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Michael Jungfleisch-Drecoll: Flüchtlingskrise

Die so genannte Flüchtlingskrise, über die seit ca. eineinhalb Jahren so viel geschrieben wird, die bei vielen Menschen in Deutschland das große politische Diskussionsthema ist, wirft für mich Fragen auf verschiedenen Ebenen auf.

 

Die Ebene, die zumeist in den Medien diskutiert wird, ist die politische.

Zuerst geht es um praktische Fragen:

wie viele Flüchtlinge sollen wir in unser Land lassen?

soll es eine Obergrenze bei der Aufnahme der Asylbewerber geben?

wie sollen wir die Flüchtlinge im Land integrieren?

Usw. usw.

Über diese Fragen muss ein gesellschaftspolitischer Diskurs geführt werden, der möglichst ruhig und sachlich verlaufen sollte. Dies ist aber unzweifelhaft nicht der Fall.

Die Emotionen der uneingeschränkten Asylbefürworter und der Grenzschließer schlagen hohe Wellen. Dem einigermaßen neutralen Beobachter fällt auf, dass es beide Parteien in ihren wütenden Anwürfen gegen die andere Seite auf die Wahrheit vieler Behauptungen gar nicht anzukommen scheint. Man nimmt in Kauf, die politisch Unentschiedenen mittels Lügen, Halbwahrheiten und Behauptungen, denen jeder gesunde Menschenverstand widerspricht, auf die jeweilige Seite zu ziehen. Links und rechts geht es dabei natürlich nicht nur um die Flüchtlingsfrage, sondern um ganz grundsätzliche Weichenstellungen für die Zukunft.

Dieser Grabenkampf ist interessanterweise jedoch nicht auf den politischen Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft entstanden. Nicht nur von eingefleischten Linken oder Rechten wird dieses Thema nicht nur kontrovers, sondern vor allem auch unsachlich diskutiert. Diese extremen Gruppen sind in ihren Ansichten – im Gegensatz zu den gemäßigteren – gemäß ihrer politischen Ausrichtung ausrechenbar. Der größere Rest, der so genannte politische mainstream, findet sich in einer Situation wieder, in der ihm in der Entscheidung in dieser Sache seine bisherigen Grundüberzeugungen möglicherweise nicht helfen.

Warum ist das so?

 

Die politische Diskussion in dieser Frage wird weniger von Fakten, umso mehr von Gefühlen geleitet. Wut, Angst und Hass wird fälschlicherweise nur den Rechten zugeschrieben, Naivität und Realitätsverweigerung ebenfalls fälschlich nur den Linken.

 

Fakt ist, dass wir Deutschen beim Umgang mit den Flüchtlingen in Europa einen Sonderweg gehen. Offenbar sieht man es in den anderen europäischen Ländern nicht als moralische Verpflichtung an, in größerem Maße Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Zweifellos hat unsere spezielle Einstellung zu den Flüchtlingen mit unserer Kriegsschuld an den Katastrophen des letzten Jahrhunderts zu tun. Daraus entstehende Verpflichtungen kann man durchaus kontrovers diskutieren. Darum soll es in den folgenden Gedanken aber nicht gehen.

Mir stellt sich die Frage, wie die gefühlsmäßige Unterfütterung unserer Gedanken sein könnte, die uns dazu veranlassen, Millionen Menschen aufzunehmen, die tatsächlich oder vorgegebener maßen asylberechtigt sind. Oder eben die Aufnahme dieser Menschen abzulehnen.

 

Viele Menschen wollen heute eine Gesellschaft, in der niemand ausgegrenzt wird, alle gleich behandelt werden, alle das gleiche Ansehen genießen. Klingt gut und richtig. Steht ja prinzipiell auch so im Grundgesetz.

Darüber hinausgehend soll Menschen aus bestimmten Ländern die Teilhabe an den sozialen Errungenschaften dieses Landes zugestanden werden, indem sie durch ihre Asylberechtigung dauerhaft das Recht erlangen, in Deutschland zu leben, zu arbeiten und Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.

Solange dieses Asylrecht nur von relativ wenigen in Anspruch genommen wurde, war das Flüchtlingsthema noch nicht das ganz große politische Thema. Diese wenigen Asylanten gingen  sozusagen in der großen Masse unter.

Führt die Handhabung des Asylrechts jedoch dazu, dass es in Deutschland durch eine Masseneinwanderung zu einer damit einhergehenden größeren finanziellen Belastung kommt, ist es klar, dass die unterschiedlichen politischen Richtungen dazu Stellung beziehen.

Wird nur wenigen Menschen anderer Kulturkreise Asyl gewährt, stellt sich auch die Frage einer drohenden Überfremdung nicht, die in der aktuellen Diskussion ebenfalls eine Rolle spielt.

Grob vereinfacht dargestellt reicht das Spektrum der Ansichten darüber, ob Fremde Asyl gewährt wird, von der kompletten Weigerung, Asylanten aufzunehmen auf der einen bis zur völligen Öffnung der Grenzen nicht nur für Asylberechtigte, sondern auch für sonst irgendwie Benachteiligte auf der anderen Seite.

 

Ich persönlich würde all diese Einstellungen als Diskussionsgrundlage zulassen. Selbst extreme Positionen in dieser Frage von vornherein, ohne jede Diskussion zu verwerfen, halte ich für falsch.

Den Zweiflern an der momentan herrschenden Asyl-Praxis wird vorgeworfen, ängstlich in Bezug auf die Zuwanderer zu sein. Damit nicht genug. Von bestimmter Seite genügt schon der kleinste Hinweis auf mögliche Unterschiede zwischen Deutschen und Zuwanderern, um aus jemand, der möglicherweise durchaus stichhaltige Argumente gegen eine ungebremste Zuwanderung anführt, einen Rassisten zu machen.

Es soll kein Zweifel daran bestehen, dass es in Deutschland eine Reihe von Menschen gibt, die alles Fremde hassen und wohl auch bereit sind, Fremde mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diese Menschen verdienen es sich redlich, als Rassisten bezeichnet zu werden. Jedoch entsteht mittlerweile der Eindruck, dass von bestimmter Seite gerne jeder als Rassist bezeichnet wird, der nicht willfährig alles das unterschreibt, was mit der gängigen Asylpraxis zu tun hat.

Rassist ist schon der, der im Vergleich zwischen Deutschen und Ausländern irgendwelche Unterschiede feststellt und diese in irgendeiner Form bewertet.

 

Aber tun wir Deutschen dies im täglichen Leben nicht ständig untereinander? Bewerten wir uns und andere nicht ständig im Vergleich?

Tatsächlich werden wir von klein auf darauf gedrillt, uns mit andern zu vergleichen und in diesem Vergleich möglichst gut abzuschneiden. Dies beginnt in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, im Sport. Dies scheint jedoch nur ein Training dafür zu sein, um sich später im Berufsleben durchsetzen zu können. Überall wird einem vermittelt, dass man sich anderen gegenüber auszeichnen muss. Dieses Leistungssystem betrifft uns jedoch nicht nur als Individuen, sondern selbstverständlich auch als Kollektiv, als Nation. Beispiel: Deutschland war Exportweltmeister.

Wir vergleichen uns im Bruttosozialprodukt mit anderen Ländern, wir vergleichen uns in der Pisa-Studie mit Schülern anderer Länder. Als Nation vergleichen wir uns in tausend anderen Dingen mit anderen Nationen und letztlich erwarten wir von uns, dass wir überall Topplätze erreichen. Mit anderen Worten: wir wollen überall supertüchtig sein.

Sicherlich ist dieser Wille, in jeder nur denkbaren Disziplin auf der Welt ganz oben zu stehen, in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen Ländern, dies kann man bewerten wie man will. Ob politisch links oder rechts eingestellt, Deutschland wird vom Gros der Menschen als starkes und leistungsfähiges Land angesehen.

Wir wollen andere übertreffen, automatisch wollen wir andere schlagen. Es ist ganz ähnlich wie im Sport, es gibt Gewinner und leider gibt es eben auch Verlierer. Als Nation aber betrachten wir dies nicht nur mit Genugtuung, sondern haben als Kehrseite oft auch ein schlechtes Gewissen.

 

Manchen in unserem Land ist es deshalb wichtiger, statt auf wirtschaftlichem oder sportlichem Gebiet lieber in der Disziplin Moral Weltmeister zu werden. An dieser Einstellung ist für sich genommen sicherlich nichts Schlechtes. Jedoch ist klar, dass sich dieser Anspruch nicht so einfach mit unseren sonstigen Erwartungen an uns und andere in Übereinstimmung bringen lassen kann.

 

Von Deutschland wird als moralische Instanz verlangt, dass wir uns um andere kümmern, anderen helfen, ihnen Entwicklungshilfe geben. Es wird von uns verlangt, dass wir freiwillig auf einen Teil des von uns erarbeiteten Reichtums verzichten. Zum einen, weil es moralisch sicherlich hoch stehend ist, so zu handeln, zum anderen jedoch auch, weil uns erklärt wird, das uns zumindest ein Teil des Reichtums, den wir anhäufen, in Wirklichkeit gar nicht zusteht. Man versucht uns dieses Prinzip jedoch auch dadurch schmackhaft zu machen, indem man es nicht nur moralisch hoch stehend ansieht, sondern es auch schlau bezeichnet, einen Teil unseres Reichtums abzugeben, weil wir damit die Ärmeren sozusagen beruhigen können und damit verhindern können, dass sie uns entweder angreifen, mit Waffen oder mit Ideologien oder dass sie sozusagen als Strafe bei uns einwandern und auf diesem direktem Wege von unserem Reichtum profitieren wollen.

 

Interessanterweise führen – meist eher rechts eingestellte – Flüchtlingsaufnahme-Unwillige ebenso wie – meist eher links eingestellten – Flüchtlingsaufnahme-Befürworter das Wort Gerechtigkeit im Mund. Die Ersteren argumentieren, es sei den Deutschen gegenüber ungerecht, dass Menschen, die gerade erst ins Land gekommen seien, ähnliche Sozialleistungen zustünden wie den Alteingesessenen. Letztere bezeichnen Deutschland als ein reiches Land, das schon qua seiner Stellung in der Welt verpflichtet sei, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren. Nach dem Motto: wir können es, also machen wir es.

 

Wir befinden uns dadurch in einer überaus komplizierten, gefühlsmäßigen Gemengelage. Wir sind einerseits stolz auf unsere Stellung in der Welt, haben weiterhin einen festen Glauben daran, dass eine Demokratie westlichen Zuschnitts das bestmögliche politische Modell darstellt. Damit paart sich aber eine gewisse Besserwisserei anderen Ländern gegenüber, nach welchen moralischen Standards man zu leben hat. Andererseits scheint uns unserer Reichtum unangenehm zu sein, manche scheinen sich seiner fast zu schämen.

Gerade wir Deutschen bilden uns viel auf unsere Tüchtigkeit ein, meinen aber auch, den Menschen anderer Völker erklären zu müssen, wie man richtig, auch moralisch richtig lebt. Wir scheinen damit vordergründig das Aggressive in uns verloren zu haben. Es ist für uns das höchste Ziel, andere Völker nicht mehr kriegerisch anzugreifen. Uns ist aber auch schon klar, dass in dieser stark vernetzten Welt eine hohe Tüchtigkeit gleichzeitig Geld und Macht bedeutet. Militärische Macht in unserem Falle nicht. Aber uns ist auch die moralische Verpflichtung klar, mit diesem Geld und dieser Macht anderen helfen zu müssen.

Theoretisch müsste man all diese Ansprüche elegant unter einen Hut bringen können. Immer wieder wird gesagt, Deutschland sei ein sehr reiches Land, es sei uns ein Leichtes, einige Asyl Suchende zu unterstützen.

 

Soweit die Vorstellung, wie alles sein sollte. Aber wie sieht die Realität aus? Hat diese Realität, dass nämlich keineswegs alle gleich behandelt werden, dass keineswegs jeder das gleiche Ansehen genießt, mit den politischen Verhältnissen zu tun, dies es zu beklagen gilt? Was hat es damit auf sich, dass die Welt offenkundig eine ganz andere ist, als dass sie uns in Sonntagsreden geschildert wird? Wie kann man dieses Spannungsverhältnis erklären?

 

Neben den politischen Richtungen, die – vielleicht zwangsläufig – ihre weltanschaulichen Lebenslügen mit sich herumschleppen, gibt es in der Gesellschaft ganz allgemeine politische Lebenslügen, denen wahrscheinlich viele Deutsche bezüglich der Zuwanderung unterliegen, egal welcher politischen Richtung sie angehören.

Im Klartext sollten wir uns klarmachen, in welchem Kontext Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden. Wie es in Deutschland wirklich zugeht. Und nicht, wie Deutschland vielleicht sein sollte. Wenn wir uns darüber klar werden, was ganz real hier und jetzt in Deutschland passiert, gelingt es uns vielleicht besser, unser Verhalten und unsere Gefühle den Flüchtlingen gegenüber einzuordnen.

 

Ständig urteilen wir über andere. Verurteilen andere. Wohlgemerkt geht es dabei noch gar nicht um die Flüchtlinge. Es geht um unser Verhalten, wie wir Deutschen untereinander agieren. Es geht sozusagen um unser innerdeutsches Wertesystem. Um eben die Grundlagen, auf die unser ganzes Denken und Handeln aufbaut.

Niemand hat etwas dagegen einzuwenden, solange sich dieses Prinzipien systemkonform zeigen.

Wir bewundern herausragende Vertreter unseres Landes,  aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport, wie es immer so schön heißt. Ständig werden Spitzenleistungen ausgezeichnet. Aber natürlich hat diese Sichtweise auch eine dunkle Seite. Nämlich die, dass wir auf die Menschen, die durch das gesellschaftliche Raster fallen, eben doch anders schauen, als auf die Stars dieser Gesellschaft. Und im Prinzip stimmt jeder dieser Einordnung auch zu. Ich behaupte: jeder tut das, ob bewusst oder unbewusst.

Wir schätzen Menschen, die in unserem Wertesystem weniger gut abschneiden, eben nicht so sehr. Das mag uns unangenehm oder peinlich sein. Aber eins ist unbestritten: wir machen Unterschiede.

 

Und selbstverständlich machen wir auch Unterschiede den Flüchtlingen gegenüber. Sie kommen aus einem anderen Kulturkreis, ihr Wertesystem entspricht nur zum Teil dem unsrigen, sie sind oft traumatisiert, usw., usw.

Bei allem Mitleid ist es aber sicher eine Tatsache, dass wir uns alle etwas von den Zuwanderern erwarten. Wie auch immer diese Erwartungen sind. Manche erwarten von dem Zuzug von Flüchtlingen eher Ungemach, andere erhoffen sich eine Bereicherung unserer Gesellschaft.

Vor allem erwarten wir eines, so schwammig der Begriff auch sein mag: wir erwarten von den Flüchtlingen, sich zu integrieren.

Weniger vornehm ausgedrückt bedeutet das nämlich: wir wollen die Flüchtlinge nicht als Last fühlen. Es geht hier nicht um die behauptete Tatsache einer Belastung, es geht auch nicht um die Qualität der Belastung, es geht einzig und allein um das Gefühl, belastet zu sein.

Solcher Art Belastungen können aber ganz unterschiedlich empfunden werden. Nun wird es interessant! Den Zuwanderungsgegnern reicht oft schon die bloße Anwesenheit von Menschen, die ersichtlich außerhalb unseres Kulturkreises geboren sind. Weniger radikale Gegner sehen die finanziellen Belastungen, die auf die hier lebenden Deutschen zukommen werden.

Andere haben vielleicht nicht grundsätzlich etwas gegen Ausländer, ihnen sind auch die finanziellen Belastungen nicht zu hoch, sie haben jedoch Angst davor, dass in den nächsten Jahrzehnten die deutsche Kultur im eigenen Land verdrängt werden könnte. Konkret stört sie der muslimische Einfluss, der mit einer wachsenden Anzahl von Menschen dieser Religionszugehörigkeit naturgemäß größer würde.

 

Bei den Zuwanderungsbefürwortern stellt sich das Gefühl der Belastung auf ganz andere Art und Weise ein. Diese fühlen sich nicht dadurch belastet, dass Zuwanderer ins Land strömen. Ganz im Gegenteil: sie fühlen sich dadurch belastet, dass Deutschland die Flüchtlinge nicht oder nicht genügend ins Land lässt!

Es sind die Menschen, die am liebsten allen Verfolgten oder sonst wie im Ausland Benachteiligten Asyl gewähren wollen. Offensichtlich empfindet diese Gruppe von Menschen die Flüchtlinge nicht als Belastung. Vielmehr sind die Flüchtlinge willkommene Objekte, eigene Schuld- und Schamgefühle abzubauen.

Zu dieser Gruppe gehören meist ältere Nachkriegsdeutsche, die glauben, durch gute Handlungen an armen und verfolgten Menschen etwas von den Kriegsgräuel wieder gutmachen zu können, es ist die Belastung derjenigen, die argumentieren, dass Deutschland in der Vergangenheit und heute einen Teil seines Wohlstandes der Ausbeutung von Dritte-Welt-Ländern verdankt.

Insbesondere bei jüngeren Menschen wird es ein durch solche Gedanken unverfälschte Impuls sein, in Not befindlichen Menschen zu helfen. Jungen Menschen ist nicht vorzuwerfen, nicht darüber nachzudenken, wie sich die unkontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen auf das Gesamtgefüge eines Staates auswirken kann. Insbesondere bei den Älteren wird es häufig das schlechte Gewissen sein, dass es uns Deutschen  – zumindest zum Teil unverdientermaßen -  besser geht, als Menschen aus weit ärmeren und/oder politisch zerrütteten Ländern.

 

Wenn wir den Zuzug aller Fremden oder zumindest bestimmter Gruppen von Fremden nicht von vornherein ablehnen, wollen wir doch, dass diese Zuwanderer bestimmten Standards entsprechen, die wir bewusst oder unbewusst setzen.

Ganz simpel ausgedrückt: die Ausländer, die hier in Deutschland leben wollen, müssen in Deutschland funktionieren. Das mag hart und wenig menschlich klingen, aber letztlich ist es so. Ob man das nun gut findet oder nicht. Es ist keinesfalls so, dass es für einen ungebildeten Mensch aus dem Ausland, der die deutsche Sprache nicht beherrscht, einfach ist, sich in Deutschland zu integrieren. Keineswegs. Schon alleine deshalb ist es klar, dass dies vielen in der Vergangenheit nicht gelungen ist, vielen nicht in der Gegenwart gelingt und vielen in der Zukunft auch nicht gelingen wird. Und natürlich wird es dann zu entsprechenden Frustrationen kommen. Wenn einzelne Menschen, Familien oder gar größerer Gruppen merken, dass sie im Gastland nicht zurecht kommen, wird dies zu einer Abneigung gegen dieses Land und seine Bewohner führen. Der Weg zurück in die Heimat mag verbaut sein, in Deutschland kommt man nicht weiter, merkt vielleicht auch, dass einem vielfach kein Respekt entgegengebracht wird. Und auf Dauer wird es nicht möglich sein, dass wir mit solchen Menschen gedeihlich zusammen leben werden. Wir mögen uns das eine Zeit lang einreden können, aber irgendwann werden wir merken, dass wir uns in der Einschätzung dieser Ausländer selber belügen. Dieser Selbstbetrug wird uns irgendwann auf die Füße fallen. Gelungene Integration ist nicht dadurch zu schaffen, dass wir sie mit allen Mitteln wollen. Gelungene Integration sprich funktionierendes Multikulti  ist eben auch eine Idee, von der eben behauptet wird, dass sie funktioniert, wenn alle Beteiligten sich nur genug darum bemühen.

Um eines hier ganz klar zu sagen: die vielen ehrenamtliche Helfer, die sich um die Integration von Flüchtlingen bemühen, haben meine ganz persönliche Hochachtung für ihr Engagement. Diese Menschen unterscheide ich ganz klar von denen, die vom Sessel aus die Flüchtlingskrise dazu nutzen, andere Deutsche unberechtigt als Rassisten zu beschimpfen!

Nur ist es eben so, dass die Ehrenamtler zusammen mit den dafür eingesetzten institutionellen Kräften des Staates nur ihr Bestes geben können. Ob die Flüchtlingswelle für Deutschland und natürlich auch für die Flüchtlinge selber segensreich sein wird, wird sich noch zeigen müssen.

 

Mögen wir immer und immer wieder betonen, dass wir allen Menschen den gleichen Respekt entgegen bringen oder entgegen bringen wollen, steht doch fest, dass wir es letztendlich nicht tun. Der Fremde ist uns umso fremder, je weniger er sich an die “deutsche Lebensart“ angepasst hat. Je weniger sich jemand dieser Art zu leben, zu denken, zu fühlen anpasst, desto geringer schätzen wir seine „Integration“ ein. Ein ungebildeter Mensch aus Schwarzafrika wird von uns nicht für voll genommen. Er erscheint uns unfähig, unser Denken zu verstehen. Ob nun dies nun tatsächlich so ist, oder ob es uns nur so vorkommt, ist für unsere Einschätzung erst einmal egal.

 

Die Hauptkriterien für die Anerkennung in unserer Gesellschaft haben viel mit Leistung zu tun.

Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft. Ob das gut oder weniger gut ist, darüber kann man sicherlich streiten. Aber solange Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft eine derartig große Rolle, auch eine tragende Rolle in unserer Gesellschaft spielen, werden wir irgendwann auch die Flüchtlinge nach diesen Kriterien beurteilen. Nur laut sagt dies kaum jemand.

 

Und hier setzt ein Korrektiv ein, dass man in etwa wie folgt darstellen könnte:

jeder Mensch aus einem anderen Land ist in unsere Gesellschaft integrierbar. Dies hängt nach Aussage der eingefleischten Flüchtlingsfans sogar weniger vom Ausländer, als vielmehr von unserer Bereitschaft ab, die Ausländer bei uns zu integrieren. Schon allein die Wortwahl „Ausländer bei uns zu integrieren“ entlarvt ein Verständnis von diesem Vorgang, das ich schlichtweg für falsch halte. Was wir als Deutsche tun können, sind Integrationshemmnisse zu entfernen. Integrieren muss sich der Betroffene dann schon selber. In dieser Aussage schwingt die Arroganz mit, einen erwachsenen Menschen sozusagen verwalten zu können. Ihn sozusagen letztlich zum Spielball für die Idee einer gelungenen Integration machen zu können.

 

Einerseits ist Leistung der anerkannte Maßstab in unserer Gesellschaft, andererseits müssen wir aus Gründen einer eben beschriebenen politischen Korrektheit so tun, als wäre dieser Maßstab für die Beurteilung eines Menschen irrelevant. Ich empfinde dies schlichtweg als eine Schizophrenie in unserem Denken.

 

 

Wenn die Befürworter mit der einfachen Forderung, eine großen Menge von Menschen Asyl gewähren zu wollen, nicht weiter kommen, schwenken sie oft in ihrer Argumentation plötzlich um 180°. Dann plötzlich sind die Flüchtlinge fast alle gut ausgebildet, wenn nicht sogar Herzchirurgen. Dann plötzlich geht es nicht mehr um humanitäre Hilfe, sondern um ein verlockendes Angebot an Humankapital, bei dem wir nur zuzugreifen brauchen. Um unserem Land die dringend benötigten Fachkräfte zuzuführen, die hier fehlen. Dies ist keine Argumentationsstrategie, die mir das Anliegen der Befürworter näher bringt.

 

Nein, ich bin der Meinung, dass wir nicht nur mit dem, was wir von den Flüchtlingen erwarten können, sondern auch dem, was wir von uns selber erwarten können, einigermaßen ehrlich sein sollten.

Ich meine, dass es völlig normal ist, Unterscheidungen zwischen den Menschen an sich zu treffen. Ich halte es auch für völlig normal, dass wir bei diesen Unterscheidungen auch ganz individuelle Wertungen treffen, und auch dies tun wir ständig. Danach richtet sich unser Umgang, den wir mit anderen haben. Daran findet niemand etwas Besonderes, weil es die normalste Sache der Welt ist.

Es gibt ein Postulat, dass wir jeden Menschen mit Respekt behandeln sollen. Ich finde dieses Postulat richtig, wie es wahrscheinlich jeder andere einigermaßen normal denkende Mensch richtig findet. Dies bedeutet zum Beispiel für mich, dass ich mich bestimmter Umgangsformen bediene, jedem Menschen gegenüber ein Mindestmaß an Freundlichkeit erbringe, und so weiter und sofort. Jeder mag dieses Postulat etwas anders interpretieren, aber ein normal denkender Mitteleuropäer weiß, was damit gemeint ist. Die grobe Richtung wird, für jeden verbindlich, ohnehin schon durch das Strafgesetzbuch angegeben, in dem Verstöße gegen andere in allen möglichen Bereichen geahndet werden. Aber was wollen  wir mehr?

 

Dies scheinen wir in der Debatte, wer heutzutage als Rassist oder Ausländerfeind angesehen wird, völlig aus den Augen zu verlieren. Wenn wir zum Beispiel mit unseren Nachbarn A freundschaftliche Verbindungen pflegen, die Nachbarn B nur grüßen und die Nachbarn C, weil wir uns über ihn oder sie geärgert haben, weil er oder sie jeden Tag Lärm macht oder weil uns schlicht und einfach seine oder ihre Nase nicht passt, nicht eines Blickes würdigen, ist dies das normalste auf der Welt. Keiner wird uns deshalb verurteilen, zumindest niemand, der einigermaßen vernünftige Maßstäbe anlegt. Natürlich wäre es schön, wenn wir auch den Nachbarn C grüßen würden, obwohl wir irgendwelche Probleme mit dieser Person haben, aber wenn wir es eben nicht tun, wird uns niemand einen Strick daraus drehen wollen.

Also bilden wir – völlig normal – bestimmte Gruppen. Gruppen von Menschen, mit denen wir Freundschaften pflegen, Gruppen von Menschen, mit denen wir das nicht tun. Gruppen von Menschen, zu denen wir aus den verschiedensten Gründen keinen Zugang haben. Gruppen von Menschen, die uns ziemlich gleichgültig sind. Zuletzt auch Gruppen von Menschen, gegen die wir Abneigung hegen.

Ich persönlich halte es für völlig normal, bestimmten Menschen oder auch bestimmten Gruppen gegenüber Abneigungen zu haben. Diese Abneigung kann ich hinterfragen, ich kann es aber auch bleiben lassen. Aber keiner wird mir ernsthaft erklären können, dass ich auch zu dem Nachbarn aus der C-Gruppe  gleich freundlich sein muss wie beispielsweise zu Nachbarn aus der B-Gruppe.

 

Warum jedoch legen wir plötzlich völlig andere Maßstäbe an, wenn es sich bei den Gruppen um Menschen anderer Nationen handelt? Und zwar aus ganz bestimmten Nationen. Wenn ich zum Beispiel hingehe und mich über die Engländer beklage, zum Beispiel weil sie im Ausland oft laut und betrunken sind, (was natürlich nicht für alle Engländer gilt, aber doch für einige) oder wenn ich Franzosen einen gewissen Chauvinismus vorwerfe, (was natürlich nicht für alle Franzosen gilt, aber doch für einige), wird mich deshalb niemand als Rassist bezeichnen. Klar kann man mit mir auch darüber diskutieren wollen und zum Beispiel sagen, dass doch auf viele Deutsche im Ausland laut und betrunken sind oder dass es Nationen gibt, deren Nationalstolz noch viel größer ist als der der Franzosen. Sicher kann man sich auch über mich ärgern, weil ich in der Diskussion dann trotzdem nicht von meiner Meinung abweiche, aber auch deshalb wird mich niemand als Rassist bezeichnen.

 

Sprechen wir dann aber zum Beispiel über Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Iran, aus Afghanistan, scheinen plötzlich noch ganz andere Gesetze zu gelten. Nun kann ich alles Mögliche über solche Flüchtlinge sagen, manches wird richtig sein, manches wird sich beweisen lassen, und manches ist vielleicht sogar nachweislich totaler Blödsinn.

Jedem einigermaßen normal denkenden Menschen ist selbstverständlich klar, dass nicht Syrer gleich Syrer ist, Iraker nicht gleich Iraker, genauso wenig wie Engländer gleich Engländer ist.

Wenn jemand irgendwelche Stereotypen über Araber erzählt, ist dies Blödsinn, weil das, was er von sich gibt, schlicht und einfach faktisch falsch ist. Solchen Stereotypen über Deutsche bin ich auf meinen Auslandsreisen immer wieder begegnet, würde aber nie auf die Idee kommen, deshalb einen solchen Verallgemeinerer als Rassisten zu bezeichnen. Dieser jemand erzählt dummes Zeug. Das ist es dann aber auch erst einmal. Natürlich ist es nicht schön, wenn Unwahrheiten über einzelne, Gruppen oder Volksgruppen erzählt werden. Aber es ist nun einmal Fakt, dass stets und ständig irgendwelche Unwahrheiten erzählt werden. Und es braucht schon ziemlich dumme Gesprächspartner, die Quatsch dieser Art glauben. Aber sind Leute, die vielleicht voller Vorurteile sind, die vielleicht dumm sind oder es nicht besser wissen können, deshalb schon Rassisten? Ich würde sie eher als ignorante Dummköpfe bezeichnen.

 

 

Rassismus ist kein klar eingrenzbarer Begriff. Gerade wenn ich heutzutage in den Medien die tollsten Definitionen darüber lese, wer angeblich schon ein Rassist sein soll, wird mir das klar.

Es gibt heute eine Menge von Leuten, die sich offensichtlich als Volkserzieher sehen. Die uns vorschreiben wollen, was wir denken sollen und was wir sagen dürfen. Oder eben auch nicht dürfen.

Sie maßen sich die Deutungshoheit darüber an, wer ein Rassist ist und wer nicht. Und schaden letztlich ihrer eigenen Sache damit. Viele Menschen werden ihre Bereitschaft verlieren, sich mit dem Projekt „Flüchtlinge in Deutschland“ auseinander zusetzen, wenn sie sich ungerechtfertigten Vorwürfen ihrer Gesinnung betreffend ausgesetzt sehen.

 

Was ist zum Beispiel davon zu halten, dass Menschen Polizisten deshalb als Rassisten brandmarken und sie damit ganz bewusst in die Nähe von Neo-Nazis stellen, weil sie nordafrikanisch aussehende Menschen oder nordafrikanisch aussehende Intensivtäter  als „Nafris“ bezeichnen? Ich denke, man muss nicht weiter darauf eingehen, um zu merken, dass so etwas totaler Blödsinn ist. Ich frage mich, ob die Volkserzieher eine solche Bewertung auch abgeben würden, wenn Syrer Deutsche als „Deuschtis“ bezeichnen würden. Ob sie deshalb Syrer, Afghanen, Iraker, Marokkaner und Tunesier als Rassisten bezeichnen würden.

Auffällig ist auch, dass wenn in Deutschland über Rassismus gesprochen wird, immer Deutsche als Täter gemeint sind. Dabei ist völlig offensichtlich, dass viele der bei uns einwandernden Asylanten selber rassistisch denken.

Was ist diesen Volkserziehern zu halten, die solche Wertungen abgeben? Zumindest muss man sich fragen, warum sie so etwas tun. Was sie dazu treibt, über Berufsgruppen auf Grund von so etwas solche Bewertungen abzugeben. Und es bleibt die Frage, ob diese Menschen selber die Integrität besitzen, die sie anderen ganz einfach und mal ganz nebenbei absprechen wollen.

 

Wie man aus meinen Bemerkungen vielleicht erkennen kann, bin ich aus verschiedenen Gründen kein Freund eines ungezügelten Zuzugs von Flüchtlingen.

Allerdings halte ich es auch nicht für richtig, die Situation bei einem weiteren Zuzug von Flüchtlingen zu dramatisieren. Angst ist auch bei diesem Thema sicherlich kein guter Berater.

 

 

Ich ziehe also das folgende Fazit:

ich denke, wir müssen uns gegenüber ehrlich bleiben, wie wir Flüchtlinge in der Zukunft behandeln wollen und wie wir sie realistischerweise in Zukunft behandeln werden. Bestenfalls genauso, wie wir die Mitbürger aus dem eigenen Land auch behandeln. Flüchtlinge dürfen nicht erwarten, dass ihnen hier auf Dauer eine Sonderbehandlung zuteil werden wird. So sehr sich viele Menschen hier bemühen, den Flüchtlingen das Leben leichter zu machen und diese Menschen haben meinen vollsten Respekt, so schwer wird es auf Dauer möglicherweise für alle Beteiligten werden.

Neben der vollmundigen Behauptung: „wir schaffen das“, muss die Frage erlaubt sein: „schaffen die das?“

Diese Integration gelingt vielleicht leichter, wenn wir uns dabei das Leben untereinander nicht selber schwerer machen, indem wir uns wegen unterschiedlicher Meinungen bezüglich des Umgangs mit Flüchtlingen gegenseitig mit der Moralkeule bewaffnet an die Gurgel gehen. (Michael Jungfleisch-Drecoll)

Baumhausbeichte - Novelle