Archiv für März 2017

Freitag, 31. März, 8.35 Uhr

„Sport-Stammtisch“ steht schon online. Gestern Abend und heute früh geschrieben, wegen häuslicher und freizeitsportlicher Verpflichtungen. Man muss eben Prioritäten setzen.

Der  Verweis aufs „Sport-Leben“ ist mit Lese-Mühe verbunden. Daher habe ich nun doch den Abschnitt über das „weiße Schaf“ herauskopiert … voila:

 

 

Ich rufe den Leichtathletik-Chef einer Nachrichtenagentur an und erläutere ihm mein Vorhaben: »Ich will beweisen, dass man ohne Anabolika über . . . « – ich stocke, im letzten Moment rettet mich meine Rest-Vernunft, statt 21 sage ich: – «. . . 20 Meter weit stoßen kann. Ich bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.«

Der Agentur-Mann, von Haus aus Langstreckler, ist begeistert. Solch ein Narr kommt ihm gerade recht. Er schreibt einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erscheint. Er organisiert die Kontrollen. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten deutschen Dopingjäger, wird auf mich angesetzt. Sie sind sicher, dass sie mich packen werden.

Mir soll’s nur recht sein. Ich fühle mich herrlich. Endlich vom Anabolika-Joch befreit! Mehr als mir bewusst war, habe ich darunter gelitten, dass mein geplanter jährlicher Leistungshöhepunkt stets mit fremder Hilfe zustande kommen sollte. Dass ich ohne Anabolika 21 Meter weit stoßen müsste, steht für mich zweifelsfrei fest. Dass ich ohne Anabolika 20 Meter weit stoßen kann, habe ich schließlich schon bewiesen. Bisher allerdings nur mir selbst – andere, auch Fachleute, hatten es nicht geglaubt, dass ich in den Aufbaumonaten aus Prinzip keine Anabolika einnehme.

Ich trainiere. Alles läuft wie geplant, wie immer. Ich hoffe auf viele Kontrollen. Aber niemand kommt. Das ärgert mich, denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung verfestigt: Jeder, der 20 Meter und mehr stößt, nimmt Anabolika. Auch die Fachleute vertreten diese Meinung, und vor allem Kugelstoßer, die mangels Talent und/oder mangels Trainingsfleiß bei 14, 15, 16 oder 17 Meter stehengeblieben sind, unterstützen diese These und stellen sich als lebende Beweismittel zur Verfügung. Manch einer redet sich zum verhinderten Weltrekordler hoch. Ich stehe allerdings direkt daneben im selbstillusionären Wolkenkuckucksheim, denn ich rede mich nicht zum verhinderten Weltrekordler hoch, sondern fühle mich sogar als verhinderter 22-Meter-Weltrekordler. Aber nur 1975 – danach geht die Anabolika-Post ab in Richtung 23 Meter!

Auch die Kugelstoßer nahe meiner Leistungsklasse, vor allem die deutschen Konkurrenten, die ich in den letzten Jahren überholt habe, bleiben misstrauisch. Sie glauben, ich trickse, oder argwöhnen, dass ich vom sozialen, chancengleichen Anabolika-Doping auf etwas anderes übergewechselt bin, auf ein wirksameres Mittel, das ich ganz für mich alleine habe. Wahrscheinlich hätte ich auch so gedacht. Es wäre Betrug, ein unverzeihlicher Verstoß gegen Fairness und Chancengleichheit, wenn man ein leistungssteigerndes Mittel nimmt, das andere nicht kennen. Schließlich war für mich die Grundvoraussetzung, mit dem Kugelstoßen zu beginnen, der weltweite Leistungsvergleich auf chancengleichem Niveau. Beim Sprint kann man die persönlichen Bestleistungen wegen der Unterschiede von Laufbahnbeschaffenheit und Windgeschwindigkeit nicht objektiv vergleichen, sogar beim Diskuswerfen kann die Scheibe bei günstigem Gegenwind im Extremfall fast zehn Meter weiter fliegen als bei ungünstigen Windbedingungen. Nur beim Kugelstoßen ist der weltweite Leistungsvergleich gegeben – wenn alle sich an alle Vorgaben halten. Und zu den Vorgaben gehören eben auch die Anabolika. Meinen Verzicht sehe ich als selbstgewähltes Handicap im Dienste einer guten Sache.

Ich genieße die neue Rechtschaffenheit des kategorischen Anabolika-Verzichters. Als es am Ostersonntag abends gegen elf Uhr läutet und der Doping-Jäger vor der Tür steht, empfange ich ihn mit jubelnder Freude. Endlich! Seit acht Monaten habe ich keine einzige Pille geschluckt, und jetzt werde ich getestet. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test wird es nicht einmal in zwanzig Jahren geben: ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt. Der Dopingtester erscheint wie aus heiterem Himmel, drückt mir das Röhrchen in die Hand, das sofort gefüllt werden muss. Keinerlei Manipulationschance. Selbst kurz vor dem Ende unseres Jahrhunderts wird es bei den Dopingtests noch Schlupflöcher geben, Vorankündigungen und stundenlange Verzögerungsmöglichkeiten, obwohl man weiß, dass bei den neuen Doping- und Doping-Verschleierungsmitteln wenige Stunden genügen, um »Sauberkeit« vortäuschen zu können.

Ich habe Verschleierung nicht nötig. Ich bin sauber, und ich bin stolz darauf. Dieses befriedigende Gefühl lässt mich sogar daran denken, in Zukunft auch im Sommer immer auf Anabolika zu verzichten. Einundzwanzig Meter sind doch auch ganz schön, vor allem, wenn man weiß, dass man der einzige Ungedopte unter den Spitzenstoßern ist.

Der Dopingfahnder lässt sich von meiner guten Laune anstecken. Stolz und freudestrahlend erzählt er von seinem Hobby: Urinproben bekannter Sportler. Er sammelt sie zu Hause in einer Vitrine. Ein schönes Hobby. Ich befürchte aber, dass meine Urinprobe auch in die Vitrine wandert, und zwar ohne Labor-Untersuchung. Ich bedränge den Pipi-Fetischisten, meinen Urin auch ja untersuchen zu lassen. Er verspricht es, doch ich traue ihm nicht. Er kommt nie wieder. Als ich ihn später bei einem Wettkampf treffe, mahne ich weitere Kontrollen an. Er beruhigt mich: Dass ich unter Kontrolle stehe, sei die Hauptsache, wie viele Kontrollen gemacht würden, sei nebensächlich. Ich befürchte, dass kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer besteht.

Der Agentur-Sportchef widmet dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr, der Apotheker kommt nie mehr.

Die anabolikalose Freiluftsaison hat begonnen. Alles läuft in den gewohnten Bahnen. Doch langsam werde ich nervös. Auch in anderen Jahren stoße ich in den Aufbaumonaten nicht weiter als jetzt, im Gegenteil, im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bin ich in fast allen Kontrolldisziplinen stärker. Zu größeren Wettkämpfen trete ich in dieser Phase nie gerne an. Es gibt nur zwei Pflichttermine: den Vor- und den Endkampf der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Mein Verein nimmt diesen Wettbewerb im Gegensatz zu mir sehr ernst, man ist stolz auf eine ganze Reihe von deutschen Meistertiteln. Selbstverständlich besteht Teilnahmepflicht. Ich stoße 18,70 Meter weit, morgens um neun Uhr und bei so vielen Teilnehmern, dass zwischen jedem der vier Versuche (mehr gab es bei diesen Wettkämpfen schon damals nicht) 40 Minuten nervtötende und leistungsmindernde Zwangspause liegen. Ich könnte zufrieden sein. Alles im Lot. Es läuft. Ich stecke noch voll im Aufbautraining, habe noch viele Wochen Zeit, im kommenden Wettkampftraining schneller, explosiver und sicherer zu werden. Doch ich werde nervös, weil ich nicht die Selbstsicherheit besitze, Einflüsterungen Gutgesinnter und hämische Kommentare vergrätzter Konkurrenten zu ignorieren. »Das schaffst du nie, du musst den Stoff nehmen, sofort, ehe alles zu spät ist!« »Wo bleiben denn die 20 Meter? Dein neues Mittelchen wirkt wohl nicht?« Tenor: »Das hast du nun davon!«

Ich kapituliere. Mit einem hochrangigen Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und dem Trainer meines Vereins spreche ich die Strategie ab. Wie kann ich in den Schoß der Anabolika-Gesellschaft zurückkehren? Unser Plan: Den nächsten freiwilligen Dopingtest werde ich ablehnen. Mit meiner Aktion habe ich, soll ich sagen, dem Verband, dem Verein und vor allem meinen Sportkameraden einen Bärendienst erwiesen. Es sei egoistisch und unsportlich, mich als weißes unter lauter schwarzen Schafen öffentlich erkennen zu geben. Das müsse ich aus Fairnessgründen revidieren. Ich sei und bleibe zwar ein anständiger, sauberer Leistungssportler, aber ab sofort würde ich nicht mehr mit einer eigensinnigen, mir nützlichen und anderen schadenden Einzelaktion vorpreschen. Kontrollen – ja bitte, ja gerne, aber nur nach dem Zufallsprinzip und bei Wettkämpfen, wie das 1975 üblich ist. Über diese Erklärung hinaus haben mir, so die Strategie, Verband und Verein Sprechverbot auferlegt, bei Zuwiderhandlung könnte ich gesperrt werden, es tue mir leid, das verstehe man ja wohl, wenn es noch Fragen und Forderungen gäbe, solle man sich schriftlich an Verein und Verband wenden.

Eine Zentnerlast fällt von mir ab. Ich gehöre wieder dazu. Alle sind wieder freundlich zu mir.

 

 

Da der Kontrolleur und die Medien die Lust verloren hatten und ich nicht mehr kontrolliert wurde, musste ich dieses Ausredengeflecht nicht anwenden. Im selben Jahr stieß ich mit 20,12 m meine Bestleistung, im folgenden scheiterte ich an der intern auf 20,60 m hochgeschraubten Anabolika-Olympianorm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (der an dieser absurden, an den DDR-Spitzenleistungen orientierten Norm weniger schuld war als NOK, DSB, Medien und vor allem BAL, die lieber noch höhere Normen verlangt hätten, Stichwort Olympia-Touristen). Ich hätte also sehr überzeugend behaupten können, ungedopt über 20 m gestoßen zu haben, von den bundesdeutschen Doping-Förderern aber von Olympia ausgeschlossen zu werden. Ich wäre auf ewig eine Galionsfigur des sauberen Sports geworden. Stattdessen habe ich ohne Not alles zugegeben, der Sache wegen, des Sports wegen.

Und Sie? Was hätten Sie an meiner Stelle getan?

Ich glaube zu wissen, was viele heutige Anti-Doping-Moralisten getan hätten.

Veröffentlicht von gw am 31. März 2017 .
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Mittwoch, 29. März, 18.10 Uhr

Einerseits würde ich gerne loslegen und alles noch einmal komprimiert darlegen, was ich in all den Jahren und Jahrzehnten zu diesem „aktuellen“ Thema geschrieben habe, das einen uralten Bart hat. Andererseits lasse ich mich nicht am Nasenring durch die Manege führen, ich tanze lieber nach meiner eigenen Pfeife. Wie 1985, als ich beim Deutschen Sportärztekongress in Berlin einen Vortrag hielt und die Hosen weit herunter ließ. Dieses Bekenntnis schrieb ich ein Jahr später zu einem fast ganzseitigen Artikel in der FAZ um. Wiederum einige Jahre später, aber noch im alten Jahrtausend, weitete ich das Bekenntnis zum umfangreichen „Sport-Leben“ aus. Diesen Text kürzte ich für eine Serie in den Zeitungen unseres Verlages und stellte ihn ungekürzt ins Internet, seitdem zu finden auf meiner Website „Sport, Gott & die Welt“. Mehr Offenheit und Öffentlichkeit geht nicht, dachte ich. Interessiert hat es aber niemanden so richtig, außer in Teilen der Fachwelt.

Und jetzt: „Steines outet sich erneut“. dpa berichtet, und sogar im Videotext tauche ich auf. Um das zu „schaffen“, hätte ich früher mindestens 21 Meter stoßen müssen. Verrückte Sportwelt. Wirklich ver-rückt. Und ziemlich armselig.

„Erneut geoutet!? Wenn Thomas Hitzlsperger heute sagt: „Ich bin schwul“, „outet“ er sich dann „erneut“? Oder sagt er Bekanntes und Selbstverständliches, das keiner weiteren Erwähnung bedarf?

Ich muss meine Worte im Blog momentan mehr hüten, als mir lieb ist. Denn zur alten, kleinen und feinen Stammleserschaft gesellen sich aus diesem „aktuellen“ Anlass auch neugierig Hinzukommende, die nicht wissen, dass mein Blog nur der Stein(es)bruch für die Zeitungskolumnen ist und sonntags sogar als Warmschreiben dient, als Aufwärmprogramm für die „Montagsthemen“, wobei ich meine Worte eben nicht hüte, sondern unkontrolliert in den Blog fließen lasse. Mit allen Albernheiten, Übertreibungen und Fehlleistungen, die dabei unvermeidlich  sind. Noch ein Wort für die neuen Leser (die sicher bald wieder abwandern und wir dann wieder unter uns und ungezwungen sind): Blog ist das, worüber als Titel ein Datum steht. Was mit Namensnennung beginnt, sind Leserbriefe, alles andere, meist „Sport-Stammtisch“, „Montagsthemen“ und „Ohne weitere Worte“, sind die archivierten Kolumnen aus der täglichen Zeitungs-Serie „Anstoß“, die ich nun  auch schon vor fast einem Vierteljahrhundert eingeführt habe.

Soll ich also im nächsten „Sport-Stammtisch“ ausführlich auf den Hype eingehen? Oder nur anmerken, dass ich mich nicht am Nasenring usw.? Soll ich noch mal das schöne Schäuble-Zitat bringen? Mein über 30 Jahre altes Statement vom Staatsdoping a la Bundesrepublik, die Doping forderte und förderte, mit aktiver Mithilfe der Medien? (Stichworte: „Olympia-Touristen“, intern erhöhte Olympianorm 1976: 2 x 20,60 m, Aussagen von DSB- und NOK-Spitzen usw.). Oder mein Vorschlag für einen kleinen Schritt zu mehr Chancengleichheit und weniger Doping (wie im alten Olympia frühzeitige Anwesenheitspflicht im Olympischen Dorf ca. zwei Monate vor dem Wettkampf, im Dorf dann lückenlose Kontrollen), der sogar im DOSB diskutiert, aber als weltfremde Schrulle abgetan worden sein soll?

Ich weiß es noch nicht. Ist ja noch Zeit. Jetzt stelle ich erst einmal drei Lesermails online, darunter die von Jörg Kofink, der jetzt von Zeit und SZ interviewt worden ist. Im  Verlauf seines Textes auftauchende Namen werde ich vorsichtshalber einXXXen.

Veröffentlicht von gw am 29. März 2017 .
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Sonntag, 26. März, 6.50 Uhr

Gestern war’s um diese Uhrzeit noch eine Stunde früher. Die fehlende versickerte heute Nacht in der Sommerzeit und taucht zur Winterzeit wieder auf. Kinder, wie die Zeit vergeht, dachte ich auch gestern. Zwei Mal. Erst schaufelte ich die 80 cm tiefe, ein Meter lange und 60 cm breite Grube wieder zu, die wir vor fünf Wochen ausgehoben hatten. Für unsere Methusalemin von Hund, die nicht mehr fraß, apathisch war, hinten nicht mehr hoch kam, von Tumoren übersät, von denen der des Lungenkrebses der unwesentlichste war (damit, nicht davon stirbt so ein alter Hund)  – ein Bild des Elends. Der schwere Entschluss war gefallen, die Tierärztin schon im Haus, letztes Gespräch vor dem Einschläfern … wir konnten es noch nicht, verschoben die Aktion um einen oder zwei Tage … und ein kleines, ein großes Wunder geschah. Als sei sie in einen Jungbrunnen gefallen, erholte sie sich von Stunde zu Stunde und ist jetzt fast wieder die „Alte“. Klar, auch dank hammerharter Medikamente. Aber sie leidet nicht und hat Freude am Leben. Kaum zu glauben, wie furchtbar sie darnieder lag. Natürlich wissen wir: nur ein Aufschub. Aber ein Geschenk.

Wie nah mir das ist, und wie fern die alte Sportlerzeit. Als wär’s  kein Stück von mir. Aber sie holte mich ein, als ich nach getaner Schaufel- und sonstiger Gartenarbeit rechtschaffen müde vor dem Fernseher saß und vor dem (bärenstarken) ZDF-Krimi die Tagesschau sah. Kürzlich erst schrieb ich hier im Blog (und am Donnerstag im „Rück-Blog“ für die Druckausgabe) über die Doktorarbeit des Sohnes eines früheren Dreispringers, der dafür auch Teile aus meinem „Sport-Leben“ (siehe Link rechts) verwendete. Alte Geschichten, heute nicht mehr von Belang, dachte ich, außer für solch eine historisch-dokumentarische Doktorarbeit. Dass auch in der alten Bundesrepublik flächendeckend gedopt wurde, aber nach „föderalistischem“ statt zentralistischem System, dass Doping zudem bei uns staatlich, medial und öffentlich gefordert und gefördert wurde … alte Hüte, die ich seit Jahrzehnten oft und viel zu oft in den Ring geworfen und die Leser, wie ich vermutete, damit manchmal gequält und, schlimmer noch, gelangweilt habe.

Aber damit scheinen unsere Leser immerhin exklusives Wissen erhalten zu haben. Darauf bilde ich mir nichts ein, denn dass und warum ich aufklären konnte, ist kein persönliches Ruhmesblatt, sondern es liegt ja am Wissen aus erster Hand, aus meiner, und alle anderen Journalisten konnten allenfalls aus zweiter Hand berichten, und von erster zu zweiter Hand geht immer viel an Wahrheit verloren (übrigens ein immanentes Problem des investigativen Journalismus). Dann sitze ich also gestern Abend vor dem Fernseher, und am Schluss der Tagesschau, die in den letzten Monaten vom Wintersport dominiert worden war (der mich ebenso nervte wie vermutlich manchen Leser meine in den Ring geworfenen Doping-Hüte), folgte statt Ski und Rodel plötzlich der Bericht über die Doktorarbeit von Simon Krivec, des Dreispringer-Sohnes, unter der „brandaktuellen“ Schlagzeile des flächendeckenden Dopings in der alten Bundesrepublik. Und heute früh sehe ich auch bei Bild online und anderswo sooo große Schlagzeilen zum „brandaktuellen“ Fall. Komische Geschichte(n).

Klar, die Doktorarbeit ist wichtig. Krivec hat offenbar verdienstvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet (so weit ich das nach den paar Seiten beurteilen kann, die er mir – über mich – vorab überlassen hat). Sehr akribisch, sehr genau, sehr zutreffend. Vielleicht veröffentliche ich in ein paar Tagen längere Ausschnitte oder schon in den Montagsthemen kürzere. Aber er hat „nur“ wissenschaftlich einwandfrei bewiesen, was alle wussten bzw. zu wissen glaubten, wie ein Axiom, das so offensichtlich ist, dass es des Beweises nicht bedarf, um zu „wissen“: Dass morgen die Sonne aufgeht, zum Beispiel, was ich auch weiß, wenn ich die astrophysikalischen Hintergründe nicht kennen sollte.

Im Tagesschau-Bericht kam Klaus-Peter Hennig zu Wort, ein früherer Diskuswerfer gehobener Klasse (also höher als meine Kugelstoßer-Klasse). Ein guter Zeitzeuge, da klug, überzeugend und sachlich auftretend, ein gebildeter Mann, dezent und frei von jeglichem Verdacht der Sensationshascherei. Mit ihm habe ich vor ziemlich genau einem Jahr gesprochen, anlässlich des Oldie-Werfertreffens beim Diskus-Saisonauftakt in Wiesbaden. Da erinnerte er mich an eine alte Geschichte: Wie er beim Länderkampf gegen die USA in Durham seine Sporthose vergessen hatte und sich meine zuvor beim Kugelstoß-Wettkampf getragene auslieh. 1976 war’s, und wie damals üblich, trug ich meine Sporthose eher wie einen Slip, nämlich in Größe fünf, was bei meinen damaligen 130 kg (Hennig war nicht viel zarter gebaut) aus heutiger Sicht absonderlich gewirkt haben musste.

Von Simon Krivec‘ Vater weiß ich noch, dass er einmal verkündet hatte, 18 Meter weit springen zu wollen. Damals eine völlig und vor allem für ihn utopische Weite. Ich, ein paar Jahre jünger, war davon aber überaus beeindruckt. Heute weiß ich, dass solche Ziele nur ein Vehikel sind, um sich mit aller Macht in das Training stürzen zu können. Als ich meine Bestweite von 20,12 m stieß und dpa einen Hintergrundartikel schrieb, übernahmen sie ein (zutreffendes) Zitat in die Überschrift: „20,12 Meter sind nur eine Zwishhenstation .“ Hätte ich gewusst, dass sie schon die Endstation waren, wäre ich viel früher ausgestiegen.

Upps, ich schreibe und schreibe und merke, dass dies schon Montagsthemen in Langform sein könnten. Kürzen und komprimieren, ein oder zwei Themchen dazu, und fertig  ist die Montags-Kolumne. Zumal Formel 1 (trotz ihres hessischen Sympathieträgers) für mich kein Thema ist und das WM-Qualifikationsspiel zu spät kommt – spätestens gegen Mittag lasse ich sonntags den Griffel fallen und nehme Gartengeräte in die Hand. Oder das Rad. Fußball gucke ich dann später nur noch zur Entspannung. Oh, schon acht. Also netto sieben. Sommerzeit für KKKK. Der Kaffeeautomat gurgelt schon.

Veröffentlicht von gw am 26. März 2017 .
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Ungetwittert

Die Bezahlschranke ist eine Schranke, die unten bleibt. Kein Tor zur Glückseligkeit. Ein waagerechter Strohhalm.

Veröffentlicht von gw am 19. März 2017 .
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Sonntag, 19. März, 5:53 Uhr

Mit dem wissbegierigen, interessierten, aber distanzierten Blick des Ameisenforschers beobachte ich nicht nur den eigenen Altersprozess (siehe „Mein progressiver Alttag“/Link rechts „gw-Beiträge Kultur“), sondern auch den laufenden Prozess der journalistischen Selbstvernichtung. Dem habe ich, um es Außenstehenden zu, nun ja, ver“klick“ern, die „Ungetwittert“-Salve gewidmet, die um 5.45 Uhr mit der Mutter aller Fakes endete. Hübscher Zufall, denn ich bin heute so früh dran, weil … ist nicht so wichtig, ist rein privat. Muss vor den „Montagsthemen“ noch anderes tun als blogschreiben.

Auf dem Ast, auf dem unsere Branche sitzt und sägt, sitze ich nicht mehr, sondern schon seit fast fünf Jahren im Sessel des Ruhestands. Ich säge auch nicht, denn „Sport, Gott & die Welt“ will keine Klicks „generieren“, wie alle Welt (alle Welt will ja auch nur noch generieren und nicht erzeugen, klingt halt besser), sondern im Schatten des Internets bleiben (nicht zu verwechseln mit dem Darknet). Sägen würde ich, wenn ich alle die Tricks benutzte, mit denen Klicks provoziert und die eigenen Texte prominent platziert werden. Selbst dann bliebe ich im Schatten, denn mein Schaffen ist ganz sicher nicht mehrheitsfähig. Soll es auch nicht sein. Aber auch nicht elitär. Sondern nur: unter uns.

Zu den Fakes gehört auch, wie ich bei dem „Ungetwittert“-Vierer gemerkt habe, die Uhrzeit, die unter meinen Beiträgen angegeben wird. Sie differiert immer um ein oder zwei Minuten und im Winter um eine Stunde von der Echtzeit, die ich auf der mitlaufenden Uhr unten am Laptop ablese. Außerdem gebe ich bei den Blog-Einträgen oben die Zeit an, zu der ich zu schreiben beginne, und die unterscheidet sich dann um viele Minuten (plus die Winterstunde) von der unten automatisch „generierten“ (Nachtrag um 6:37 Uhr: Stelle gerade fest, dass die Uhrzeit im veröffentlichten Blog gar nicht angegeben wird. Obiges war also, wie so vieles, völlig überflüssig).

Womöglich klingt das alles – dieser Blog und das Ungetwitterte zuvor – für Leser, die nicht mit der Entwicklung von Zeitung und Online vertraut sind bzw. sich nicht dafür interessieren, wie ein böhmisches Dorf. Den Anfang der Entwicklung habe ich in einer frühen „Nach-Lese“ (scrollen Sie mal durch den Link rechts „gw-Beiträge Kultur“, irgendwann stoßen Sie dabei auf „Druck auf Papier“) zu beschreiben versucht.

Ach ja, die „Nach-Lese“. Mein Kolumnen-Baby im Feuilleton ist längst erwachsen, hat sich sehr verändert und braucht mich nicht mehr. Mein neues Baby ist schon uralt, ich habe es, im seligen Angedenken an eine verblichene „Pardon“-Serie, „Mein progressiver Alttag“ getauft. Es taucht ein paar Mal im Jahr im Gießener „Senioren-Journal“ auf, das meine KKKK-Beste fast so liebevoll betreut wie mich.

Soeben fällt mir noch ein „Ungetwittert“ ein. Zur Bezahlschranke. Ein magisches Wort unserer Branche. Werde gleich versuchen, es kürzer zu formulieren, als es Trump könnte.

Schluss für heute ganzfrüh. Nein, nicht ganz. Noch schnell „breaking news“: Chuck Berry ist gestorben. Statt Nachruf mit „copy and paste“ mein Vorruf in den „Montagsthemen“ vom 12. November 2016:

Zum 90. von Chuck Berry. Ja, er lebt noch, der alte Holzmichel, diese Randfichte aus St. Louis, Missouri. Ihm eiferten einst Beatles und Stones nach, sein »Johnny B. Goode« fliegt seit Jahrzehnten hinaus in den Weltraum, zusammen mit anderen unverzichtbaren Beweisen menschlicher Kultur. Und auch mich Erdenwurm kurierte er mit einer Best-of-CD vom Wiese-Ohrwurm. Nicht »Johnny be Goode«, sondern »Ding-A-Ling« gelang die Heilung. Wer’s nicht kennt: Ein ziemlich pubertäres Liedchen, bei dem Chuck Berry den Refrain mitsingen lässt, auf meiner Aufnahme offenbar von amerikanischen Studenten, wobei Männlein wie Weiblein mitschmettern: »Those of you who will not sing / You must be playin’ with your own ding-a-ling.« (für empfindsame Leser lassen wir’s unübersetzt).
 Ich höre es, und danach lese ich, wie’s der Zufall will, dass die Harvard Universität ihr Fußballteam aufgelöst hat, weil eine Liste aus dem Jahr 2012 (!) aufgetaucht ist, auf der die Jungs eine Rangliste der attraktivsten Mädchen aufgestellt hatten. Angeblich schlimmster Sexismus! Solche Blüten treibt das an US-Unis, und nicht nur dort. Ähnliche Ranglisten führen doch überall Buben und Mädchen über ihr bevorzugtes Geschlecht. Was würden sie in den USA mit Chuck Berry machen, wenn er heutzutage auf dem Campus von seinem »Ding-A-Ling« sänge? Für immer wegsperren? Nun ja, immerhin humaner als früher, als ihn der Ku-Klux-Klan geteert, gefedert und gevierteilt hätte, nicht wegen seines Ding-A-Lings, sondern überhaupt.

 

Dingeling, klingeling, to whom the bell rings. School is out, but not for ever. Demnächst wieder an dieser Stelle, gelle.

Veröffentlicht von gw am 19. März 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 19. März, 5:53 Uhr