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Sport-Stammtisch (vom 4. Februar)

»Wir kriegen keine Komplexe, weil Frankfurt vor uns steht.« Worte des Trainers Thomas Tuchel. Auch überhebliche Worte, passend zur allgemeinen Missachtung der Frankfurter Eintracht, wie schon in den »Montagsthemen« angemerkt. Unser Leser Heinz Galonska bestätigt: »O wie wahr, es ist schon ekelhaft, wie die Leistung der Eintracht regelrecht totgeschwiegen wird, als sei dies eine Peinlichkeit der Bundesliga. Aber was nutzt dem kleinen Mann sein Zorn? Nun, Gott sei Dank haben wir ja noch ›unser Blättche‹ mit dem Anstoß!«
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Also: Tuchel kriegt keine Komplexe, weil Frankfurt vor seinem BVB steht? Sollte er aber, mit diesem Verein, dessen Möglichkeiten und Tuchels Gehabe als deutscher Über-Pep. Mich erinnert er, mich erinnern beide an den jungen Sturkopf Heynckes in Frankfurt: Anerkannte Fachleute, die dem egomanischen Trugschluss unterliegen, ihr Kopf und Rückgrat seien wichtiger als die Beine und das Herz der Mannschaft. Starke Trainer sind nur dann wirklich stark, wenn sie ihre Spieler stark machen. Siehe Niko Kovac.
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Na ja, hoffentlich gibt es morgen gegen Darmstadt keinen Dämpfer. Wie in der Hinrunde, bei der vermeidbarsten aller vermeidbaren Niederlagen. Darmstadt hat keine Chance mehr, will sie aber nutzen, und das macht die »Lilien« gefährlich, auch oder weil sie in ihrer Verzweiflung Ladenhüter abräumen, die selbst auf der Resterampe zu verstauben drohten. Aber wie es auch kommen mag: Darmstadts Weg in und durch die Bundesliga bleibt eine Erfolgsgeschichte. Zu Willi Wagners Zeiten stieg man nach den Aufstiegen 1978 und 1981 sofort wieder ab, diesmal gibt es zumindest eine Ehrenrunde.
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Ex-Profi Wagner, später unter anderem Trainer des VfB 1900 Gießen, begegnete mir dieser Tage wieder – in einem Kommentar des Kollegen Jörgen Linker von der Zeitungsgruppe Lahn-Dill. In dessen Redaktion kam Wagner und dementierte einen Satz, den er laut einer AfD-Pressemeldung gesagt haben soll. Es geht um den CDU-Bundestagskandidaten Hans-Jürgen Irmer, der im Lahn-Dill-Kreis einen Namen wie Donnerhall hat, aber das spielt hier keine Rolle. Was mich umhaut: Willi Wagner dementiert eine Pressemeldung seiner eigenen Partei, denn er ist, halten Sie sich fest, Bundestagskandidat der AfD.
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Überhaupt fällt auf, dass viele alte Sportkämpen in der AfD-Gedankenwelt leben, auch frühere Sportkameraden, die ich als vernünftige Mittelschichtler und CDU- oder SPD-nah eingeschätzt hatte. Nun posten sie auf Facebook die wutbürgerlichsten Dinge. Wie kommt das bloß? Eine Ahnung überkam mich, als ich in der Zeit ein Streitgespräch mit der AfD- und der Grünen-Chefin las und mich mit der niederschmetternden Erkenntnis ertappte, dass ich die Aussagen der einen insgesamt zutreffender fand als die Schwammigkeiten der anderen.
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Bevor ich auf düstere Gedanken komme, freue ich mich lieber. Denn Jörgen Linker, Jahrgang 1970, den ich persönlich nicht kenne, hat mich vor einiger Zeit wissen lassen, dass meine Kolumnen der Grund waren, »Zeitung zu lesen. Sie haben so mein Interesse für Sportjournalismus geweckt und mich zu diesem Beruf gebracht.« Es macht mich ein wenig stolz, dass hinter manchem Jux und Dollerei, die ich ja manchmal übertreibe, eine Haltung erkennbar wird, die solche Anstöße geben kann.
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Apropos Jux und Dollerei: Schon seit zwei, drei Wochen tauchen in Leichtathletik-Nachrichten wieder die Meldungen von »Jahresweltbestleistungen auf. Eine absurde Statistikeritis. Allerdings ausnahmsweise kein aktuelles Zeitphänomen, denn Jörg Dahlmann, ebenfalls keinem Schabernack abgeneigt und damals gerade auf dem Sprung von unserer Sportredaktion in die des ZDF, hatte den Quatsch schon im vergangenen Jahrhundert bloßgestellt, als er im »Sport-Studio« ein paar fröhliche Mainzer Freizeitsportler Weltjahresbestleistungen im Dutzend aufstellen ließ. An einem 1. Januar.
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Kein Scherz dagegen, dass in der Vielseitigkeitsreiterei, formerly known as Military, die kernigsten »Buschreiter«-Typen die »Verweichlichung« ihrer Sportart rückgängig machen wollen. Meinen alten Gag, dass die Military manchmal einschläfernd wirkt, vor allem für Pferde, kann ich also vielleicht bald wieder aufwärmen. Es gibt sogar einen noch älteren Gag, geprägt vom legendären Achter-Trainer Karl Adam: Wer das Boxen verbieten würde, wolle aus der Welt der Wölfe eine Welt der Möpse machen. Und was will die Military? Eine Welt der Streitrosse oder der Kuschelzoo-Ponys? Mich dürfen Sie nicht fragen. Seit ich einmal vom Esel gefallen bin und mir die Rippen gebrochen habe, weiß ich: Die Gefahr lauert überall.
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Zu schlechter Letzt ein böser Frauen-Witz. Nicht von mir natürlich! Sondern von holländischen Leichtathletik-Funktionären. Die haben einer Kugelstoßerin ihre Qualifikationsweite für die Hallen-EM aberkannt. Die Leistung sei ungültig, da in einem gemeinsamen Wettbewerb mit den Männern erzielt, was immer ein unerlaubter Vorteil sei. Eine subtil-perfide Frauendiskriminierung, bei der sich Machos, wenn sie sie denn verstehen, brüllend auf die Schenkel schlagen.
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Echte Gleichstellung gibt es erst, wenn Männer und Frauen nicht nur in einem gemeinsamen Kugelstoß-Wettkampf antreten dürfen, sondern sogar müssen. Natürlich auch mit gleichgestelltem Kugelgewicht. Narhallamarsch!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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