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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Antwort an Herrn Merz

Gesinnung und Verantwortung, das ist unser beider altes Thema. Und nachdem ich mich tendenziell zu Ihrer Ansicht bekehrt hatte – natürlich anlässlich der sog. Flüchtlingskrise, die ja eine der Politik, nicht der flüchtenden Menschen war und ist – an Herrn Merz eine kurze Antwort in Form einer „Fallstudie“.

Aber vorab: Verantwortung ohne eine dieser zugrunde liegenden Überzeugung gibt es nicht. Da hat Herr Merz Recht. Deshalb läuft auch jede Kritik z.B. an Kants Moralphilosophie, die häufig als Gesinnungsethik denunziert wird, ins Leere. Der kategorische Imperativ hat den einen Inhalt, ich übersetze in unsere Sprache: Verantwortung für die Belange anderer oder für das allgemeine Wohl. Freilich, die Gesinnung kann hypermoralische Purzelbäume schlagen. Und dann bleibt sie als unbegründete alles erschlagende Überzeugung stehen. So geschehen in der Krise der Flüchtlingspolitik. Und so wird die Gesinnung gefährlich, weil sie nichts mehr begründen muss. Reichlich, der Begriff Hypermoral kommt von Arnold Gehlen, einem Philosophen, den der Gießener Philosoph Ode Marquard am Ende wohl gerne hatte, der aber sicherlich nicht nach dem Geschmack von Herr Merz ist. Aber Philosophie ist keine Geschmacksfrage.

 

Die Fallstudie bezieht sich auf die hypermoralische, Theologie verfehlende, Verhaltensweise der christlichen, oder sollte ich sagen: der sog. Christlichen, Kirchen. In einer virtuellen Auseinandersetzung mit Max Webers „Politik als Beruf“ kann man sehr schön die Differenz zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik studieren. Wenn die Kirchen, und natürlich auch andere, vielleicht auch Herr Merz, aber das weiß ich nicht, behaupten, niemand sei illegal und mit diesem Spruch – und dem anderen: „Wir schaffen das“ – eine ganze Gesellschaft, Europa gleich mit, perspektivisch unumkehrbar verändern, und damit ein unkalkulierbares Abenteuer in sozialer, politischer, kultureller und ökonomischer Hinsicht eingehen, ist dies nicht zu verantworten. Es kommt aus der reinen Gesinnung und wird nicht begründet. Max Weber nun fordert in solchen Fällen kirchlicher und religiöser unbegründeter Forderungen und Behauptungen aus der Bergpredigt Rechenschaft für jene, die die Zeche zu zahlen haben. Will sagen: man kann die Bergpredigt nicht in eine nach ganz anderen Maßstäben funktionierende Gesellschaft übertragen, ohne Chaos, Unsicherheit und Unordnung zu erzeugen. Die Gesellschaft kann nicht nach den sechs Antithesen, die Jesus dort aufstellt, zu Recht übrigens, arbeiten. Die politischen Inhalte der Bergpredigt brauchen, so weit sie politisch sind, eine Kontrastgesellschaft. In unserer angewandt wäre z.B. die Maxime, man solle nicht Böses mit Bösem vergelten, undenkbar, weil wir alle sonst schutzlos dem Mob, dem Verbrechen und der Willkür ausgesetzt wären. Das nicht verstanden zu haben, ist Schuld der Kirche und dies ist: Gesinnungsethik ohne jede Verantwortung.

 

Es ist übrigens schade, dass Menschen, die es mit der Politik und dem Wohlergehen der Menschen in der Welt gut meinen, wie Herr Merz und jene, die die Politik, die er vertritt, kritisieren, sich so weit von einander entfernen. Ich würde gerne, so ich noch könnte, mit einem Menschen wie Herrn Merz, der es ernst meint, diese Welt bearbeiten. Gemeinsam wäre es wohl möglich, etwas zu bewegen. Allein, es geht nicht. Wir beschimpfen uns gegenseitig, anstatt rationale Dialoge zu führen. Gegner der aktuellen Politik werden sofort in die ganz, ganz rechte Ecke gestellt, sind Faschisten und Rassisten, nur weil sie Fragen stellen, Begründungen haben wollen und andere Perspektiven entwickeln. So geschehen im Wahlkampf Kommunalwahl 2016. Belege habe ich nicht, aber es könnte sein, dass Herr Merz dort gerade gegen Menschen mit abweichenden Auffassungen, also gegen Andersdenkende, sich als Ultrafan betätigt hat. Na, das war Wahlkampf, aber schön war das nicht. Leider habe ich mir den Twitter- oder Facebook-, kann ich nicht unterscheiden, Auftritt nicht behalten. Aber ich erinnere mich. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

 


                
      

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