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Sonntag, 29. Januar, 6.25 Uhr

Es taut. Gemerkt habe ich es leider erst, als ich die FAS aus dem Briefkasten holte und nasse Schmutzspuren im Haus hinterließ. Könnte Ärger geben.

Bin schon länger zugange. Senile Bettflucht. Oder zu Gange? Mir im Blog egal. Für die Kolumne würde ich nachschlagen.

Meldungen der Nacht bereits durchgesehen. Schönste dpa-Schlagzeile: “Lafontaine sieht sich nicht im Schatten seiner Frau.” Auch Ego-Bomber leiden also unter dieser männlichen Wahrnehmungsschwäche.

Er “sieht” sich nicht im Schatten. “Sehen” und ”Wissen.” Dazu habe ich mir doch in  Modicks Roman eine Seite mit einem Tempo-Taschentuch markiert? Für empfindliche Gemüter: natürlich unbenutzt. Mal nachschauen. Moment bitte.

Hier ist die Stelle (Klaus Modick, “Das Grau der Karolinen”): “…darüber nachzusinnen, welche Beziehung besteht zwischen Sehen und Wissen (…) Die allgemein angenommene Etymologie des Wortes besteht nämlich aus einer einfachen, gleichwohl manchen überraschenden und zugleich vieles erhellenden Gleichung. Sie lautet: Ich weiß = ich habe gesehen. (…) Die sogenannte Sprachwurzel vid findet sich in der Bedeutung sehen, beobachten (…) im Sanskrit wie im Griechischen und Lateinischen und Gotischen.” Und daher sei die Sprachwissenschaft “zu der Überzeugung gelangt”, “dass das deutsche Wort weiß ein Perfektum des Begriffs sehen ist: Man weiß, was man gesehen hat. In Frankreich ist diese Wortehe noch heute ungeschieden, denn sehen heißt dort voir und wissen hüllt sich ein in savoir.”

Wissen = gesehen haben. Die Stelle in Modicks Roman habe ich hier zusammengefasst, für die Kolumne werde ich sie noch weiter komprimieren. Wir wissen nur, was wir gesehen haben, aber manche leiden unter sinnlicher Wahrnehmungsschwäche oder sehen sowieso nur, was sie sehen und dann wissen wollen. Passt gut in die Zeit. Und der Blog erfüllt damit wieder einmal seinen Zweck als Stein(es)bruch für die Zeitungskolumnen.

Das Modick-Buch liegt schon länger bereit. Umberto Ecos “Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana” erst seit gestern. Vor einigen Jahren, als ich noch an “meiner” Bücherseite arbeitete … ich sollte nicht zugeben, gar nicht zu wissen, ob es sie überhaupt noch gibt. Müsste mal wieder in die Wochenend-Beilage schauen. Sicher gibt es sie aber nicht  so, wie ich sie einmal eingeführt habe, mit Klappentext, eigener Bestsellerliste (zusammengerechnet aus diversen anderen) und der Interview-Serie, bei der die Befragten (Dr. Erika Fuchs, Hans Zippert, Andreas Maier u.v.a.m.) aus einer Fragen-Liste sich diejenigen Fragen aussuchen konnten, die sie interessant genug fanden, um darauf zu antworten. Ist kein Vorwurf, denn für mich war es Hobby, und schon als ich die Seite abgab, habe ich nicht verlangt, dass das aufwändige Zusammenpuzzeln von Bestsellerliste und Interviewform weitergeführt würde … wo war ich? Ach so, ja, Eco. Den Roman zu lesen hatte ich damals früh aufgegeben, war mir zu langweilig (wie auch das “Pendel”-Buch), jetzt habe ich, wie oft in solchen Fällen, noch einmal begonnen und finde es gar nicht mehr langweilig.  Es geht um einen Mann, der sein persönliches Gedächtnis verloren hat. Einmal fällt ihm auf, “dass mir alle paar Schritte Neger begegnen”, und er fragt seine Frau: “Wo sind wir? In New York? Seit wann gibt es in Mailand so viele Neger?” Seine Frau klärt ihn nachsichtig auf: “Seit einiger Zeit. Aber man sagt nicht mehr Neger, man sagt Schwarze.” Er: “Was macht das für einen Unterschied?” Und dann, der Satz, für den ich mir die Stelle angemerkt habe: “Mir scheint, diese Schwarzen sind genauso arm dran wie Neger.”

Herrlich. Ein Satz sagt mehr als tausend beflissene Korrektheiten. Stein(es)bruch!

Kommt auf den Montagsthemen-Zettel. Dort steht schon: Meier/Abseits/Bruchhagen/Geld/HSV/Männerfußball/Frings/Lutscher/Tennis-Wunderkinder (oder Extra-Kolumne, weil zu viel Text?)Bob/Bremser/Steher … schon viel zu viel. Nach der Sonntagmorgenlektüre von FAS und SZ kommt sicher noch was dazu. Aber besser, viel auf dem Zettel als nix.

Nachtrag um 8.05 Uhr: Oje. “Es taut?” Mein später Beitrag zur männlichen Wahrnehmungsschwäche: Die nassen Fußstapfen kamen nicht von draußen. Unser uraltes Hundemädchen. Blasenschwäche. Ich tapp im Dunkeln rein. Jetzt seh ich die Bescherung.

 

Baumhausbeichte - Novelle