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Montagsthemen (vom 6. März)

Bevor ich diese Kolumne schreibe, am frühen Sonntagmorgen, sichte ich jedes Mal die dpa-Meldungen der Nacht. Man weiß ja nie. Vielleicht ist da draußen die Welt schon untergegangen, und statt Montagsthemen zu schreiben, müsste ich in den Keller gehen und mir die Aktentasche über den Kopf stülpen (Ältere erinnern sich: Das war die bundesdeutschoffiziell empfohlene Schutzmaßnahme im Falle eines Atomkriegs). Aber ich kann wieder einmal aufatmen. Top-Nachricht: »Frösche können im Dunkeln Farben sehen« – die Welt scheint noch in Ordnung zu sein.
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Auch »der« ist »in Ordnung«. Das ist kein falsches Genus für die Welt, sondern unter rauen Sportlern das vielleicht größte Kompliment. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt Ministerpräsident Volker Bouffier über seine Beziehung zum Sport (»Ich träumte von der NBA«), und darunter kann man, nein, kann ich, lesen und urteilen Sie selbst, nur das Fazit ziehen: Der Mann ist in Ordnung.
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Das schreit natürlich nach Proporz. Also: Auch unser langjähriger Leser Gerhard Merz ist in Ordnung. Das sehen beide vermutlich ganz anders, aber das läge in der Natur der parteipolitischen Sache. Merz, Sozial- und familienpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, reagiert mit dem ihm eigenen Humor auf den »Sport-Stammtisch« vom Samstag. Seine Mail steht ungekürzt in der Online-»Mailbox«, bitte reinklicken, es lohnt sich.
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»Für den Fall, dass mit den parteipolitischen ›Ultra-Fans‹ (auch) ich gemeint gewesen sein sollte, wäre ich für entsprechende Belege doch dankbar, denn genau das versuche ich eigentlich zu vermeiden.« – Tja. Tut mir leid. Das ist mehr als nur ein Redaktionsgeheimnis, sondern bleibt mein persönliches, das auch die Redaktion nicht kennt. Aber bei anderen Fragen bin ich auskunftsfreudiger. Bei den »wirklich wichtigen Dingen: Wann hatte man je 22 Leute auf einem Bolzplatz? Und eine der Grundregeln war doch, dass immer nur auf ein Tor gespielt wurde.« – Nee, nee, nee. Auf unserem »Plätzchen« zwischen Bahndamm und Tante Doras Kindergarten spielten wir auf zwei Tore, und manchmal waren wir sogar 23. Raten Sie mal, wer beim Füßchen-Wählen übrig blieb. Kindheitstrauma.
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Marco Reus wurde bestimmt immer als erster gewählt (einen Moment bitte, für diesen supereleganten Übergang klopfe ich mir erst mal auf die Schulter. So. Weiter geht’s:). Nun ist er wieder verletzt, mit Betonung auf »wieder«, womit uns ältere »Montagsthemen« einholen. Zunächst die Psychosomatik in Form der leib-seelischen Wechselbeziehung der Verletzung(sbereitschaft). Ein weites Feld, auf dem auch Reus unterwegs zu sein scheint. Jammerschade. Und was ist mit Götzes Stoffwechselstörungen? Wer weiß das schon? Ich jedenfalls nicht.
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Noch so ein aktuelles Einhol-Thema: Das  ehemalige Jahrhunderttalent David Storl. Ich will nicht aufwärmen, was sich Insider zuraunen, zumal ich in den gesichteten dpa-Meldungen auch auf diesen Satz stoße: »Kugelstoß-Routinier David Storl konnte auch mit Bronze gut leben.« Welch eine hintersinnige Aussage! Ist aber wahrscheinlich, nein, ganz sicher, nicht hintersinnig gemeint. Gibt es das, unfreiwillige Ironie? In dem Satz steckt jedenfalls alles drin: »Routinier« (mit 26) und vor allem: » … konnte mit Bronze ganz gut leben«. Gut leben …
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Drittes altes »Anstoß«-Thema, im Spiegel neu aufbereitet: NOP, das Nike-Oregon-Project. Aber das wärme ich ganz sicher nicht auf. Sonst wenden sich die Leser mit Grausen – »schon wieder – der hat nicht nur ein Füßchen-Trauma, wann lässt er’s endlich!?«. Jetzt!
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Beim weiteren Sichten stolpere ich über diese Schlagzeile: »Die Bürde des Doppelpasses.« Warum ist er eine Bürde? Ein gelungener Doppelpass gehört zu den zeitlos schönen Kunstwerken des Fußballs. Aber dann geht mir das Licht auf. Ich bin übrigens gegen den Doppelpass außerhalb des Stadions. Aus Egoismus. Niemand soll mehr Pässe haben als ich. Und wenn ich zwei hätte, den deutschen und den hessischen, müsste ich mich eben entscheiden. Mir fiele die Entscheidung leicht. Hessen vorn!
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Hat eigentlich Gus Backus (erneutes Schulterklopfen) einen US- und einen deutschen Pass? Auch die zweite Top-Meldung der Nacht lässt mich nicht zur Aktentasche greifen, geht mich aber ganz persönlich an. In Lüneburg wird eine Ausstellung über die Geschichte der Bravo-Starschnitte eröffnet. Auf nach Lüneburg! Leider kann ich meinen Starschnitt nicht mitbringen. Gus Backus ist verschollen. Also, nicht Gus Backus, sondern sein, mein erster und einziger Starschnitt.
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Gus Backus, die alte Randfichte, lebt noch. In der Nähe von München. Seine Hits, ich kenne sie alle. Hatten manchmal witzig-pfiffige Texte. Der Mann im Mond. Sauerkraut-Polka. I bin a stiller Zecher. Bohnen in die Ohr’n. Und natürlich: Da sprach der alte Häuptling der Indianer: »Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf … uf … uf … uff.«

Uff! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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