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Montagsthemen (vom 20. Februar)

»Was fasziniert die Deutschen am Biathlon?«, fragt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das frage ich mich schon seit Jahren. Leider werde ich durch die Antworten der FAS nicht schlauer. »Würden sie heute noch auf Luftballons schießen wie bei der ersten WM 1958, wären sie belächelte Außenseiter geblieben.« Wieso? Zerplatzende Luftballons – das wäre doch was, da würde ich schon eher zugucken.
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»Einschaltquoten wie die Bundesliga« habe Biathlon wegen seiner »Innovationen und Experimente«. Wie dem auch sei, Innovationen und Experimente täten auch dem Immer-noch-Nummer-eins-Sport gut. Man muss dabei ja nicht über das Ziel hinaus schießen wie Fifa-Ideengeber Marco van Basten, der das Abseits abschaffen will. Wer diesen Vorschlag zu Ende denkt, der weiß, dass Fußball ohne Abseits eine ganz andere Sportart wäre, was fast alle modernen systemtaktischen Tüfteleien gegenstandslos machte. Beziehungsweise obsolet, um auch hier einmal das Mode-Synonym anzubringen.
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Aber alles, was die im Fußball besonders große Gerechtigkeitslücke füllt, täte dieser Sportart gut. Sie füllt sich ja auch schon, siehe demnächstige Video-Hilfe für den Schiedsrichter. Hilfreich wäre auch, die Nachspielzeit nicht über den Daumen zu peilen, sondern, wie in anderen Sportarten, bei Spielunterbrechungen die Uhr zu stoppen. In Berlin zum Beispiel hätte niemand über einen Bayern-Bonus lamentiert, da sogar die nachgespielten sechs Minuten sehr knapp angesetzt waren. Außerdem hätten angehaltene Uhren auch einen frappierenden gesundheitsfördernden Aspekt, denn sie lösten jeden Hertha-Krampf sofortigst auf, buchstäblich stante pede.
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So aber registriert die Bundesliga nach ihrem fünfzigtausendsten auch noch ihr spätestes Tor. Beide und alle ähnlichen Rekorde werden im Irrglauben an die Allmacht der simplen Zahl aufgestellt, die der Pi-mal-Daumen-Schätzung übergestülpt und dadurch verabsolutiert wird. Siehe Bayern-Tor, siehe die Zahl 50 000. Wer hat letztere wie gezählt? Wie wurden Tore wie jene von Kießling oder Helmer gewertet? Wie die An- und Aberkennung von Toren und Punkten, zum Beispiel rund um alte (Stichwort Bielefeld) und jüngere (Hoyzer) Bundesliga-Skandale? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich auch nicht. 50 000 ist nur eine beliebige Zahl.
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Heute wollen wir alles messen, auch das nicht Messbare. Die nackte Zahl gibt Halt, sie ist ein Strohhalm, an dem wir uns in schwankenden Zeiten festhalten. Das mag auch der Grund für die Neuentdeckung mechanischer Uhren sein, gerne auch alten, die als Statussymbole gelten und angeblich jüngst sogar zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken gehörten (ich hab leider keine gekriegt).
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Die Uhr tickt. Unerbittlich. Und wem haben wir das zu verdanken? Uns! »Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die mechanischen Uhren erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden Zeit« (Oswald Spengler/»Untergang des Abendlandes«). Na ja, in Deutschland wurden danach  auch noch andere schauerliche Symbole erfunden, aber das ist ein anderes Thema.
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Wir halten uns nicht am Strohhalm der Zahl fest, sondern am Sport. Eintracht. Rot. Elfmeter. 0:2. Die verpasste Riesenchance, sich vorne festzusetzen und den Traum weiter zu träumen. Sehen wir das Positive:Wie angenehm unaufgeregt Niko Kovac die umstrittenen Entscheidungen hinnahm, vergrößert, wenn überhaupt möglich, noch die Sympathien für den Eintracht-Trainer: Rot hier und Elfer dort, diese Entscheidungen konnte man treffen oder auch nicht. Da hätte übrigens auch kein Video-»Beweis« geholfen, daher bleibt er für mich ja auch nur die Video-Hilfe für den Schiedsrichter, heute wie vor -zig Jahren, als sie für Fußball-Altvordere nur (m)eine spleenige Idee war.
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Und sonst? Dortmund sollte die Südtribüne generell sperren, dann klappt’s wieder mit dem Toreschießen. – »Warum tut sich Bruchhagen den HSV an?« Die Antwort auf meine vorwitzige Frage beginnen der HSV und Bruchhagen auf dem Platz zu geben, trotz des 2:2. Vorläufig. Wird ein Trend daraus, sehe ich ganz schön alt aus. Soll mir nur recht sein. Ich bin’s ja auch. – Und dass Ancelotti sein Kaugummi so prollig kaut und walkt wie einst Ferguson? Auch das scheint nicht mehr zu stimmen. Hat ihm ein Stilberater den Stinkefinger gezeigt? Du, Carlo, das passt nicht zum lieben Onkelotti? Und dass er sich den Stinkefinger schnell mal ausgeliehen und den fiesen Spuckern gezeigt hat? Recht so! Ist ja fast schon gentlemanlike, auf eine derart eklige  Attacke nicht verbal oder gar tätlich zu reagieren, sondern nur optisch und mit unbewegter Miene.
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Noch mal zur Popularität des Biathlons. Womöglich hat sie etwas mit Frauen-Power zu tun. Kati, Uschi, dann die unvergleichliche Magdalena, jetzt Laura – die Symbolfiguren sind rein weiblich. Die Männer laufen nur hinterher, selbst wenn sie mal vorneweg laufen. Wann beenden sie die Beliebtheits-Herrschaft, die eine Damschaft ist? Wann ertönt der »erste Trompetenstoß gegen das monströse Frauenregiment?«
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Auf den wartete schon der verknorzte Calvinist John Knox im 16. Jahrhundert vergeblich. Vielleicht sind die Biathleten Kerle wie ich: Wir tun mannhaft unser Bestes, fühlen uns aber im Matriarchat am wohlsten. Und in der Ferne sehen wir mit Grausen, John Knox rotierend im Grab rumsausen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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