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Sonntag, 19. Februar, 6.55 Uhr

“Sturm auf West-Mossul beginnt”   und “sträwkcür dneßeilf thcirps rE” – zwei Meldungen der Nacht bei dpa. Die erste ist assoziiert mit Tod und Tränen, die will ich so früh am Morgen schnell in den allerhintersten Hirnlappen verbannen. Dabei hilft mir die Konzentration auf die zweite und meinen Kommentar dazu: Mein Name ist Drahreg Seniets und hci ehcerps thcin  dneßeilf sträwkcür. Früh geübt, längst vergessen, daher  hat dieser Satz einige Minuten benötigt. Wenn die Geheimschrift noch unentschlüsselbarer gemacht werden sollte, kam nach jedem rückwärts geschriebenen Wort ein beliebiges in richtiger Reihenfolge. Schon waren die Erwachsenen außen vor. In der Meldung der Nacht ist von einem Redakteur aus dem Schwäbischen die Rede, der das rückwärts Sprechen, Schreiben und Lesen fließend, also dneßeilf, beherrscht.

Davon kann man Kopfschmerzen bekommen, wenn man es nicht fließend beherrscht. Ich nicht, denn die habe ich schon. Großer Saal, viele Menschen an vielen Tischen, angeregteste Unterhaltungen bei ständiger Hintergrundmusik – was für die meisten Normalhörigen ein entspannter, froher Abend in angenehmer Runde ist, bedeutet für uns Schwerhörige stundenlange Hör-Schwerstarbeit, um in dem Geräuschmischmasch wenigstens ein paar Wörter richtig heraus zu hören. Gelingt immer seltener, und immer öfter spiele ich unfreiwillig stille Post, indem ich auf Sätze antworte, die ich verstanden zu haben glaube, die aber ganz anders gefallen sind.  Das nervt die Normalhörigen. Im besten Fall lachen sie sich schlapp, wenn es besonders absurd wird. Schwerhörige werden diskriminiert! Es lacht doch auch niemand, keinen nervt es, wenn ein Schwachsichtiger weniger sieht als andere. Ich sollte eine Selbsthilfegruppe gründen. Nee, sogar einen Bundesverband der Schwerhörigen. Da gibt es bestimmt auch Fördermittel abzugreifen.

Aber im Ernst: Unter meiner Schwerhörigkeit leide weniger ich als andere, vor allen meine KKKK-Liebste. Mein Leiden nach solch einem Abend ist der Kopf, in dem der Geräuschpegel stundenlang nachdröhnt. Das ist schlimmer als ein Kater.

Über die Verfertigung der Kolumnen beim Warmschreiben: Das Hör-Thema übernehme ich für die nächste “Mein progressiver Alttag”-Kolumne im Seniorenjournal. Für die Montagsthemen gibt dieser Frühsonntagmorgenblog nichts her. Oder doch das Rückwärtsschreiben? Wohl kaum. Was steht auf dem Zettel, gestern Nacht noch schnell mit Dröhnkopf notiert: 50000, die Zahlen als Fetisch, mechanische Uhren, Kovac, Nachspielzeit, Abseits und Co. Das muss ich auf die Reihe bringen, irgendwie. Aber erst, da kommt es schon: KKKK.

Baumhausbeichte - Novelle