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Hörschwäche und High Heels (“Mein progressiver Alttag” vom 18. März 2017)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als Anstoß-Kolumnist. Seit Gerd Steines sich vor vier Jahren von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns regelmäßig an seinem progressiven Alt-Tag teilhaben.

Viele Menschen an vielen Tischen. Angeregte Unterhaltungen, Stimmengewirr, Hintergrundmusik. Für Normalhörige ein entspannter, froher Abend in angenehmer Runde – für uns Schwerhörige stundenlange Hör-Schwerstarbeit, um in dem Geräuschmischmasch wenigstens ein paar Wörter richtig heraus zu hören. Gelingt immer seltener, und immer öfter spiele ich unfreiwillig stille Post, indem ich auf Sätze antworte, die ich verstanden zu haben glaube, die aber ganz anders gefallen sind. Das nervt Normalhörige. Bestenfalls lachen sie, wenn es besonders absurd wird. Schwerhörige werden diskriminiert! Es lacht doch auch keiner, wenn ein Schwachsichtiger weniger sieht als andere. Ich sollte eine Selbsthilfegruppe gründen.

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Angenehmeres Altersleiden: senile Bettflucht. Viel zu viel wertvolle Lebenszeit haben wir in der Jugend verpennt. Jetzt sind wir morgens um sechs schon lange hellwach. Woran liegt das eigentlich? Um diese Zeit wusste ich früher gar nicht, dass es diese Zeit gibt. Allenfalls manchmal als späte Zu-Bett-Geh-Zeit. Sind die Hormone daran schuld? Oder sogar an allem?

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Daran könnte man endzeitliche Gedanken knüpfen. Ist der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen oder ein Hormon-Automat? Selbstständig oder nur selbsttätig? Den Unterschied begriff ich schon früh im Schulbus: »Achtung! Türen öffnen selbsttätig!« Sind wir nur Schulbustüren? Alte Schulbustüren, ausrangiert und auf dem Abstellgleis?

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Welch eine Stilblüte! Ich lasse altersverwirrte Vor-sechs-Uhr-Gedanken wie die ausrangierte Schulbustür auf dem Abstellgleis liegen, stehe auf und »checke« (den Neu-Sprech hab ich schon drauf!) meine Mails. Aber auch hier holt mich der progressive Alttag ein. Penisverlängerungen werden mir schon gar nicht mehr angeboten, sondern in der Spam-Post vom Treppenlift verdrängt, und selbst der Doppelklick klappt kaum noch, was die Arbeit am Computer lästig beeinträchtigt. Wenn ich sehe, auf welche Geschwindigkeit Jüngere ihre Maus eingestellt haben, wird mir schon beim Zuschauen schwindlig.

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Apropos Schwindel. Meine Kinetose wird von Jahr zu Jahr buchstäblich schwindelerregender. Kinetose – klingt geheimnisvoller, mitleiderregender, für einen Hypochonder viel eindrucksvoller als das deutsche Wort … Reisekrankheit. Ich will Sie nicht mit medizinischen Details langweilen. Die Kinetose hat irgendwas mit den Ohren und dem Gleichgewichtssinn zu tun, verläuft bei den meisten Menschen harmlos, bei mir aber dramatisch. Natürlich. Wie sonst, bei einem Hypochonder?

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Vererbt hat sie mir der Vater, und mit ihm zusammen erlebte ich den ersten Ausbruch der Kinetose: Bei der Frühjahrsmesse am Oswaldsgarten (ja, gab’s dort, Jüngere mögen ihre Großeltern fragen) durfte ich mit ihm zusammen Karussell fahren. Einmal und nie wieder, schwor ich mir, denn kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, übergaben wir uns gemeinsam an der Westanlage.

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Ein weiteres Altersleiden klingt noch eindrucksvoller als die Kinetose: Ophtalmique. Sie ereilt mich urplötzlich und scheinbar grundlos mit Sehstörungen, als schaute ich durch gesprungenes Glas, auf dem ein gewundener roter Faden leuchtet wie die Spiralen in alten Elektro-Heizöfchen. Ophtalmique. Vulgo: Augenmigräne. Klingt leider viel weniger interessant.

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Aber zugegeben, das sind vergleichsweise harmlose Leiden, die kein echtes Mit-Leiden verdienen. Wie schrecklich dagegen die furchtbare Krankheit, an der Wolfgang Joop (72) dahinzusiechen scheint. Er leidet extrem am Alter. Präziser: Andere Alte überhaupt anschauen zu müssen. Seine – möglicherweise etwas eingeschränkte – Lebenserfahrung als Modeschöpfer sagt ihm nicht nur, »dass dicke Frauen keine dicken Models sehen wollen«, sondern auch: »So geht es den Leuten auch mit alten Menschen. Ich zum Beispiel kenne keinen Siebzigjährigen« (Quelle: FAS-Magazin). Ist das Wahnsinn oder Ironie? Oder kennt er sowieso nur sich selbst?

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Siebzig. Die Zahl kommt auch auf mich zu. Ich fürchte sie nicht, ich lasse sie links liegen. Außerdem ist 70 die neue 66, gesungen nicht von Udo Jürgens (80†), sondern von Hörgeräte-Millionär Martin Kind (72), Apotheken-König Dirk Roßmann (70) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder (72), die als »die Bellheims der Liga« (Bild) Hannover 96 zurück in die Fußball-Bundesliga führen wollen. Schröder: »Wir sind im besten Alter, die goldenen 70er starten gerade.« Make Hannover great again!

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Einen besonders goldenen Siebziger ließen wir soeben in der »Wer bin ich?«-Serie der Gießener Allgemeinen suchen: Thomas Zacharias, Hochspringer und Sohn des »Zaubergeigers« der 50er Jahre. Zacharias junior übersprang 1971 2,22 m, sein Altersweltrekord für Fünfzigjährige (2,00 Meter!) steht immer noch, und seinen letzten Rekord stellte er erst dieser Tage auf, mit 1,51 m in der Klasse der Siebzigjährigen. Zacharias wollte immer hoch hinaus, kommt mit jedem Rekord tiefer herab – und verdient mit jedem verlorenen Zentimeter mehr Bewunderung.

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Dennoch eifere ich ihm nicht nach, auch nicht dem Triumvirat von Hannover oder dem Unikat Joop. Ich nehme es, wie es kommt, und erlebe das Altern als interessanten Selbstversuch.

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Jedenfalls so lange es nur Zipperlein sind, die mich piesacken. Wie Kinetose und Ophtalmique. Oder wie der Hallux valgus, der Großzehenschiefstand, von dem ich an dieser Stelle schon ausführlich berichtet habe. Was mir mittlerweile etwas peinlich geworden ist. Denn man lernt auch mit fast 70 nie aus: Großzehenschiefstand, lese ich, entsteht zum Beispiel, wenn man zu lange und zu oft auf High Heels unterwegs war. Eine geheime Leidenschaft, der schon ein weltberühmter US-Filmstar frönte, der gerne inkognito nach Paris flog und dort in Frauenkleidern und auf Stilettos über die Champs Elysees stöckelte.

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Ich mag ja auch High Heels. Sehr sogar. Aber nie … ich schwör’s! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle