Archiv für März 2017

Freitag, 31. März, 8.35 Uhr

“Sport-Stammtisch” steht schon online. Gestern Abend und heute früh geschrieben, wegen häuslicher und freizeitsportlicher Verpflichtungen. Man muss eben Prioritäten setzen.

Der  Verweis aufs “Sport-Leben” ist mit Lese-Mühe verbunden. Daher habe ich nun doch den Abschnitt über das “weiße Schaf” herauskopiert … voila:

 

 

Ich rufe den Leichtathletik-Chef einer Nachrichtenagentur an und erläutere ihm mein Vorhaben: »Ich will beweisen, dass man ohne Anabolika über . . . « – ich stocke, im letzten Moment rettet mich meine Rest-Vernunft, statt 21 sage ich: – «. . . 20 Meter weit stoßen kann. Ich bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.«

Der Agentur-Mann, von Haus aus Langstreckler, ist begeistert. Solch ein Narr kommt ihm gerade recht. Er schreibt einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erscheint. Er organisiert die Kontrollen. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten deutschen Dopingjäger, wird auf mich angesetzt. Sie sind sicher, dass sie mich packen werden.

Mir soll’s nur recht sein. Ich fühle mich herrlich. Endlich vom Anabolika-Joch befreit! Mehr als mir bewusst war, habe ich darunter gelitten, dass mein geplanter jährlicher Leistungshöhepunkt stets mit fremder Hilfe zustande kommen sollte. Dass ich ohne Anabolika 21 Meter weit stoßen müsste, steht für mich zweifelsfrei fest. Dass ich ohne Anabolika 20 Meter weit stoßen kann, habe ich schließlich schon bewiesen. Bisher allerdings nur mir selbst – andere, auch Fachleute, hatten es nicht geglaubt, dass ich in den Aufbaumonaten aus Prinzip keine Anabolika einnehme.

Ich trainiere. Alles läuft wie geplant, wie immer. Ich hoffe auf viele Kontrollen. Aber niemand kommt. Das ärgert mich, denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung verfestigt: Jeder, der 20 Meter und mehr stößt, nimmt Anabolika. Auch die Fachleute vertreten diese Meinung, und vor allem Kugelstoßer, die mangels Talent und/oder mangels Trainingsfleiß bei 14, 15, 16 oder 17 Meter stehengeblieben sind, unterstützen diese These und stellen sich als lebende Beweismittel zur Verfügung. Manch einer redet sich zum verhinderten Weltrekordler hoch. Ich stehe allerdings direkt daneben im selbstillusionären Wolkenkuckucksheim, denn ich rede mich nicht zum verhinderten Weltrekordler hoch, sondern fühle mich sogar als verhinderter 22-Meter-Weltrekordler. Aber nur 1975 – danach geht die Anabolika-Post ab in Richtung 23 Meter!

Auch die Kugelstoßer nahe meiner Leistungsklasse, vor allem die deutschen Konkurrenten, die ich in den letzten Jahren überholt habe, bleiben misstrauisch. Sie glauben, ich trickse, oder argwöhnen, dass ich vom sozialen, chancengleichen Anabolika-Doping auf etwas anderes übergewechselt bin, auf ein wirksameres Mittel, das ich ganz für mich alleine habe. Wahrscheinlich hätte ich auch so gedacht. Es wäre Betrug, ein unverzeihlicher Verstoß gegen Fairness und Chancengleichheit, wenn man ein leistungssteigerndes Mittel nimmt, das andere nicht kennen. Schließlich war für mich die Grundvoraussetzung, mit dem Kugelstoßen zu beginnen, der weltweite Leistungsvergleich auf chancengleichem Niveau. Beim Sprint kann man die persönlichen Bestleistungen wegen der Unterschiede von Laufbahnbeschaffenheit und Windgeschwindigkeit nicht objektiv vergleichen, sogar beim Diskuswerfen kann die Scheibe bei günstigem Gegenwind im Extremfall fast zehn Meter weiter fliegen als bei ungünstigen Windbedingungen. Nur beim Kugelstoßen ist der weltweite Leistungsvergleich gegeben – wenn alle sich an alle Vorgaben halten. Und zu den Vorgaben gehören eben auch die Anabolika. Meinen Verzicht sehe ich als selbstgewähltes Handicap im Dienste einer guten Sache.

Ich genieße die neue Rechtschaffenheit des kategorischen Anabolika-Verzichters. Als es am Ostersonntag abends gegen elf Uhr läutet und der Doping-Jäger vor der Tür steht, empfange ich ihn mit jubelnder Freude. Endlich! Seit acht Monaten habe ich keine einzige Pille geschluckt, und jetzt werde ich getestet. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test wird es nicht einmal in zwanzig Jahren geben: ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt. Der Dopingtester erscheint wie aus heiterem Himmel, drückt mir das Röhrchen in die Hand, das sofort gefüllt werden muss. Keinerlei Manipulationschance. Selbst kurz vor dem Ende unseres Jahrhunderts wird es bei den Dopingtests noch Schlupflöcher geben, Vorankündigungen und stundenlange Verzögerungsmöglichkeiten, obwohl man weiß, dass bei den neuen Doping- und Doping-Verschleierungsmitteln wenige Stunden genügen, um »Sauberkeit« vortäuschen zu können.

Ich habe Verschleierung nicht nötig. Ich bin sauber, und ich bin stolz darauf. Dieses befriedigende Gefühl lässt mich sogar daran denken, in Zukunft auch im Sommer immer auf Anabolika zu verzichten. Einundzwanzig Meter sind doch auch ganz schön, vor allem, wenn man weiß, dass man der einzige Ungedopte unter den Spitzenstoßern ist.

Der Dopingfahnder lässt sich von meiner guten Laune anstecken. Stolz und freudestrahlend erzählt er von seinem Hobby: Urinproben bekannter Sportler. Er sammelt sie zu Hause in einer Vitrine. Ein schönes Hobby. Ich befürchte aber, dass meine Urinprobe auch in die Vitrine wandert, und zwar ohne Labor-Untersuchung. Ich bedränge den Pipi-Fetischisten, meinen Urin auch ja untersuchen zu lassen. Er verspricht es, doch ich traue ihm nicht. Er kommt nie wieder. Als ich ihn später bei einem Wettkampf treffe, mahne ich weitere Kontrollen an. Er beruhigt mich: Dass ich unter Kontrolle stehe, sei die Hauptsache, wie viele Kontrollen gemacht würden, sei nebensächlich. Ich befürchte, dass kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer besteht.

Der Agentur-Sportchef widmet dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr, der Apotheker kommt nie mehr.

Die anabolikalose Freiluftsaison hat begonnen. Alles läuft in den gewohnten Bahnen. Doch langsam werde ich nervös. Auch in anderen Jahren stoße ich in den Aufbaumonaten nicht weiter als jetzt, im Gegenteil, im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bin ich in fast allen Kontrolldisziplinen stärker. Zu größeren Wettkämpfen trete ich in dieser Phase nie gerne an. Es gibt nur zwei Pflichttermine: den Vor- und den Endkampf der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Mein Verein nimmt diesen Wettbewerb im Gegensatz zu mir sehr ernst, man ist stolz auf eine ganze Reihe von deutschen Meistertiteln. Selbstverständlich besteht Teilnahmepflicht. Ich stoße 18,70 Meter weit, morgens um neun Uhr und bei so vielen Teilnehmern, dass zwischen jedem der vier Versuche (mehr gab es bei diesen Wettkämpfen schon damals nicht) 40 Minuten nervtötende und leistungsmindernde Zwangspause liegen. Ich könnte zufrieden sein. Alles im Lot. Es läuft. Ich stecke noch voll im Aufbautraining, habe noch viele Wochen Zeit, im kommenden Wettkampftraining schneller, explosiver und sicherer zu werden. Doch ich werde nervös, weil ich nicht die Selbstsicherheit besitze, Einflüsterungen Gutgesinnter und hämische Kommentare vergrätzter Konkurrenten zu ignorieren. »Das schaffst du nie, du musst den Stoff nehmen, sofort, ehe alles zu spät ist!« »Wo bleiben denn die 20 Meter? Dein neues Mittelchen wirkt wohl nicht?« Tenor: »Das hast du nun davon!«

Ich kapituliere. Mit einem hochrangigen Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und dem Trainer meines Vereins spreche ich die Strategie ab. Wie kann ich in den Schoß der Anabolika-Gesellschaft zurückkehren? Unser Plan: Den nächsten freiwilligen Dopingtest werde ich ablehnen. Mit meiner Aktion habe ich, soll ich sagen, dem Verband, dem Verein und vor allem meinen Sportkameraden einen Bärendienst erwiesen. Es sei egoistisch und unsportlich, mich als weißes unter lauter schwarzen Schafen öffentlich erkennen zu geben. Das müsse ich aus Fairnessgründen revidieren. Ich sei und bleibe zwar ein anständiger, sauberer Leistungssportler, aber ab sofort würde ich nicht mehr mit einer eigensinnigen, mir nützlichen und anderen schadenden Einzelaktion vorpreschen. Kontrollen – ja bitte, ja gerne, aber nur nach dem Zufallsprinzip und bei Wettkämpfen, wie das 1975 üblich ist. Über diese Erklärung hinaus haben mir, so die Strategie, Verband und Verein Sprechverbot auferlegt, bei Zuwiderhandlung könnte ich gesperrt werden, es tue mir leid, das verstehe man ja wohl, wenn es noch Fragen und Forderungen gäbe, solle man sich schriftlich an Verein und Verband wenden.

Eine Zentnerlast fällt von mir ab. Ich gehöre wieder dazu. Alle sind wieder freundlich zu mir.

 

 

Da der Kontrolleur und die Medien die Lust verloren hatten und ich nicht mehr kontrolliert wurde, musste ich dieses Ausredengeflecht nicht anwenden. Im selben Jahr stieß ich mit 20,12 m meine Bestleistung, im folgenden scheiterte ich an der intern auf 20,60 m hochgeschraubten Anabolika-Olympianorm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (der an dieser absurden, an den DDR-Spitzenleistungen orientierten Norm weniger schuld war als NOK, DSB, Medien und vor allem BAL, die lieber noch höhere Normen verlangt hätten, Stichwort Olympia-Touristen). Ich hätte also sehr überzeugend behaupten können, ungedopt über 20 m gestoßen zu haben, von den bundesdeutschen Doping-Förderern aber von Olympia ausgeschlossen zu werden. Ich wäre auf ewig eine Galionsfigur des sauberen Sports geworden. Stattdessen habe ich ohne Not alles zugegeben, der Sache wegen, des Sports wegen.

Und Sie? Was hätten Sie an meiner Stelle getan?

Ich glaube zu wissen, was viele heutige Anti-Doping-Moralisten getan hätten.

Veröffentlicht von gw am 31. März 2017 .
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Sport-Stammtisch (vom 1. April)

Muss ich wirklich alles wiederholen, was ich seit Jahren und Jahrzehnten zu diesem »aktuellen« Thema geschrieben habe? Nein, ich lasse mich nicht am Nasenring durch die Manege führen, ich tanze lieber nach meiner eigenen Pfeife. Wer sich ein Urteil erlauben will, möge bitte das »Sport-Leben« im Blog »Sport, Gott & die Welt« lesen (www.anstoss-gw.de). Wem diese 90 Minuten Lesezeit zu viel vergeudete Lebenszeit sind (ich kann das gut verstehen!), sollte sich aber eines Urteils enthalten. – Wer nun fragt, worum es eigentlich geht und ob er etwas verpasst hat, den kann ich beruhigen. Es geht um Doping. Gähn. Also nichts verpasst.
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Manche sehen es als mutig und verdienstvoll an, dass ich frühzeitig (exakt: erstmals 1985) »ausgepackt« habe. Zu viel der Ehre! Ich hatte mangels echtem Erfolg nichts zu verlieren, weder Ruhm noch Geld noch Medaillen, da offenbart es sich leichter, zumal die Ehrlichkeit beruflich von Vorteil war – so authentisch und glaubwürdig konnte kein anderer Journalist das Thema beackern. Alle benötigten Informanten. Ich war mein eigener.
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Ich wollte nie ein Heuchler sein. Daher habe ich auch darauf verzichtet, mich als das einzige weiße Schaf unter schwarzen zu rühmen. Hätte ich aber tun und mir einen Ehrenplatz in der Anti-Doping-Geschichte sichern können. Denn ich war der erste und einzige Athlet weltweit, der sich freiwillig unangemeldeten Trainingskontrollen unterzogen hat, ohne »missed tests«, ohne Vorankündigung, ohne eine einzige Sekunde Manipulationsmöglichkeit. Damit galt ich als sportlicher Selbstmörder, die deutsche Presse berichtete zunächst groß vom vermeintlichen Himmelfahrtskommando – und dann gar nicht mehr, da ich absolut »sauber« war. Nicht gedopt zu sein war keine Schlagzeile wert. Warum ich mich dennoch nicht zum verhinderten Olympiasieger 1976 hochgeheuchelt habe … ist eine längere Geschichte. Steht ebenfalls im »Sport-Leben«.
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Frage für Kenner. Wer hat 1977 in einer Bundestags-Anhörung zum Thema »Leistungsbeeinflussende und leistungsfördernde Maßnahmen im Hochleistungssport« diesen Satz gesagt: »Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.«
Wer es nicht weiß, ahnt es auch nicht. Es sprach der Vorsitzende des CDU-Bundestagsfachausschusses Sport. Name: Wolfgang Schäuble. Aber 30 Jahre später forderte er: »Ich halte es für wichtig, dass Doping auch die Sportkarriere kosten kann.« Wie gut, dass für politische Karrieren keine sportlichen Maßstäbe gelten, sonst hätte die »schwarze Null« heute eine ganz andere Bedeutung.
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Der junge Schäuble sprach bemerkenswert verantwortungsethisch. Der alte, nun ja, selbst der gefürchtete Knurrer könnte es sich heutzutage nicht leisten, zu seinen frühen Worten zu stehen, diesem Zeugnis einer anderen Zeit, die man langsam zu den Akten legen und sich auf die Gegenwart konzentrieren sollte. Schließlich waren gedopte Sportler keine Nazi-Mörder oder KZ-Schergen. Obwohl manche Gesinnungsethiker sie wie solche behandeln. Jene, die sich in sublimierender Selbstbefriedigung an den Doping-»Sündern« moralisch erhöhen. Immerhin eine technisch anspruchsvolle Übung, da der ausgestreckte moralische Zeigefinger abgespreizt werden muss.
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Jetzt aber Schluss! Sagten sie auch in Dortmund zu ihrem TM-Experten, der nach einem halben Jahr wieder entschweben muss. Ja, entschweben, und das ist für ihn eine leichte Übung, denn sie gehört zu den Grunderfahrungen der Transzendentalen Meditation (TM). Aber: Hessen vorn! Mit TM ist Frankfurt den Dortmundern so weit voraus wie der BVB sportlich der Eintracht, denn schon 1977, im Jahr des frühen Schäuble, verkündete »Pardon«-Herausgeber Hans A. Nikel auf dem Titelblatt in heiligem Ernst: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet und fest davon überzeugt, dank TM im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können.
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Womit wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann. Auch den des »Sport-Lebens« nicht. Die von Nikels transzendentalem Sendungsbewusstsein genervten Frankfurter Satire-Größen um Robert Gernhardt gründeten ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit fast 40 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Spur zu bleiben. Leider wird die Satire immer öfter des realen Wahnsinns fette Beute.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 31. März 2017 .
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Walther Roeber: Hase und Igel

Sie waren einer der ersten und wenigen, die sich damals überhaupt
getraut haben, öffentlich zu sagen, was eigentlich abging. Es war doch
der Kampf des “sauberen Westens” gegen den “bösen Osten”. Ketzerisch wie
ich sein kann, sage ich heute, es ist immer noch ein Kampf um
Vormachtstellung – und damals war es eigentlich nicht anders. Das hat
wenig mit Systemen zu tun, sondern sondern es geht um Erfolg (?), Sieg,
Macht…
“Sieg oder Tod!”, Sieg oder Sibirien, Sieg oder wirtschaftlicher
Untergang; sind das überhaupt Alternativen? Natürlich guckt die “Welt”
neidisch auf eine Handvoll sehr umsatzstarker Sportler, aber wie viele
sind das prozentual? Dass diese Zahlungen ungerechtfertigt sind, steht
dann noch auf einem anderen Blatt.

Ich denke, dass Sie für sich schon eine Entscheidung getroffen haben,
was, wie viel und ob Sie diese ganze Diskussion noch einmal aufgreifen.
Meiner Meinung nach reicht es, eine kurzgefasste Zusammenfassung zu
bringen, denn was bringt es “olle Kamellen” aufzuwärmen oder “kalten
Kaffee” noch einmal umzurühren oder in die Mikrowelle zu stellen…
Was interessant wäre, wäre die Reaktion oder das Verhalten der Sportler
untereinander, die ja doch voneinander wussten… Wie hat es Ihr
Verhältnis zu Ralf Reichenbach “belastet”? Warum hat sich nicht schon in
den 80er Jahren eine schlagkräftigere Allianz gebildet? Wenn Hr. Kofink
jetzt darüber schreibt, warum hat sich damals noch nichts formiert?

Heute scheint das Thema noch viel subtiler zu sein, Technik, Chemie,
Labor machen immer weitere “Fortschritte”(?) und der Kampf Hase gegen
Igel wird weitergehen, mit ungewissem Ausgang… Tote sind
wahrscheinlich als Kollateralschaden einkalkuliert. (Walther Roeber/Bad Nauheim)

Veröffentlicht von gw am 30. März 2017 .
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Hansjörg Kofink: Mail an vier Ex-Werfer

Ich weiß, dass eine Mail an euch alle zusammen eine Zumutung ist, für den einen mehr, für den anderen weniger (Anm.: sie ist an vier Ex-Werfer gerichtet, u.a. an mich; andere Namen mache ich unkenntlich. G.S.) . Die Krivec-Dissertation, von der ich schon seit geraumer Zeit weiß, hat zum hundertsten – hab ich mich verzählt? – Mal zu einer Neuentdeckung des West-Dopings – so heißt das in den neuen Bundesländern – geführt. Wir alle sind uns dabei persönlich begegnet mit Ausnahme von Gerd.

Warum habe ich mich in SZ (heute im Blatt) und ZEIT geäußert? Der persönliche Kontakt mit Johannes Knuth (SZ) entstand ebenso wie der mit Oliver Fritsch (ZEIT) bei der DOH-Preis-Verleihung an Juliya Stepanova am 3.12.16 in Berlin.

Ich hatte mit X einige Gespräche und Mailwechsel über  Vergangenheit. XX,  der sich vor München immer wieder – im kleinsten Kreis – beklagt hatte, dass das Zeug bei ihm nicht wirkt, konnte ich bei der Einkleidung für München, die für mich ja eine Nullnummer wurde, beruhigen: Ich konnte, hinter ihm stehend, nicht mehr an ihm vorbeigucken.

XXX habe ich erst im neuen Jahrhundert bei einer Zeitzeugen-Kommission der Freiburg-Kommission – inzwischen das Chaos pur – in Köln kennengelernt.

Gerd kannte ich lange nur(!) über sein Sportleben  “Für mich waren Anabolika nie ein Problem der Fairness, Ethik oder Moral” . Irgendwann hatten wir einen Mailwechsel, den er auch öffentlich machte.

Es ging immer um dasselbe Thema, das einige von euch schon zu ihrer Aktivenzeit bei Verband und Öffentlichkeit angesprochen haben, es ging nach der Wende auch vor Gericht und letztlich seid ihr immer mehr oder minder einzeln im Fokus gestanden und andere haben euch dafür nicht geliebt. Ich selber habe erlebt, dass 1972 Anabolika-Doping zwar in der Bildzeitung stand, Y sich vor ein paar Jahren nur noch an Amphetamine erinnerte, während die Staffelkameradin YY ganz andere Erinnerungen hatte. Ich war nach 1972 raus, zumal auch die Presse auf den Rauswurf der Kugelstoßerinnen nicht reagierte. Das änderte sich 1977 dramatisch, als die Kolbe-Spritze u.a. aufbereitet wurde. Erst in der Wendezeit – ich war seit Mai 1989 Präsident des Deutschen Sportlehrerverbands – stieg ich wieder ein, als ich sah, dass Dressel, Ben Johnson usw. die Sportvereinigung nicht davon abhalten konnte, Margitta Gummel u.a. fürs NOK vorzuschlagen, Munzert nach seiner Grabrede für Dressel gemobt wurde und der DLV DDR-Trainer lange vor den DSB-Kommissionen in Kompaniestärke einstellte. Mir ging es damals um die Wirkung auf die Schule, den Schulsport. Ab Mitte der 90er Jahre sah ich, dass ich auf verlorenem Posten stand. Erst nach meiner Pensionierung 2000 nahm ich den Kampf wieder auf. Ich kannte die gesamte Funktionärsgilde, zum Teil persönlich, ich traf auf Athlet(inn)en in der Senioren-Leichtathletik, die zuvor aktiv in vorderster Linie kämpften (Ivanova!) und ich erlebte Digel – ich kannte ihn schon seit den 80er Jahren – wie er seine Schrift Römische Verhältnisse (1992) in die Tat umsetzt. Der Fall Dieter Baumann fand vor meiner Haustüre statt, und ich hatte zwei Frauen in der Familie, die Dopingproben abliefern durften. Unsere Jüngste ging dann noch nach Jena zum Studium (1996) unter ‘einer’ Bundestrainerin YYY..
Gerd hat sein Sportleben in den 80er Jahren öffentlich gemacht, er hat zur Vereinigung Klartext gesprochen – das hat Hans Lenk auch, wo ist er heute? XXX hat mindestens drei Anläufe gemacht, um das öffentlich zu machen, was er erlebt hat. Dass dabei ‘Kameradschaft’ – was ist das? – in die Brüche gegangen ist, kann man nachvollziehen, aber nicht verstehen. Er geht heute in Schulen und spricht über Doping. Und er hat DLV und die Staatsanwaltschaft Darmstadt 1989 informiert. X hat im August 2013 seine Erlebnisse öffentlich gemacht, wie viele andere auch. Mit XX habe ich mich (2011, 2016) eingehend unterhalten. Ich bin sehr froh, dass er die Kurve gekriegt hat, um das zu sagen, was er zu sagen hat. Bei YYYY hatte ich – wie erwartet – keinen Erfolg. Ich schrieb sie privat an, doch sie antwortete nicht. Ich kann das verstehen. Die Olympiasiegerin von 1984 Ria Stalman war da mutiger!
Warum das alles? Der Spitzensport steht unter Gneralverdacht. Zurecht, meine ich, auch wenn sich ein Robert Harting darüber beklagt. Wenn ihr/wir den nachwachsenden Sportlern, die sich auch um Spitzenleistungen bemühen, helfen wollen, müssen wir klar sagen, was war. Es gibt heute keine vernünftige Begründung mehr, warum in der Schule Leistungssport etwas Vorbildliches sein soll. Es bleibt aber der Wunsch, persönliche Bestleistungen anzustreben. Das braucht aber Vertrauen gegenüber dem Wettkampfpartner, der Gültigkeit von Regeln und denen, die Wettkämpfe ausrichten. Das ist heute alles zerstört. Darum gebe ich heute im blühenden Alter von 80 Jahren noch lange Interviews.
Bitte, stellt euch eurem Anteil an der Geschichte, die kommenden Generationen – auch ihr habt Kinder und Enkel – werden es euch danken! (Hansjörg Kofink)

Veröffentlicht von gw am 29. März 2017 .
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Thomas Hübner: … und hier der Text

Gurren gw … und hier der Text aus dem ZDF Video Text:

 

Steines bestätigt abermals Doping       

                                         

 Nach den Enthüllungen zur Doping-Ver-   

 gangenheit in Westdeutschland hat der   

 frühere Kugelstoßer Gerhard Steines     

 noch einmal bestätigt, dass er Anaboli- 

 ka genommen habe. Der EM-Fünfte von     

 1978 reagierte damit auf die Disserta-  

 tion von Simon Krivec über Doping in    

 Westdeutschland zwischen 1960 bis 1988. 

                                         

 ”Dass ich aufklären konnte, ist kein    

 persönliches Ruhmesblatt, sondern liegt 

 am Wissen aus erster Hand, aus meiner”, 

 schreibt Steines in seinem Blog         

 anstoss-gw.de. Vor Steines hatten sich  

 auch die Diskuswerfer Alwin Wagner und  

 Klaus-Peter Hennig öffentlich gemeldet.

 

Das haben Sie sicher auch ohne meine tatkräftige Hilfe finden können.

Machen Sie weiter so! (Thomas Hübner/Florstadt)

 

 

 

 

Veröffentlicht von gw am 29. März 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle