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Montagsthemen (vom 30. Januar)

Uns Hessen stößt sauer auf, wie die Fußballwelt um Hessen herum den Frankfurter Sieg kommentiert: Kaum ein Wort über die Eintracht, Fokus ausschließlich auf Schalke. Als hätten die Schalker  nur wegen eigener Unzulänglichkeit verloren und nicht, weil erst intelligenter, kampfstarker, hartnäckiger und, ja, auch nickeliger Kovac-Fußball diese Unzulänglichkeiten beim Gegner bewirkt. Was eine ganz eigene Qualität ist. Stichwort »Stinker«, wie im Boxen, und wie dort ist das ein Kompliment, widerwillig gezollt vom sich überlegen fühlenden Konkurrenten.
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Die Behauptung ist leider nicht zu beweisen: Ohne den frühen Fehlgriff von Lukas Hradecky hätte die Eintracht auch in Leipzig widerstanden. Zumindest wäre es knapp ausgegangen. Tendenz unentschieden. Aber, siehe mangelnder Beweis, Lamento überflüssig, Spiel abgehakt, als weider! Wie auf Schalke.
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Und wo bleibt die Schönheit, die Vision vom »Fußball 2000«? Dort, wo sie hingehört. In der und in die Vergangenheit. Bei der FFFF. Der Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten. Kennt kaum jemand mehr. Ist ja auch nur noch eine Splittergruppe. Über allem steht das kaum Fassbare: Nach dem ersten Spiel der Rückrunde 17 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. 17! Siebzehn! Und im Gegensatz zu den Zeiten von Wellness-Trainern wie Skibbe oder Veh deutet bei Kovac nichts darauf hin, dass die Kräfte schwinden könnten.
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Hätte Alex Meier nicht dieses feine Füßchen, wäre kaum noch Platz für ihn. So aber bleibt Frankfurts Alexander der Große unverzichtbar. Das unnachahmliche Tor war kein Zufallstreffer, sondern sein Markenzeichen. Dennoch wird er auch in Zukunft öfter als gewünscht auf der Bank sitzen (gewünscht = nie). Leider zu recht. Er ist nicht Beißer, »nur« Knipser.
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Der Erfolg hat viele Väter. Gönnen wir es ihnen, Bobic oder Hübner, sich im Lob zu sonnen, nach all der Kritik zuvor. Der Erfolg hat aber auch einen Verlierer. Jenen verdienstvollen Mann, der die Eintracht auf gesunde Beine gestellt, aber verpasst hat, rechtzeitig loszulassen. Zuletzt wirkte er wie ein Fossil. Erstarrt. Seit er weg ist, hat die Eintracht Flügel bekommen, ganz ohne Red Bull. Dennoch muss sie ihm ewig dankbar sein. Aber was er sich nun in Hamburg antut … warum bloß?
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Jetzt kommt Darmstadt. In der Vorrunde setzte es dort die unnötigste aller Niederlagen. Bei den »Lilien« ist »Männerfußball« angesagt, wie Trainer Torsten Frings unter der Woche im FAZ-Interview ankündigte. Nun ja, das anschließende 1:6 als Frauenfußball zu bezeichnen, wäre ja auch ein übles Foul an Fußballerinnen. Das war weder Männer- noch Frauenfußball, sondern ein Kinderspiel. Für Köln.
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Frings, die ehrliche Haut, hat als Trainer-Novize noch nicht die Sprachregelung verinnerlicht, den Newspeak, wie ihn in Orwells »1984« (siehe auch »Sport-Stammtisch« vom Samstag) der Große Bruder verordnet. Die Verweigerung der Freigabe für einen  nicht gerade übertalentierten Spieler begründet er ebenso knurrig und kernig wie treuherzig und naiv: »Wir können uns ja nicht noch schlechter machen, als wir ohnehin schon sind.« Ehrlich bis über die Schmerzgrenze hinaus.
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Frings hat den seltsamen und von ihm ungeliebten Spitznamen »Lutscher«. Heißen nicht alle Frankfurter für Offenbacher »Lutscher«? Oder umgekehrt? Ich kenne das Wort nur aus dem Radsport als »Hinterrad-Lutscher«. Als Fußballer war der Männersportler Frings alles andere als ein Lutscher. Aber diese Umkehrung der Werte hat im Sport Tradition. Im Bobfahren ist der Bremser ein Anschieber und hat auf der Strecke strengstes Bremsverbot, und beim Bahnradfahren sind die Steher am schnellsten, aber die Flieger machen Stehversuche.
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Stehversuche – auch dieses Sportwort hat Flügel bekommen. Wie der »Schrittmacher« und das »Von der Rolle«-Sein aus dieser aus der Mode gekommenen Bahnraddisziplin, in der hinter einem Motorrad hergefahren wird. An diesem  ist hinten horizontal eine Rolle befestigt, an der man eng dran bleiben muss, um den Windschatten des  Schrittmachers zu nutzen. Wer »von der Rolle« gerät, verliert sofort an Geschwindigkeit und hat schon verloren. Der Sport lernt uns viel, aber man lehrt nie aus. Oder so.
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Schon beschwert sich meine liebste Zielgruppe. Nur Sport heute? Zur Wiedergutmachung zu guter Letzt eine dpa-Schlagzeile vom Sonntag:  »Lafontaine sieht sich nicht im Schatten seiner Frau.« Auch Ego-Bomber leiden also unter dieser typisch männlichen Sehschwäche. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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