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Sport-Stammtisch (vom 18. Februar)

Als Carlo Ancelotti triumphierend die Fäuste ballte und sein Gesicht die hellste Freude ausstrahlte, bekam sein physiognomisches Markenzeichen, die mokant hochgezogene Augenbraue, nachträglich eine neue Bedeutung. Galt sie bisher als überschwänglichste Gefühlsregung eines gemütlichen Stoikers, entlarvte sie sich jetzt als verächtlicher Ärger über all das, was er bis dahin in München gesehen hatte, auf dem Rasen und in der Presse.
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»Augenbrauen lügen nicht«, behauptet der kanadische Neurowissenschaftler Dr. Javid Sadr (Quelle: Welt-Interview). »Hochgezogene Augenbrauen spiegeln Ärger und sogar Angst«, sie »reflektieren die mentalen Aktivitäten jedes Menschen« und »zeigen vor allem Gefühle wie Angst, Ekel, Verwirrung, Ärger. Man erkennt an den Augenbrauen ziemlich genau, ob jemand irritiert, nachdenklich oder nicht einverstanden ist mit dem, was man sagt.« Ancelotti muss bis zum Arsenal-Spiel ziemlich einverständnislos gewesen sein.
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Aber die Augenbrauen verraten sogar, »ob wir männlich oder weiblich sind. Weibliche Brauen wölben sich stärker, sie liegen höher und dichter beisammen.« Womit aufmerksame Leser über eine dritte Identifikationsmöglichkeit der unterschiedlichen Geschlechter verfügen. Na ja, jedenfalls für die beiden häufigsten der rund 60 bisher von der Genderforschung entdeckten.
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Bisher hatten wir nur buchstäblich zwei an der Hand: den Ringfinger und die Handhaltung, wenn wir den Pullover ausziehen. Stand der Fingerforschung: Bei einem »richtigen« Mann ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, während bei »echten« Frauen beide Finger gleich lang sind. Grund: Im Mutterleib stimuliert Testosteron das Wachstum des Ringfingers und Östrogen das des Zeigefingers.
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Wer nun mokant die Augenbraue hochzieht, dem muss die Kinnlade herunterfallen, wenn er/sie den Pullover-Test macht: Denn Frauen ziehen sich den Pullover mit den überkreuzten Händen von vorne unten hoch, statt wie wir Männer in den Nacken zu greifen und den Pullover von hinten über den Kopf zu krempeln. Das ist eindeutig angeboren, allem Gendern zum Trotz.
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In aller Unschuld möchte ich betonen, dass ich zur eindeutigen Identifizierung meines bevorzugten Geschlechts keine Augenbrauen, Ring- und Zeigefinger oder Pullovertechnik brauche, sondern nur … ach, ihr alten Mit-Jungs, bevor ihr  euch brüllend auf die Schenkel klopft … den Mittelfinger. Denn den zeigt mir die liebste Zielgruppe, wenn ich sage, dass ich zu ihrer Identifizierung keine Augenbrauen, Ring- und Zeigefinger oder Pullovertechnik brauche, sondern nur … schon kommt er, der Mittelfinger.
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Zu albern? Abrupte Kehrtwende. Dass Tuchel den glücklosen Aubameyang auswechselte, wird kontrovers diskutiert. Ich halte die Maßnahme auch rein sportlich für falsch, denn wer sollte jetzt noch die Tore schießen? Aber, wie gesagt, darüber kann man diskutieren. Falsch ist jedenfalls die Folgerung, wer dreimal verballert trifft auch beim vierten Mal nicht. Solcher Serienglaube hat schon so manchem Zocker beim Roulett das Genick gebrochen. Und menschlich gesehen bekräftigte Tuchel die Vorurteile, ihm fehlten Empathie sowie die feinen Antennen für die Gemütslage in seiner Umgebung.
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Heute also ohne Südtribüne. Nein, natürlich mit. Nur ohne Menschen dort. Zur Frage, ob die Strafe gerecht ist, muss ich nicht auch noch meinen Senf dazu geben. Mich beschäftigt mehr ein Gedankenexperiment: Die legendäre Südtribüne ist zwar nur zu einem geringen Prozentsatz mit jenen Gehirnverkorksten besetzt, die kriminell handeln. Die Mehrzahl dürfte aus »normalen« Fans bestehen. Aber was wäre, wenn diese also durchaus heterogene Südtribüne bei der Bundestagswahl das alleinige Stimmrecht hätte? Niemand sonst, nur die Südtribüne, als scheinbarer Schnitt der Gesellschaft? Meine Ahnung verkneife ich mir lieber. Ist sowieso unbeweisbar. Außerdem könnte es auch ohne Südtribünen-Wahlmänner unangenehm werden …
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Andererseits: Bevor die Welt in Schräglage geriet und die Parteien pfründeverteilend routiniert vor sich hin wurschtelten, musste man befürchten, dass die Wahllokale bald so aussehen könnten wie die Südtribüne heute. Wenigstens diese Gefahr besteht nicht mehr.
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Das war’s. Man kann über diese Kolumne wie immer sehr geteilter Meinung sein. Ich bin es oft auch. Aber zum Glück glaubt niemand, dass sie standardisiert von einem Computerprogramm geschrieben wird, wie mittlerweile schon »millionenfach Sport- und Finanzberichte« (Quelle: FAS). Mein sicher manchmal gewöhnungsbedürftiges Schreiben bleibt rein menschlich. Dafür gebe ich Ihnen mein Wgggoookkk … Error … Fehler 17 … System wird neu geladen … Ehrenwort. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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