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Der Stöpsel ist gefunden (“Anstoß” aus der Reihe “40/30/20/10″ vom 9. Februar)

Vor 40, 30, 20 und vor zehn Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.
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»Ich habe dem Flohe drei Pfund Kalbsknochen geschickt, als er wegen eines Bandscheibenschadens kaum noch gegen den Ball treten konnte. Jetzt springt er wieder wie ein Hirsch.« Lothar T., der diese stolzen Worte gelassen ausspricht, verbringt seine Freizeit damit, Rinder- und Kalbsknochen (»man könnte auch Menschenknochen nehmen«) mit Überschallwellen Fett, Knochenmark und Blut zu entziehen. Übrig bleibt ein Knochenmehlkonzentrat, dem T. ans Wunderbare grenzende Fähigkeiten zuschreibt: keine Verletzungen mehr, aber schier unerschöpfliche Muskelkraft. Selbst einem kleinen Nachteil kann man noch positive Seiten abgewinnen. »Bei der Auflösung des Pulvers im Darm wird Gelatine frei, die Wasser bindet. Das gibt manchmal Verstopfungen, dass einem die Augen aus dem Kopf fallen.« Wie war das noch mit den aufgepumpten Schwimmern? Das in den Darm eingeführte Gas entwich zu schnell, daher war die Wirkung verpufft, ehe die Schwimmer ins Wasser gelangten. Dieses Problem ist gelöst. Hurra, der Stöpsel ist gefunden! (Februar 1977/Eine »gw«-Exklusivstory, später nachgedruckt von der FAZ. Der Erfinder hatte mich angerufen und mir dann auch noch eine eingeschweißte Kostprobe geschickt. Aber niemand in der Sportredaktion wollte davon naschen …)
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(Schon früh gehörten Sprachspielereien zu den »gw«-Kolumnen wie der Sport zum Stammtisch:) Nicht nur die gewaltigen Superlative, sondern auch die alltäglichen Kleinigkeiten der Grammatik bereiten vielen Sportjournalisten einige Probleme. Auch »gw« schließt sich da selbstverständlich nicht aus. Ihn als Hessen wundert auch der hohe Prozentsatz von Germanistik-Studenten nicht, die laut einer Umfrage mit dem Begriff Plusquamperfekt nichts anfangen können. Aber für dieses seltsame Ding »Plusquamperfekt« haben wir Hessen immerhin eine hübsche Eselsbrücke: In Wiesbaden-Dotzheim, einem sozialen Brennpunkt, kennt die Polizei den »Dotzemer Plusquamperfekt«, der ihr bei Vernehmungen immer wieder zu Ohren kommt: »Isch war’s net gewese.« (Januar 1987/»der« Plusquamperfekt? Nein, »das«! Neutrum bitte, junger Herr »gw«!)
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(Eine frühe Lanze für den »Kaiser«:) In diesen modernen Zeiten, in denen das Hochstapeln eigener Mittelmäßigkeit zu den Lieblingsbeschäftigungen gehört, fällt Franz Beckenbauer angenehm auf, der locker zugibt, außer Fußball nichts gelernt zu haben, und der sich viel mit Philosophie beschäftige, aber schon bei Schopenhauer nichts mehr verstehe. Wer jetzt lacht, macht sich selbst lächerlich – es sei denn, er hat von Schopenhauer mehr gelesen und verstanden als ein paar der gängigen Aphorismen. Und wer seinen Schopenhauer kennt, lacht nicht über Beckenbauer. (Januar 1997)
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(»Philosophisch« geht’s weiter:) Bleibt die küchenphilosophische Erkenntnis, dass alles mit allem zusammenhängt. In diesem Zusammenhang: Man möchte nicht unbedingt in der Haut der Verantwortlichen der Kirch-Gruppe stecken, die ihrem Boss demnächst erklären müssen, warum sie ihm geraten haben, derartige Irrsinnssummen in die WM-Rechte zu investieren. Schon jetzt sind wir gespannt auf die verzweifelten Bemühungen zur Quadratur des Kreises: der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen. (Februar 1997/Kirch konnte das Naturgesetz bekanntlich nicht überlisten; einige Epigonen arbeiten aber immer noch daran. Nicht nur im Sport)
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Wieso passen viele Forscher auf eine einzige menschliche Haut? Warum sind fast alle Dorlarer rothaarig? Die beiden Fragen kann ich zwar nicht beantworten, aber wenigstens erklären: »Unbekannte Bakterien haben Forscher auf der menschlichen Haut entdeckt«, schreibt die Zeit in einer besonders hübschen Subjekt-Objekt-Vertauschung, und in Lichtenbergs Sudelbüchern habe ich den Satz gefunden: »Zu Dorlar einem Dorf an der Lahn nicht weit von Gießen haben fast alle Leute rote Haare.« Der große Aphoristiker hat’s überhaupt mit unserer Lahn: »Der Fürst von Weilburg badet sich öffentlich in der Lahn.« Warum nicht? Angst vor unbekannten Bakterien muss er nicht haben – die forschen ja nach Forschern. (Februar 2007) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle