegen war die Bahnhofs-Begrüßungsorgie für Flüchtlinge ein frostiger Empfang). Ich würde gerne daran erinnern, wie und was ein skeptischer Medien-Winzling gegen den Pep-Hype angeschrieben hatte, aber das wäre wohlfeile Besserwisserei. Wenn die Münchner tz nun vermutet, Barca sei »nicht wegen, sondern trotz« Guardiola derart erfolgreich gewesen, widerspreche ich sogar, denn: Barcelona war nicht wegen oder trotz, sondern einfach nur mit Guardiola ein Über-Team.
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Den einst hochgelobten Guardiola nun gnadenlos niederzumachen, auch so etwas bezeichnet man mit dem obigen schönen alten deutschen Wort als »wohlfeil«, also billig, platt und geistlos. Lieber beschäftige ich mich mit dem neuen Ober-Guru des Fußballs. Die Zeit stellt ihn für uns vor: »Drei Minuten vor Spielbeginn betritt er mit Smokingschuhen den Rasen. Die Ränge hinter ihm erheben sich. Der Mann heißt Antonio Conte, 47 Jahre. Schmale Krawatte, Strickjacke, Anzughose, alles dunkelblau. Drahtige Figur und eisblaue Augen.« Whow! Deutsch: Wau! Fast schon Wau-Wau.
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Auch seine Spieler verehren ihn. Bei Chelsea und früher in Turin. Conte: »Hätte ich gesagt: ›Lasst uns alle vom Dach springen‹ – wir hätten das getan. So stark war der Glaube und die Einheit zwischen uns« (Zitat: Zeit). Klar, man kann das als harmlose Metapher für Teamgeist interpretieren. Man kann sich aber auch mit Grausen wenden, wie der Gast im »Ring des Polykrates«. Von Schiller, nicht Shakespeare. »Mir grauet vor der Götter Neide; / Des Lebens ungemischte Freude / Ward keinem Irdischen zu Theil.« Irgendwann ist auch Conte dran. Denn: »Die Götter wollen dein Verderben.«
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Vermutlich hat der großartige Antonio Conte einen Händedruck wie Anton Schlecker. Der steht zwar als Pleitier vor Gericht, aber als ihn vor vielen Jahren ein Zeit-Redakteur traf, wusste dieser: »Dass er nicht zu unterschätzen war, machte sein kräftiger Händedruck unmittelbar klar.« Unmittelbar klar war dagegen dem damaligen Bayern-Trainer Louis van Gaal schon bei der ersten Kontaktaufnahme mit Mario Gomez, was er von dem Stürmer zu halten habe: Sein Händedruck war ihm viel zu weich.
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Was sogar die Lebenserwartung beeinträchtigen soll. Denn die Wissenschaft hat festgestellt und mit 50 000 Probanden bewiesen, dass die  mit dem festesten Händedruck am längsten lebten. –Na ja, wer’s glaubt, wird selig. Aber auch nicht später als wir Normalhanddrücker.
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»Forscher« Übergang: Derartige Forscher-Blüten entsprechen wohl eher jener hübschen Subjekt-Objekt-Verschiebung, die in meiner Sammlung weit oben steht: »Unbekannte Bakterien haben Forscher auf der menschlichen Haut entdeckt.« Unser langjähriger Leser Ralf Protzel schenkt mir jetzt ein aktuelles Prachtstück aus dem Bonner Generalanzeiger: »Die türkische Regierung fordert Kraft auf, künftig auf die ›unerträglichen Nazi-Vergleiche‹ zu verzichten.« – Was hat die NRW-Landeschefin bloß Böses gesagt?
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Immerhin, die Erdogans scheinen lernfähig. Selbst die Frauen sind ja in der Türkei viel mächtiger, als wir glauben. Siehe die ewige Nummer eins auf meiner Subjekt-Objekt-Hitliste aus der Süddeutschen Zeitung über den ehemaligen türkischen Staatspräsidenten Gül: »Seine Frau hat die Mutter für ihn ausgesucht.« Eine nicht nur für Grammatik-Freunde, sondern auch für Zeitreise-Fans ziemlich vertrackte Geschichte.
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Aber nun wird es Zeit, mich für heute von den Lesern zu verabschieden. Ich reiche Ihnen die Hand … aua! Nicht so fest! Sie wollen wohl ewig leben!? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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