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Ein Tausendsassa (“Wer bin ich?” vom 23. Februar)

Für eines meiner Bücher habe ich selbst ein Empfehlungschreiben verfasst und an  deutsche Zeitungsredaktionen geschickt. Sie sollten dort ja wissen, mit wem sie es zu tun haben. Aus meinem »Waschzettel« für die Redaktionsschreiber: »Der Sohn des berühmten (…), bisher schon bekannt als (…)-Meister und Erfinder, hat sein eigentliches Talent entdeckt: kompliziert erscheinende Dinge so zu erklären, dass sie einfach und für jeden verständlich werden. In seinem Buch mit dem anspruchsvollen Titel (…) beschreibt er in klarer Umgangssprache ohne Fremdwörter und akademischen Pomp die Grundlagen der Tiefenpsychologie und Psychosomatik in einer Weise, dass der Leser seine eigene Seelen-Tiefe entdecken kann.«
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Wie man liest, leide ich nicht an Selbstunterschätzung. Warum auch? Ich ging in Italien zur Schule, machte das Baccalauréat in Frankreich und das Abitur in Berlin, studierte Musik und Jura, dann Philosophie, Soziologie, Publizistik, Sport und Pädagogik. Ich habe Geräte erfunden, die heute in manchen Sportstätten in Gebrauch sind, habe mehrere Bücher geschrieben, zum Beispiel über Golf, und ich arbeite an einem neuen Buch über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Fußballregeln, die überaltert, unfair und reformbedürftig sind.
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Giere ich nach Anerkennung? Bin ich ein Weltverbesserer? Plagen mich Minderwertigkeitsgefühle? Bin ich ein intellektuell gescheiterter Gesellschaftskritiker? Fragen Sie ruhig, denn ich habe mich das auch schon gefragt und mit »Ja« beantwortet. Welche Rolle dabei mein berühmter Vater spielt? Ich weiß es nicht. Aber mein Vater ist schon fast in Vergessenheit geraten, während ich aktiv bin wie eh und je, so dass auf meinem Grabstein jedenfalls keine Inschrift stehen wird wie bei einem anderen Sohn eines berühmten Vaters in Rom: »Goethes Sohn«. Sonst nichts. Wie jämmerlich.
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Ich bin vielseitig interessiert und engagiert. So musste sogar der Betreuer dieser Rätselrunde erstaunt feststellen, dass ich ein Bruder in seinem Geiste bin. Beziehungsweise er in meinem. Hat »gw« nicht schon oft geschrieben, dass der Wachstums-Fetischismus das Übel unserer Zeit ist und einem Schneeballsystem ähnelt? Ist doch mein Reden! Wir müssen unbedingt eine neue Wirtschaftsform entwickeln, die nicht auf Wachstum und Wettbewerb beruht. Da kann es immer nur wenige Gewinner und Massen an Verlierern geben – dafür haben wir doch den Sport, wo der Mensch seinen Ehrgeiz und seine Gier ausleben kann, ohne anderen existenziell zu schaden!
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Oder die Wissenschaftsgläubigkeit. Als »gw« einmal schrieb, Naturwissenschaftler glaubten, dass sie wissen, Religiöse wüssten, dass sie glauben, aber die Bild-Zeitung werde am Jüngsten Tag mit einer ihrer Lieblingsschlagzeilen erscheinen (»Alles ganz anders!«), da hatte ich das schon längst ähnlich formuliert: Wir sind unwissend, überschätzen uns maßlos, werden die Welt nie begreifen, denn alles ist vollkommen anders, als die Wissenschaftler uns vorgaukeln.
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Ach ja, meine sportlichen Erfolge will ich ebenfalls nicht verschweigen. Ich habe mehrere Rekorde gebrochen, sogar einen Weltrekord mit einer magischen Zahl, und soeben erst ist ein weiterer hinzugekommen. Mir geht es dabei nicht nur um die nackte Zahl, sondern vor allem um den Stil. In aller Unbescheidenheit behaupte ich: Er ist der einzig würdige. Dass es von Rekord zu Rekord immer tiefer hinab geht, ist nicht absurd, sondern menschlich. Aber ist nicht der Mensch an sich absurd?
Wer bin ich? (Einsendeschluss: 1. März)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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