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Sport-Stammtisch (vom 11. März)

Das Wunder hat einen Namen, und den können sie in Barcelona und Paris jetzt vorwärts wie rückwärts buchstabieren: Zined Niketya. Deniz Aytekin. In Madrid spielen sie andere alberne Spielchen. Natürlich muss Betrug im Spiel sein, wenn der verhasste Rivale auf diese wundersame Art Fußball-Geschichte schreibt. Da Aytekin geborener Türke ist, steht er doch bestimmt in Diensten der Türkish Airlines, oder? Und wie heißt der Sponsor von Barca? Siehste! So einfach ist das. Echte Real-Satire.
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Wenn das 6:1 von Barcelona den Namen Niketya … Schluss mit dem Quatsch! … Aytekin trägt, dann kann man zum 10:2 der Bayern nur sagen: Koscielny. Mit ihm führte Arsenal in der Gesamtwertung  2:1, nach seinem Ausscheiden (Rot bzw. Verletzung) hieß es 9:0 für München. Fußball ist nun mal ein merkwürdiger Sport. Aber nicht die Aytekins oder Koscielnys führen Regie, sondern – der Zufall. Und bei dem hat allenfalls der »unbewegte Beweger« von Aristoteles die göttlichen Finger im Spiel. Nicht zu verwechseln mit Maradonas »Hand Gottes«. Das war eine sehr irdische.
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Jedenfalls sollten wir uns hüten, die nackten Zahlen 10 und 2 überzubewerten. Wie auch das Dortmunder 4:0. Zwischendurch schwächelten beide. Selbst die 30 000 Punkte des fast schon nicht mehr irdischen »Händchens« von Dirk Nowitzki sind nur eine zufällige Zahl. Da aber selbst die gläubigsten Amis fast mehr Statistik- als Gottvertrauen haben, machen sie aus den 30 000 Punkten einen Mythos. Obwohl Nowitzki in der NBA viel öfter getroffen hat. 3663 Playoff-Punkte kämen noch hinzu, aber die zählen nicht zur Statistik. Warum auch immer.
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Aber bitte nichts gegen Statistik an sich! Das alte Anstoß-Lied: Statistiker wissen selbst am besten, dass die Helmut-Kohl-Doktrin (»Wichtig ist, was hinten rauskommt«) in ihrer Wissenschaft nur umformuliert gültig ist: Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn man weiß, was vorne reingesteckt wurde.
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Dirk Nowitzki ist größer, viel größer als 30 000 oder 33 663 Punkte aussagen. In meiner allerdings sehr persönlichen Rangliste deutscher Sportgrößen steht er klar an erster Stelle. Platz drei: Boris Becker. Zweiter? Mhmm. Ein bisschen geniere ich mich. Aber ich bin treu. Psst, nicht weitersagen: Jan Ullrich.
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Natürlich ist auch Sebastian Brendel ein großartiger Sportler. Sebastian wer? Schon vergessen? Dreifacher Kanu-Olympiasieger. Dass er weder reich noch berühmt geworden ist und »vom Kanufahren und seinen Sponsoren allein niemals leben« könne, beklagt dpa, ohne die genauen Zahlen zu nennen, zum Beispiel die monatliche Sporthilfe für einen Olympiasieger. Aber immerhin verdient Brendel – offenbar zusätzlich – 2500 Euro netto als Bundespolizist (= Sportprofi), für Rio-Gold gab es außerdem 20 000 Euro brutto.
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Gewiss, reich wird Brendel damit nicht. Aber immerhin kann er seinen Sport ausüben und recht gut davon leben, und das in einer Lebensstellung. Auch hier singe ich ein altes Anstoß-Lied: Ein Spitzentenor bekommt Spitzengagen, aber selbst der genialste Alphornbläser kann keine Millionen scheffeln. Auf den Sport übertragen: Die Nachfrage nach einem Dirk Nowitzki ist nun einmal größer als die nach einem Kanuten. Gerecht ist das nicht. Aber zumindest im Fall Brendel lobenswerte soziale Marktwirtschaft als kleines Kapitalismus-Korrektiv.
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Vitkerrok-Sumsilatipak. Ein Redakteur aus dem Schwäbischen hätte damit keine Probleme, denn er kann, wie dpa berichtet, dneßeilf rückwärts sprechen, schreiben und lesen. Konnten wir ja früher auch. Unsere Geheimschrift. Schon waren die Erwachsenen außen vor. Leider ehcerps hci thcin rhem dneßeilf sträwkcür.
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Zu anspruchsvolleren Sprachspielen angeregt wurde Dr. Raymund Geis, Ex-Hochspringer aus Reiskirchen, »durch die Reihe Brexit, Germanexit, USexit« im Sport-Stammtisch vom vergangenen Samstag. Schönes Beispiel-Trio (weitere in der Online-Mailbox): »Belexit: a) guter Abgang eines Weines b) schöner Tod c) sagt der Proktologe zum Patienten nach gelungener Hämorrhoiden-OP.« – Alternative für heute: d) guter Abgang aus dem Anstoß.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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