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Montagsthemen (vom 27. Februar)

Er nimmt’s gelassen. Ob er wegen seiner mauen Münchner in die Kritik gerät oder jetzt als Muntermacher gepriesen wird, als Guru und Stratege des Saisonfinales, Carlo Ancelotti blieb und bleibt scheinbar unbewegt. Sogar den Stinkefinger zeigte er jüngst fast gelangweilt, buchstäblich en passant, beim Abgang in die Katakomben. Aber der Eindruck täuscht. Auch Stoiker, auch gemütliche Onkelottis müssen sich abreagieren. Der Bayern-Trainer tat dies bisher in Ferguson-Manier, als Kaugummi-Kaudrauf das wehrlose Ding in seinem Mund gnadenlos zermalmend, was auf empfindsame Gemüter abstoßend wirkt. Und jetzt? Auch der Kiefer hat Ruh’. Weil Ancelotti in aller Gemütsruhe seine 8:0-Bayern genießen kann? Nein, Onkelotti kaudrauft schon seit zwei, drei Spielen nicht mehr, jedenfalls nicht mehr öffentlich. War’s der Stilberater, der zur Mäßigung riet? Ich vermute, aus eigener Erfahrung, dass es eher die Ehefrau war. Danke, Signora Ancelotti.
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Aber warum Onkelotti? Spätgeborene können mit der Verballhornung wenig anfangen. Aufklärung für sie: In den Sechziger Jahren begleitete uns zwischen den Werbespots ein gemütlicher Seehund durchs hessische Vorabendprogramm, der Onkel Otto hieß und Ancelotti auch physiognomisch glich. – Übrigens hatte Onkel Otto kein Haar, aber eine Art »H« auf dem Kopf. Das »H« wäre heutzutage rätselhaft, es stellte eine Fernseh-Antenne dar. Analoge Zeiten, liebe digitale Generation.
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Bevor Spätgeborene nachgoogeln: Die Verballhornung bekam ihren Namen durch den Buchdrucker Johan Balhorn, dem im 16. Jahrhundert einige besonders sinnentstellende Schreibweisen unterliefen. Eigentlich müsste die Verballhornung also Verbalhornung heißen. – Ja, ich weiß, besten Dank für den Zwischenruf: Bei mir manchmal auch Versteinesung.
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Hübsch anzusehen war auch, wie bemüht die Dortmunder Kollegen ihrem »Auba« aus der Torschaffenskrise helfen wollten. Tausendmal probiert, dann hat’s endlich funktioniert. Sogar zwei Mal. Aubameyang ist leider ein Unikat, ihn kann man nicht duplizieren, sonst würde eine Grafik in der »Welt« zum Haushaltsüberschuss manchen BVB-Fan auf eine neue Idee bringen. Denn mit 23,7 Milliarden könnte man nicht nur fast 5000 Leopard-Panzer kaufen oder einer viertel Million Pflegekräften (wahlweise Polizisten) das Jahresgehalt zahlen, sondern auch 365 Aubameyangs kaufen. Klar, solche Vergleiche hinken immer, aber die Diskrepanz zwischen dem Fußballer und einem Pfleger und Polizisten, so populistisch er klingen mag, bringt die aktuelle Diskussion besser auf den Punkt als die Empörung über Boni-Fantastillionen.
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Mit 23,7 Milliarden könnte man wahrscheinlich mehr Crousers kaufen als Pfleger und Polizisten einstellen. Mit diesem (eleganten, gelle!?) Übergang zurück zum Sport. Rund 13 000 Kilometer unter unseren Füßen gewann Kugelstoß-Olympiasieger Dean Crouser gestern in Auckland mit 22,15 m vor den »Kiwis« Tom Walsh (21,80) und Jacko Gill (20,94). Tolle Leistung, aber hierzulande nur eine Randnotiz, wenn überhaupt. Crouser unternahm die Reise nicht der Antrittsprämie wegen, sondern weil ihn Walsh, im erlernten Beruf als Maurer immer noch aktiv, zum Fliegenfischen eingeladen hatte. So etwas gibt es auch noch im wahren Sport. Einer von beiden wird über kurz oder mittel den Uralt-Weltrekord (Barnes/23,12) brechen, oder Joe Kovacs schafft es, aber nicht David Storl, unser Jahrhunderttalent. Storl wird wohl nächste Woche Hallen-Europameister, aber  nie das halten, was er einst versprochen hat. Warum? Schwierige Frage. Die einfachste (und falsche) Antwort wäre, den anderen etwas zu unterstellen … aber stopp …
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» … ich weiß, ich weiß, Sie reden nimmer drüber, aber stellen Sie sich vor, es wären vier Russen unter den ersten Vier in der Nordischen! Ich weiß, die Deutschen tun sowas nicht, aber an Doping denken darf man doch!?«, mailt Hans Gutmann (Bad Nauheim) nach dem deutschen WM-Triumph. – Danke! Fürsorgliche Leser helfen sogar beim Einhalten von guten Vorsätzen.
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Aber auch gemeinsam retten wir die Welt nicht mehr vor den fanatischen Populisten auf der einen und den PC-Ultras auf der anderen Seite. Selbst im einst so unangepassten kleinen Island, dem Land der Björks und Trolle, fasst die »political correctness« Fuß. Als der Ministerpräsident sagte, Pizza Hawaii so pfuibäh zu finden, dass er sie am liebsten verbieten würde, geriet er in einen gewaltigen Kotsturm und versicherte reumütig, er könne und wolle Pizza Hawaii nicht verbieten. – Wenn ich es könnte, ich würde es! Pizza Hawaii verbieten. Und Toast Hawaii. Und überhaupt alles Obst in Fleisch oder Gemüse. Aber das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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