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Sport-Stammtisch (vom 11. Februar)

Und Philipp macht den Gabriel. Nicht die Entscheidung überrascht, sondern die Art und der Zeitpunkt. Mag alle Welt über die Gründe des ehemaligen Strebers von der ersten Bank spekulieren, der sich längst zum gar nicht mehr so glatten Klassenprimus und respektierten Schulsprecher entwickelt hat, für mich stecken sie in zwei Wörtern. Wenn Hoeneß sagt, die DAX-Vorstände im Aufsichtsrat würden keinen Berufsanfänger akzeptieren (aber einen Millionenbetrüger?), denkt sich Lahm seinen Teil, weiß auch, dass die Zeit für ihn spricht, kann also warten und Hoeneß vorab schon mal mit diesen zwei Wörtern eine Nase drehen: Ätsch, Uli!
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Randale in Dortmund. Dem BVB-Boss eine Teilschuld zuzuschieben, ist heuchlerisch und vor allem falsch. Watzke spreizt zwar allzu gerne das Gefieder und genießt sein Wichtig-Wichtig-Sein, was ihn auf meiner Sympathieskala klar hinter seine wilde Jungschar zurückfallen lässt, aber sein Spruch, in Leipzig werde Fußball gespielt, »um eine Dose zu performen«, ist immerhin eine der originelleren Schmähungen im Rivalitätsbereich des Fußballs und keine klammheimliche Gewaltunterstützung. Schuld sind einzig und allein die Gehirnverkorksten, die mit potenziell tödlich wirkenden Wurfgeschossen Menschen attackieren (ob dies Polizisten, Frauen, Kinder, Sie oder ich sind, spielt keine Rolle). Identifizieren, U-Haft, schnelle Verhandlung, gerechtes (= strenges) Urteil und natürlich Schadensersatz – alles andere ist bloßes Lamento.
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Zur vorurteilslosen Sicht auf Red Bull Leipzig (Rasen-Ball, hihihi, ist selbst mir zu albern) gehört die Anerkennung, dass dort richtig guter Fußball gespielt wird und auch die gewaltfreien Fans einen Spitzenplatz besetzen. Wenn schon Protest, dann bitte die Richtigen treffen! So wird bei mir die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals eine performte Dose öffne, um so geringer, je mehr der Sport von ihr usurpiert wird. Gilt nicht nur für Dosen, auch für andere Sponsor-Exzesse. Den Leipzigern dagegen gönne ich alle schönen Nebeneffekte der Dosen-Performance, Fußballern wie Fans.
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In der Süddeutschen Zeitung lese ich einen Text über die Fehde Schwarzenegger/Trump und darin einen interessanten Vergleich. Arnold komme aus der »harten Schule des Gewichthebens«. Arbeit an Gewichten sei »immer auch Arbeit am Charakter. Stets liegt das eigene Versagen ganz nah, Größenwahn und Demut gehen beim Kraftsport eine enge Bindung ein. Bodybuilder müssen ja viel vor dem Spiegel stehen, um am Muskeltonus zu arbeiten. Und wer sich dabei nicht der Lächerlichkeit des eigenen Seins und Tuns bewusst wird, muss schon sehr blöde sein. Blöde ist Schwarzenegger gewiss nicht.« Trump dagegen habe in seinem Leben wohl »nicht allzu viele Sit-ups gemacht, zumindest scheint ihm das Verständnis der Selbstüberwindung zu fehlen«.
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Gut beobachtet in Sachen Schwarzenegger/Trump. Aber nach meiner Erfahrung als ehemals nicht unextremer Kraftsportler nicht zu verallgemeinern. Arnold Schwarzenegger ist eine Ausnahme, auch in Sachen Selbstironie. Ich habe dagegen oft erlebt, dass Kraftsportler und Bodybuilder sich nicht nur nicht ihrer Lächerlichkeit bewusst werden, sondern total humorlos das eigene Sein und Tun todernst nehmen.
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Ich war (und bin) mir der eigenen Lächerlichkeit stets bewusst. Das ist bei Trump leider nicht zu erwarten. Sonst würde er, von Lachkrämpfen geschüttelt, sofort zurücktreten.
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Apropos: Wussten Sie, dass die »alternativen Fakten« kein Trumpsches Alleinstellungsmerkmal haben, sondern im Fußball als letztgültige Wahrheit anerkannt sind? Nur heißen sie hier nicht »alternative Fakten«, sondern Tatsachenentscheidung. Unterschied: nicht mehr lange.
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Und da wäre noch der letzte Schrei im Fitness-Business: Crawling. Deutsch: Krabbeln. Soll die Wirbelsäule und mit ihr den gesamten Körper stabilisieren und kräftigen. Stimmt! Nur: Krabbeln, beziehungsweise Stabilisierungs-Übungen im Vierfüßlerstand (auf Knien und Händen), das ist ein ganz alter Hut. Schon vor fast einem halben Jahrhundert verordneten fürsorgliche Ärzte wie der – zugegeben: anderweitig umstrittene – Sportmediziner Armin Klümper ihren Athleten Übungen, die Weiterentwicklungen des noch älteren »Klappschen Kriechens« waren. Pilger übertreiben es allerdings, wenn sie auf Händen und Knien nach Lourdes rutschen.
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Dennoch: Krabbeln ist eine prima Sache, nicht nur für Kleinkinder. Schließlich kannte die Welt, wenn ich mich recht erinnere, vor Erfindung des aufrechten Ganges keine Bandscheibenschäden. Crawling ist zwar alter Wein in neuen Schläuchen, aber bei einem guten Tropfen kommt es auf den Wein an, nicht auf den Schlauch. Wohl bekomm’s! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle