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Sonntag, 12. März, 6.30 Uhr

Früher hieß sie  ”Vorspann”, heute “Teaser”, die kurze, prägnante Zusammenfassung des gesamten Textes vor dessen Beginn. Das heißt, der Teaser ist weniger eine Zusammenfassung als eine Interessantmachung des Artikels, um den Leser dafür “einzufangen”. Ich hatte eine ähnliche Absicht, als ich den “Anstoß” erfand und ihn auf den Kopf der ersten Sportseite stellte: Damit und mit der Art und dem Inhalt des nur bedingt sportjournalistischen Textes wollte ich jene Leser einfangen, die sich nicht für Sport interessieren und die Seiten achtlos überblättern. Wenn ich sie mit dem Anstoß einfange, dachte ich, bleiben einige von ihnen hängen und schauen sich die Sportseiten doch noch an. Um diese weniger Sportinteressierten überblicksmäßig zu informieren, teilte ich die Artikel in Spitzmarke, Überschrift, Unterzeile und Vorspann ein. Basis-Info in Spitzmarke/Überschrift/Unterzeile, wer dann noch Lust hatte, konnte den Vorspann lesen mit weiterer Kurzinformation, und der Rest war Futter für Sportfreaks (“In der 31. Minute … usw). Aber es ändern sich die Zeiten auch im Journalismus und dessen Gebrauchsanleitung. Spitzmarken gibt es nicht mehr, auch kaum noch Unterzeilen, und der Vorspann heißt jetzt Teaser  und will nicht zusammenfassen, sondern die Sache spannend machen. Warum auch nicht, es sind nun mal andere Zeiten, und ich gehöre nicht zu denen, die sagen, früher war alles besser. Ich komme auch nur darauf, weil ich, wie immer, vor diesem Blog, vor dem Warmschreiben für die Montagsthemen die Meldungen der Nacht gesichtet habe und  auf diesen dpa-Teaser gestoßen bin:

Als seine Ex-Freundin mit ihrem neuen Partner zusammenziehen wollte, soll der Mann durchgedreht sein. Er erwürgte die Frau und den gemeinsamen Sohn im Kinderzimmer. Dann blieb er in der Wohnung, komma!!! bis Stunden später die Polizei kam. Nun beginnt der Prozess.

Mich hat’s gekringelt. Natürlich nicht wegen der schlimmen Sache, sondern wegen “komma!!!” Ein redaktionsinterner Hinweis, der in den Text geschlüpft ist – so kann man auch mit kleinen Sachen mir am Sonntag Freude machen.

Eine andere Meldung der Nacht macht keine Freude: Großeinsatz in Offenburg wegen möglicher Anschlagsdrohung. “Mögliche Drohung”. Der Großeinsatz läuft noch. Gestern diese andere Sache im Einkaufszentrum. Muss alles sein, klar. Obwohl zunächst niemand weiß, ob ein terroristischer Idiot dahinter steckt oder … nur ein Idiot.

Das erinnert mich immer an das eigene Erleben vor rund 40 Jahren: Ich sitze in Frankfurt im Flugzeug nach Berlin, kurz vor dem Start, plötzlich fährt der Jet los, aber nicht zum Starten, sondern kurvt über das Flughafengelände in eine weit entfernte Ecke, dann meldet sich der Pilot mit der lapidaren Information: “Wir haben vielleicht eine Bombe an Bord.” Sofort denke ich an die beiden hippieartigen Typen, bekifft oder/und besoffen wirkend, die am Gate abgewiesen worden waren und nicht mitfliegen durften. Damals herrschte keine Panik an Bord, nur zwei, drei Fluggäste schrieen leise auf. Auch das Aussteigen verlief geordnet. Wäre ja auch sehr peinlich gewesen, sich rücksichtslos vorzudrängen … Aber ein Anruf eines Deppen genügte und genügt, um ein Flugzeug stundenlang zu untersuchen (fünf Stunden Verspätung) oder, wie jetzt, Großeinsätze auszulösen. Was kann man dagegen tun? Ich habe keine Ahnung.

Noch eine  Meldung der Nacht, nur für Ältere: Eine Sister (Joni) von Sister Sledge ist tot. Gestorben mit 60. Sister Sledge? We Are Fa-mi-ly …

Hab ich was verpasst? Sportmeldung der Nacht: Der Darmstädter Jack Culcay verliert seinen Box-WM-Titel. Der Darmstädter? Jack Culcay? WM-Titel? Nie was von gehört. Liegt es an mir? An meinem wachsenden Desinteresse am Boxen? An der verrückten WM-Titel-Inflation? Wahrscheinlich an beidem … nee, sind ja drei, gibt es ein Wort dafür? Dreidem? Ach was: an allem.

Ganz anderes Thema: die Abmahn-Masche. Ich bin ganz heiß darauf, über eine so absurde wie ärgerliche Geschichte zu schreiben, die mit einer alten Mail in unserer Mailbox zu tun hat. Ich muss aber noch abwarten, wie die Sache ausgeht. Klingt kryptisch, tut mir leid. Ich erwähne es auch nur, weil ich mit dem Gedanken spiele, die vierstellige Zahl von archivierten Blog-, Kolumnen- und Mailbox-Texte zu löschen und alles auf null zu stellen. Als Vorsichtsmaßnahme.

Wäre natürlich schade, denn dann wären auch die beiden Mails weg, die sich mit meinem “narzisstischen Verfall” befassen. Die eine freut mich sehr, die andere … na ja, ich wurde schon gefragt, warum ich sie nicht lösche. Weil ich sie selbst hineingestellt habe. Leser-Mails kommen nicht automatisch in die Mailbox, sondern werden von mir ausgewählt. Nur Kritik, die wird nie unterschlagen. Auch sehr deftige bis beleidigende nicht. Ist Ehrensache.

So. Warmgeschrieben bin ich, ich höre schon den Kaffeeautomaten brummen, habe aber noch keine Ahnung, was ich in den Montagsthemen schreiben soll. Themenzettel leer, bis auf Jack Culcay.

Baumhausbeichte - Novelle