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Sonntag, 22. Januar, 6.35 Uhr

Morgens um halb sieben ist die Welt noch in Ordnung: Ob Regen oder Schnee, Hitze oder Kälte – die Sonntagszeitung liegt im Briefkasten. Die FAS, nicht die kostenlose. Das muss ich hinzufügen, seit Dorfbewohner sich gewundert hatten, dass ich die Zusteller lobe, denn die andere Sonntagszeitung, die offenbar hier meistgelesene, liegt erst abends oder gar nicht im Kasten, heißt es. Ist mir nie aufgefallen. Nicht mein Wahrnehmensbereich. Heikles Thema, denn sie kommt aus unserem Haus …

Aber es gibt ja leider noch geringfügig heiklere Themen. Wir leben in einer Zeitenwende. Eine Feststellung, die auch Unaufgeregtere nicht als Überaufgeregtheit abtun können. Ein Symptom: Wie heimelig wirken da doch Feinstaub, der Wachtelkönig oder separate Klos für alle sechsundsechzig Geschlechter. Auch der Klimawandel ist zumindest vorübergehend eingefroren, nicht nur wegen der Minusgrade.

Mir geht es nicht um “America first”. Das ist noch das Harmloseste rund um Trump. Für einen amerikanischen Präsidenten kommt Amerika an erster Stelle – so what!? Es geht viel tiefer, und dafür ist Deutschland das viel bessere, weil furchtbar schlechte Beispiel für die Weltenwende. Der Riss, der durch die Gesellschaften vieler westlicher Länder geht, ist bei uns am klarsten und erschreckendsten zu erkennen, vor allem, weil er immer tiefer und breiter wird. Stimmen der Vernunft gibt es kaum noch oder werden kaum noch gehört. Signifikantestes Beispiel: Wer die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als erschreckendes Desaster bezeichnet, erhält Zustimmung aus Ecken, die er verachtet, und Verachtung aus solchen, denen er sich zugehörig fühlt. Die eine Seite will ihn eingemeinden, die andere ausstoßen. Fast so, als gälte die Behauptung, eins und eins sei zwei, als Vereinskutte einer von zwei großen Ultra-Fangruppen. Dabei ist es eine Tatsachenbehauptung.

Die Flüchtlings-(Saum-)Seligkeit, in der die eine Fangruppe lag, ist nach dem umjubelten/ausgepfiffenen Kardinalfehler der Bundeskanzlerin auch für die Initiatorin obsolet geworden, um mal das Wort aus der Trump-Rede zu benutzen, um das semantische Eiertänze aufgeführt werden. Der Beweis liegt klar auf der Hand. Man frage nur einmal einen Flüchtling aus Afghanistan, der seit zwei, drei Jahren bei uns lebt und einen noch nicht entschiedenen Asylantrag gestellt hat. Seit “Wir schaffen das” werden viele zurückgeschickt, haben keine Chance mehr auf Asyl, obwohl wir dazu verpflichtet wären, sie bei uns dauerhaft aufzunehmen (zum Beispiel Angehörige von Dolmetschern für die Bundeswehr). Auch Migranten, die schon lange und friedlich und mehr oder weniger integriert bei uns leben, leiden unter der unter- und schon längst auch überschwelligen Stimmung im Lande, der die Bundesregierung den Weg geebnet hat.  Auch der beliebte Vorzeige-Flüchtling, der Zahnarzt aus Syrien, wird noch darunter leiden. Und die Flucht und Asyl betreffenden Gesetze werden nach der unbegreiflichen Entscheidung, Hunderttausende unkontrolliert ins Land zu lassen, verschärft bzw. viel härter und inhumaner ausgelegt als zuvor.

Alles geht zu Lasten der übergroßen Mehrzahl der neu gekommenen echten Flüchtlinge (also denen, die viel lieber nicht bei uns wären, sondern zu Hause) und der  fast schon verwurzelten Migranten, die sich bereits heimisch gefühlt hatten und jetzt Ausgrenzung spüren.

Und da wären noch die Hunderttausenden, ja Millionen, die auf die gefühlte Einladung hin ihr Bündelchen geschnürt haben, aufgebrochen sind und lange, bevor sie auf ein Schiff oder auf die Balkan-Route kommen, irgendwo in Afrika oder Asien kläglich gescheitert und oft jämmerlich verreckt sind, außerhalb unserer Sichtweite, als Opfer eines wieder einmal unseligen deutschen Sonderwegs. Den zu beklagen, ist kein dumpfbackiger Vereinskutten-Hass gegen alles Fremde, sondern Empathie mit den Fremden, die unter beiden Gesellschaftsgruppen hüben und drüben des tiefen, breiten Risses leiden.

Uff. War das mein Wort zum Montag? Zum Jahr? Zur Zeit? Rausgesprudelt am frühen Morgen, noch unkontrolliert von der freiwilligen Selbstkontrolle im noch schläfrigen Kopf? Egal, ich lasse es stehen. Aber ich erinnere mich auch an den Schluss der Kolumne vom Samstag. Die nächste wird heiterer, hatte ich versprochen. Die Montagsthemen also. Das wird in der Einzahl viel leichter als das, was die Kanzlerin (ob sie dabei an den Nobelpreis gedacht hat?) in unser aller Namen versprochen hat. Ich schaffe das! So ein Hradecky-Gau ist ja auch ein lustiger Slapstick im Vergleich zum Menetekel an der Weltwand.

Na ja, Eintracht-Kuttenträger sehen das vielleicht anders.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle