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Wunderkinder (Anstoß vom 2. Februar)

»Als Belinda Bencic ein Kind war, beschloss der Vater, aus ihr die beste Spielerin der Welt zu machen« (Spiegel, August 2016: »Die Erschaffung der Nr. 1«). Klingt verdächtig nach Kafkas erstem Satz der »Verwandlung«, nur wird hier nicht Gregor Samsa »zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt«, sondern ein kleines Kind zum Tennis-Ass.
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Nummer eins. Ganz nach oben kommen. Das ist das Ziel. Nicht nur bei Bencic, nicht nur im Tennis, nicht nur im Sport. Es ist nie das Ziel der Kinder. Oder wusste die kleine Belinda, was sie tat, als ihr Vater mit der Zweijährigen trainierte? Das erste Turnier spielte sie mit vier, in die Top Ten kam sie mit achtzehn. Spiegel: »Eine Geschichte, die zeigt, dass Erfolg im Profisport planbar ist.« Ach, wirklich?
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Als sie sechs war, begann ein Unternehmer, das Mädchen  Belinda zu finanzieren. Guter Deal, mag er gedacht haben, wie damals, nach der Wende, als er reich wurde, indem er Bananen in die Ex-DDR »exportierte« (wirklich! Kein Fake! So etwas kann man sich gar nicht ausdenken). Mittlerweile ist Belinda Bencic nur noch Nummer 80 der Weltrangliste, hat in zwölf Turnieren jeweils das erste Match verloren bzw. aufgegeben, ist oft verletzt und verlor zuletzt auch bei den Australian Open schon in Runde eins. Gegen Venus Williams, die fast doppelt so alt ist. In den Schlagzeilen Schweizer Zeitungen heißt sie nicht mehr »Pretty Belinda« (nach dem Oldie von Chris Andrews), sondern »Pummelinda« (übrigens so gnadenlos wie idiotisch, liebe Schweizer Kollegen). Vielleicht wird Belinda Bencic dennoch einmal die Nummer eins. Sollte man sich dann freuen?
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Dezember 2012. Große Seite-drei-Geschichte in der Süddeutschen Zeitung über »das Projekt Jan Kristian Silva«. Ihn pusht die Mama. Damals war der Junge elf. Mit zwei spielte er schon Tennis, mit fünf tauchte er als Wunderkind in Schlagzeilen und Talkshows auf. Ulli Kühnel verkündet auf seiner Homepage, dass er (man liest und schüttelt sich) »einen hero in der Pipeline« hat. Kühnel war Besaiter von Boris Becker und ist jetzt Tennis-Unternehmer. Zart besaitet darf man da nicht sein. Kühnels Öl in der Pipeline ist nichts weniger als das »Tennis Talent of the Century«. Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt, umtriebig wie immer (Boris-Kumpel, Dschungel-Camper) gibt den Athletiktrainer, wie überhaupt einige aus Beckers ehemaliger Entourage ihre Finger im Spiel haben. Oder hatten? So genau weiß man das nicht. Jedenfalls ich nicht. Denn die Schlagzeilen schrumpfen um so mehr, je größer Jan Kristian wird. Mittlerweile wird er 16, und außer auf Kühnels Homepage existiert er sogar in den Tiefen des Internets kaum noch.
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Ein Unternehmen in den USA bietet Gentests an, mit denen ehrgeizige Mamas und Papas frühzeitig erkennen können, ob ihr Wunderkind Mannschafts- oder Individual-Star wird, im Kraft-, Schnelligkeits- oder Ausdauersport. Ob die Firma den Eltern auch mitteilt, wenn der Talent-Marker nur Durchschnittsbegabung angibt? Wäre geschäftsschädigend. Dagegen wirkt die alte DDR-Methode der Handgelenksvermessung fast schon heimelig und human. Wenn bei der – von unseren Medaillen-Fetischisten immer noch hoch gelobten – Talentförderung bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, dass er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Fußball hatte, dann musste er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Fußball spielte. Da war es nicht weit bis zum Casting »Stärkster Lehrling der DDR« und zum Handgranaten-Weitwurf. Hier hält Speerwurf-Weltrekordler Uwe Hohn, nach dessen fabulösen 104,80 Metern der Schwerpunkt des Geräts verlegt wurde, wie zum Hohn ebenfalls den Weltrekord: 100,02 Meter mit der guten, alten DDR-Granate Marke »F 1«. Sucht so der Sport seine wahre Bestimmung? Aber das nur am Rande.
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Zurück zu den Wunderkindern. Belinda Bencic und Jan Kristian Silva sind trotz allem schon viel weiter nach oben gekommen als die vielen, vielen anderen kleinen Belindas, Jan Kristians – oder Mesuts und Franzis – je kommen werden. Unter der Spitze des Eisbergs spielen sich die wahren Dramen ab.
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Ältere Leser erinnern sich vielleicht noch an die Turnerin Hertha Löwenberg. In den Siebziger Jahren schrieb die 15-Jährige in ihr Tagebuch: »Sport ist Mord«. Und machte Schluss mit dem Turnen. Von ihr hat man nie mehr etwas gehört. Was ein gutes Zeichen dafür ist, dass sie ihr Leben erfüllend gemeistert haben könnte. Auch ohne »Erschaffung zur Nr. 1«. Denn »was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« (Matthäus 16/26) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle