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Sport-Stammtisch (vom 4. März)

Wann ist ein Mann ein Mann? Singt Herbert Grönemeyer. Und weiß es nicht. Wann ist Mord Mord? Noch viel schwieriger zu beantworten, siehe Berliner Raser-Urteil. Wann ist Hand Hand? Die ultimative Steigerung. Unlösbar. Selbst der Fußball-Gott muss passen.
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Der arme Lars Stindl. Wird in die selbe Schublade gesteckt wie der dreiste Elfmeter-Schinder Timo Werner. Ein fairer Sportler gibt das Handspiel zu, heißt es. Und wenn der Schiedsrichter ihn nicht fragt, habe der Spieler gefälligst ungefragt zu gestehen.
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Das sehe ich zwar auch so. Normalerweise. Aber was, bitteschön, hätte Stindl »gestehen« sollen? Jeder, auch der Schiedsrichter, hat gesehen, dass der Ball vom Körper an die Hand prallte, unabsichtlich, dass dabei aber die Körperfläche vergrößert wurde. Alt-Schieri und Fernseh-Regelexperte Gagelmann sah das Tor sogar in der Zeitlupe noch als korrekt an. Erst nach dem Spiel relativierte er. So eindeutig sei die Sache nun doch nicht.
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Stimmt. Nicht eindeutig. Sondern eindeutig zweideutig. Zählt die Absichtslosigkeit? Dann ist das Tor regulär. Zählt die Vergrößerung der Fläche? Dann ist es irregulär. Stindl schien dies instinktiv zu erkennen, er jubelte nicht, wartete auf die Entscheidung des Schiedsrichters. Was hätte er auch sonst tun sollen? Bei einer kniffligen Regelauslegung spontan auf der für ihn negativen Alternative bestehen? Quatsch.
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Früher, auf dem Bolzplatz, war die Sache klar: »Hand ist Hand.« Einzige Ausnahme: »Angeschossen«. Aus kurzer Distanz auf den Körper und so, dass die Hand nicht wegziehbar war. Man sollte diese Bolzplatz-Regel übernehmen. Auch »Drei Ecken =  Elfmeter« hätte einen gewissen Charme. Und dem HSV wäre es in München sicher nicht unrecht gewesen, wenn dort eine dritte Bolzplatz-Regel gegolten hätte und die 22 Spieler durch Füßchen-Wahl auf die beiden Mannschaften verteilt worden wären.
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Spaß beiseite. Wie sich die Eintracht ins Halbfinale rumpelte, das war eine zähe Zumutung für alle, die nicht zum harten Frankfurter oder Bielefelder Fan-Kern gehören. Zwar bringt es die neue »Spiel«weise der SGE mit sich, dass der Kovac-Klub gegen formal deutlich schwächere, defensiv eingestellte Gegner in Schwierigkeiten geraten kann, aber daran lag es diesmal weniger als an der Vielzahl der Nichteinsatzfähigen. Doch da stellt sich die Henne-und-Ei-Frage: Wer war zuerst da? Die Verletzungen, die den Fußball à la Frankfurt beeinträchtigen, oder der Fußball à la Frankfurt, der Verletzungen provoziert (auch beim Gegner, aber das ist eine andere Geschichte).
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Der kleine negative … nein, Trend wollen wir das noch nicht nennen … die Mini-Krise wird nicht in einem erneuten Relegations-Krimi enden, da seien Niko Kovac, seine Spieler und das stattliche Punktepolster vor. Wenn schon Eintracht-Krimi, dann ein echter. Bei mir ist jetzt einer auf die Zu-lesen-Liste gekommen: »Einzige Liebe« von Gerd Fischer (mainbook-Verlag). Dessen Kommissar Rauscher muss den Mord an einem Fan aufklären, der während eines Heimspiels tot auf dem Stadiongelände gefunden wurde. Fischer lotet einige Eintracht-Untiefen aus, bis hinunter zum legendären Detari-Deal. Nach der Lektüre vielleicht mehr dazu.
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Wo war ich? Ach so, die Verletzungen. Kovac erregt in diesen Tagen erstauntes Aufsehen mit seiner Meinung, Profifußball sei ohne Schmerzmittel unmöglich. Er spricht nur aus, was Insider wissen: Schmerzmittel sind weit verbreitet, manche Profis nehmen sie wie Bonbons, sogar prophylaktisch, auch um die Belastungsgrenze zu erhöhen. Da kommen ebenfalls Henne und Ei ins Spiel: Nehmen die Profis so viele Schmerzmittel, weil sie Schmerzen haben, oder haben Sie Schmerzen, weil sie so viele Schmerzmittel nehmen?
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Immerhin: Doping ist das nicht. Obwohl es sich wie Doping anfühlt. Doch da greift eine andere Bolzplatz-Regel: Doping ist das, was auf der Dopingliste steht. Alle anderen Lamentos und ethisch-moralischen Schwafeleien führen ins gesinnungsethische Nirwana.
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In diesem Zusammenhang sei noch der britische Sport-Boom erwähnt. Bradley Wiggins wurde sogar von der Queen geadelt, wie auch Mo Farah oder früher Sebastian Coe, Namen, die eindeutig zweideutig wie Donnerhall klingen. Armstrong-Nachfolger Wiggins muss momentan nicht nur erklären, warum er an fast allen Krankheiten dieser Welt leidet und daher leider, leider, mit Ausnahmegenehmigung diverse ansonsten verbotene Mittel einnehmen darf, sondern auch, warum seine Dopingproben verschwunden sind und sein Rennstall Sky keine medizinischen Daten herausgibt. Wären die Briten Russen, hätten sie den Brexit im Sport schon längst zwangsweise hinter sich. Und wir den Germanexit, die Amis den USexit, die Spanier … ach, lassen wir das.
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Je komplizierter die Welt, desto einfacher die angebotenen und gerne angenommenen Lösungen. Im digitalen Zeitalter regiert das binäre System, das mit nur zwei Möglichkeiten alles lösen zu können vorgibt. So gehen die beiden immer noch größten deutschen Parteien mit dem scheinbaren Gegensatzpaar »Innere Sicherheit« (CDU) und »soziale Gerechtigkeit« (SPD) in den Wahlkampf. Sind das Gegensätze? Eher Synonyme. Jedenfalls bedingen sie sich, ohne das eine gibt es das andere nicht.
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Manchmal, nein, meistens wirken Parteipolitiker, auch einige, denen ich zuneige und die Leser dieser Kolumne sind, wie Ultra-Fans: Alles, was aus dem gegnerischen Block kommt, wird gnadenlos ausgebuht. Obwohl der Fußball ja ein Beispiel gibt, dass über das binäre Entweder – Oder hinaus eine dritte Möglichkeit in Frage kommt: das Unentschieden.
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Das aber hat nun selbst im Fußball einen schweren Stand. Die Stimmen mehren sich, das Unentschieden abzuschaffen. Passt zwar in die binäre Zeit, ins Schwarz-Weiß-Denken, das kein Grau akzeptiert, doch ich hoffe, dass der Fußball entschieden beim Unentschieden bleibt. Wenn schon … dann doch lieber »Drei Ecken – Elfmeter«. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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