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Montag, 30. Januar, 16.50 Uhr

David Storl hat am Wochenende eine neue Jahresweltbestleistung mit der Kugel gestoßen. 20,80 m. Bei dieser Agenturmeldung sind zwei Dinge anzumerken:  1. Es ist keine Jahresweltbestleistung. 2. Jahresweltbestleistungen im Januar zu melden, ist Quatsch, quätscher geht’s nicht.

1. Da ich immer in den Tiefen des Internets nach der Entwicklung des ehemaligen Kugel-Wunderkinds Jacko Gill suche (mit 16 24,45m/5kg) , dessen Trainingsvideos von damals im Netz noch zu sehen und zu bestaunen sind, stieß ich jetzt in einer neuseeländischen Online-Zeitung auf Gills aktuellen 21,01-m-Wettkampf. Die von mir befürchtete und auch angeunkte Stagnation mit drohender Rückwärtsentwicklung scheint also gestoppt.  Ich hoffe sehr, mich getäuscht zu haben und Gill kommt jetzt doch noch so gewaltig, wie vor fünf Jahren gedacht, erwartet und erhofft.

2. So albern, Gills 21,01 als bessere Jahresweltbestleistung zu melden, bin aber selbst ich nicht. Was von dieser irren Statistikeritis zu halten ist, habe ich schon vor Jahren (sie ist also ausnahmsweise kein Zeitphänomen) geschrieben. Ich muss mal schauen, ob ich es noch im gw-Archiv finde. Dazu muss ich einige Fenster schließen und ein bisschen Umstand treiben, doch bevor ich es tue, sei noch gesagt, dass ich dabei bestimmt auch auf Jörg Dahlmann stoßen werde, denn der … aber jetzt klicke ich mich weg und ins Archiv, wenn ich den Text finde, folgt er sogleich. Momeeeent ….

 

Da isser:

 

Fast jeder Wahnsinn hat seine Methode. Wie die »Jahresweltbestleistungen«, die in dieser Jahreszeit gemeldet werden. Jörg Dahlmann, damals gerade auf dem Sprung von unserer Sportredaktion in die des ZDF, hatte den Quatsch schon im vergangenen Jahrhundert bloßgestellt, als er im »Sport-Studio« ein paar fröhliche Mainzer Freizeitsportler Weltjahresbestleistungen im Dutzend aufstellen ließ. An einem 1. Januar.  

 

Weiterlesend stoße ich in derselben gw-Kolumne noch hierauf:

Auch das noch: Am Berliner Homo-Mahnmal wird das Video ausgetauscht: Jetzt küssen sich auch Frauen. Und Männer und Frauen. Und Alte und Junge. Und Neonazis und Altlinke … nein, so weit geht die Korrektheit nun doch nicht.  

 

und darauf:

Dirk Nowitzkis Spot für seine Werbe-Hausbank hat bei Vegetariern einen Internet-Sturm der Entrüstung ausgelöst, weil der lange Lulatsch in einer Metzgerei wie ein kleiner Junge mit einem Stück Wurst beschenkt wird. Ich kann die Entrüstung verstehen. Auch ich erhielt oft ein Scheibchen Wurst und musste verstockt »Danke« murmeln, obwohl ich lieber ein Bonbon bekommen hätte.  

 War aber eine gute Schule fürs Leben: Man bekommt nie das, was man möchte, muss sich aber für das, was man gar nicht haben will, auch noch bedanken.

 

Ich sollte nicht mehr ins Archiv gucken. Was ich dort von mir lese, kommt mir viel witziger und prägnanter vor als meine heutigen Kolumnen. Auch auf die Arabellion bin ich dabei wieder gestoßen, in einer Kolumne ganz zu Beginn dieser Entwicklung, als ich  vermutete,  dass das Volk Mubarak weg haben will, aber noch nicht weiß, was es stattdessen will, aber sicher nicht das, was wir wollen, dass die Ägypter es wollen sollen.

Tja. Sechs, sieben Jahre her. Ohne weitere Worte, um nicht als penetranter Besserwisser zu wirken.

Macht das Alter mich zu einem schlechteren Schreiber und zu einem … nein, bitte nicht, das wäre ja noch viel schlimmer. Aber als ich jetzt ein Streitgespräch mit der AfD- und der Grünen-Chefin lese (ganze Seite, ich glaube, in der Zeit, bei meinem Lesematerialsammelsurium komme ich manchmal durcheinander) ertappe ich mich mit der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich die Aussagen der einen insgesamt viel besser und zutreffender finde als die Schwammigkeiten der anderen, sieht man einmal von der Nationalgefühligkeit ab, die mir fremd war, ist und ewig bleiben wird.

Aber ich will es positiv sehen: Immerhin sind beide zwar sehr unterschiedliche, aber halt doch Frauen. Wie die Frontfrauen der CDU und der Linken. Meine Wunschvorstellung, nicht nur privat im Matriarchat zu leben, nimmt langsam realistische Formen an. Fehlen nur noch Frau Seehofer und Frau Schulz. Auch Frau Trump wäre willkommen, wenn’s schon nicht mehr Frau Obama sein darf. Die Kerle brauche ich nicht, bin ja selbst einer. Mein Vorbehalt bleibt aber: Matriarchat nur mit mir als verhätscheltem Hähnchen im Korb. Heinz Erhardt würde jetzt schließen mit: Ach, was bin ich heute wieder für ein Schelm.

 

Baumhausbeichte - Novelle