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Sport-Stammtisch (vom 21. Januar)

Es war einmal … tief im vergangenen Jahrhundert, im Waldstadion gastierte der 1. FC Köln, und am rechten Flügel wuselte ein Däumling, den kaum ein Frankfurter kannte. Aber wie er wuselte! Alle sahen, dass hier ein Stern aufging. Lang, lang ist’s her. Der Stern ist untergegangen, schon vor vielen Jahren verglüht.
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Sterne blähen sich in ihrer letzten Phase zu roten Riesen auf, bevor sie zu schwarzen Zwergen erkalten. Von daher hängt das astronomische Bild schief, denn Thomas Häßler war als Fußballer schon früh riesengroß, blieb im Gemüt aber immer der kleine »Icke«. »Habt ihr meinen Zwerg gesehen?«, rief seine damalige Frau (bei der er in besonders festen Händen war) nach einem Spiel, und wer dabei war, beteuert, dass es nicht liebevoll, sondern verhöhnend klang. Schon früh kam Mitleid auf.
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Verhöhnend klingt auch alles, was aus dem sogenannten Dschungelcamp zu lesen ist. Häßler macht sich zum Gespött, heißt es da, und »Bild«, die inoffizielle Dschungel-Vereinszeitung, zieht gnadenlos über ihn her, von der »Ich muss kotzen«-Schlagzeile bis zum verächtlichen Abtun als schlafmütziger Langweiler.
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Ich »weiß« es nur vom Lesensagen, denn weder höre noch schaue ich hin. Nicht aus intellektueller Überheblichkeit, die überlasse ich den großen Feuilletons, die mittlerweile aber sogar fasziniert mit von der Partie sind und soziokulturellen Anspruch entdecken wollen, eine Art Lebensgleichnis. Ich schalte diese und ähnliche Sendungen nicht ein, weil sie … ich geniere mich, die abgenudelte Betroffenheits-Binse erstmals ernsthaft zu benutzen, aber ich tue es jetzt doch … menschenverachtend sind.
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Einer der Pioniere dieses Tele-Formats regiert jetzt die USA, und niemand kann ihn mit seinem geflügelt gewordenen letzten Wort des Lehrlings-Castings »The Apprentice« aus dem Amt jagen: »You are fired!« Mittlerweile hat, wirklich!, der erfolgreichste Bodybuilder aller Zeiten diese Sendung übernommen, und sein Vorgänger lacht sich schadenfroh schlapp, dass die Einschaltquoten sinken. Wahrscheinlich ist Arnold Schwarzenegger viel zu gutmütig.
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Warum lassen sich Menschen derart gnadenlos niedermachen? Die Trash-Promis im Dschungel, die jammerdürren Model-Möchtergerninnen bei ihrem eisgekühlten, roboterhaften Vorbild, all die armen Gestalten bei den Bohlens & Co.? Weil offenbar immer mehr Menschen immer mehr oder sogar den einzigen Lebenssinn darin sehen, berühmt zu werden. Koste es, was es wolle. Vor allem an Selbstachtung.
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Und damit zum Sport. Denn hier greift eine spezielle Variante dieser Zeiterscheinung um sich: In den Kindern den eigenen verpassten und verpatzten Lebenssinn nachzuholen, also reich und berühmt zu werden. Im Dezember habe ich in einer Kolumne (»Kategorie A.«) über verbissene Helikopter-Eltern geschrieben, die im durchgetakteten Arbeitstag ihrer Kinder auch den unbedingten sportlichen Erfolg auf ihrer Agenda haben. Soll, muss ihr Kind als Ersatzbefriedigung herhalten? Viele dieser Kinder tricksen, betrügen, pöbeln und seien unter Trainern schon als “Arschlochkinder« bekannt. Provozierend behauptete ich: »Arschlochkinder haben Arschlocheltern.«
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Ein langjähriger Leser bestätigt diese Beobachtung. Sein Name ist der Redaktion bekannt und nicht nur dieser. »Auch ich habe mich schon häufiger gefragt, ob in unserer Zeit der inflationären Instant-Berühmtheit sich manch einer fragt, warum nicht er oder wenigstens sein Kind auch berühmt sein kann und all die Sonderbehandlung und mediale Aufmerksamkeit genießen kann, die in den Tiefen des (nicht nur) Privatfernsehens verbreitet wird. Gelegentlich erinnert mich dies an die Eltern, die mich in meiner Zeit als Vollstreckungsleiter einer Jugendarrestanstalt anriefen und wortreich zu erläutern versuchten, warum es zwar ein rechtskräftiges Urteil gegen ihren Filius gibt, das aber alles Unsinn sei und die Vollstreckung des Arrests völlig unangemessen. Ein kluger Mann hat mal zu mir gesagt, dass je mehr man versucht, sämtliche Unebenheiten auf dem Lebensweg seines Kindes zu ebnen, man umso mehr die Voraussetzung dafür schafft, dass das Kind beim ersten selbstständigen Schritt ins Stolpern kommt.« – Klare, kluge Worte. Danke.
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Die Sportler werden immer jünger, mit allen bekannten und möglichen körperlichen und geistigen Folgeschäden. Nur wenige schaffen das, was sie und ihre Antreiber erhoffen. Der eine oder andere ist heute beim Rückrundenstart in der Bundesliga zu sehen. Hoffen wir für sie, dass sie später nicht im Dschungel landen oder, wie andere, die es nicht geschafft haben, als Seelenkrüppel auf der Straße.
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Entschuldigung. So düster sollte diese Kolumne nun doch nicht werden. Eigentlich wollte ich noch Trump mit Caligula assoziieren und Westerwelles spätrömische Dekadenz neu thematisieren, aber ich will niemanden depressiv machen, mich schon gar nicht. Die nächste Kolumne wird heiterer. Versprochen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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