Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Dienstag, 17. Januar, 18.00 Uhr

Nachmittags  bei Königsberg, also fast auf Mittelgebirgsniveau (400 m), mit den Hunden Feld-und-Waldi gegangen.  Im tiefen Schnee zu stapfen, im Sonnenschein und bei blauem Himmel, vor dem Panorama vom Vogelsberg bis zum Taunus, das ist … ganz schön. Schwärmerischer kann ich nicht, dazu bin ich zu prosaisch. Sehr zum Leidwesen der mir Nächststehenden, die immer wieder versucht, mir Überschwängliches zu entlocken, zum Beispiel wenn die beiden Hunde miteinander spielen oder kuscheln. “Ist das nicht süß!?” “Gib doch mal zu, wie süß das aussieht!” Keine Chance. Ich bleibe hart und antworte unbeirrt: “Süß ist kein Kriterium für mich.”

Anschließend aufs Rad gesetzt. Das stationäre. Wenn ich mit dem echten Rad unterwegs bin, fliegt die Zeit. Auf dem Ergometer steht sie. Etwas Langweiligeres, Zäheres gibt es nicht, als im Keller in die Pedalen zu treten. Reine Pflichtübung wg. Bauch. Aber spätestens nach 30 Minuten muss Schluss sein.

Musik hören und lesen hilft nicht viel, aber immerhin etwas. Ich nehme mir ein paar Seiten vom Stapel mit, auf dem ich die mich interessierenden und daher herausgerissenen Seiten aus Zeitungen und Zeitschriften stapele (deswegen wird’s ja ein Stapel). Heute ist auch ein Interview mit Prof. Walter van Laack dabei, vom 2. Januar aus der Welt. Es geht um Nahtoderlebnisse. Laack ist Naturwissenschaftler, aber ein seinem Metier kritisch gegenüberstehender. Einen Satz habe ich eingekringelt, ich will ihn abschreiben für “Ohne weitere Worte”. Ich schreibe ihn schon mal hier für den Blog ab:

“Was uns als Wissen verkauft wird, sind oft einzelne Interpretationen von Beobachtungen. Und wenn die Naturwissenschaft auf unerklärliche Dinge stößt, ignoriert sie sie einfach.”

Schönes Beispiel, warum die Kolumne zu Recht “Ohne weitere Worte” heißt, denn mit weiteren Worten würde das alles zu weit führen, außerdem habe ich keine dezidierte Meinung dazu. Dass  atheistische Wissenschaftler glauben, dass sie wissen, und Gläubige wissen, dass sie glauben, gehört ja zu meinen “Glaubenssätzen”, mit denen ich zwischen beiden Stühlen sitze, unwissend und ungläubig. Auch über Nahtoderlebnisse habe ich keine feste Meinung, weiß nur, dass die Wissenschaft glaubt, sie seien nur gnädige Vorspiegelungen unseres Gehirns.

Ich kann dazu nur mein Erlebnis beitragen, ich glaube, ansatzweise habe ich darüber schon mal geschrieben, um mich über mich lustig zu machen (Stichwort: Esel fällt vom Esel). Es war aber kein Esel, von dem ich gefallen bin, sondern ein Muli, auf dem ich (peinlich berührt, weil Touristenklischee, und auch nur, weil ich dem armen Christos auf Chalkidiki einen geldwerten Gefallen tun wollte) durch die Gegend  nicht ritt, sondern geritten wurde. Als es endlich vorbei war, wollte ich schnell abspringen, hatte aber nicht daran gedacht, dass mein Muli mit einer Kette mit dem Muli der mir Nächststehenden verbunden war. Ich blieb mit dem Bein hängen und platschte aus fast zwei Metern Höhe wie ein nasser Sack auf den Boden, wurde ohnmächtig  … und landete in einer anderen Welt. Schön war’s. Richtig schön. Saumäßig wohl hab ich mich gefühlt. Nichts denkend, nur wohlfühlend. In einer Landschaft ruhend, grün wie im Mai, in einer  unwirklichen Mischung aus Park und Dschungel. Es war buchstäblich unwirklich schön … bis ich Rufe hörte, lästig, dringlich. Sogar körperlich aufdringlich, als würde ich geohrfeigt. “Ist ja gut, ich komm ja schon”, murmelte ich, langsam aus der anderen Welt entschwindend, die Augen öffnend … und in die schreckgeweiteten meiner Frau und von Christos blickend, die mir Wasser ins Gesicht schütteten und mich in der Tat geohrfeigt hatten. Ich war wieder da, und statt mich saumäßig wohl zu fühlen, tat mir alles saumäßig weh. Rippen gebrochen und geprellt.

War das ein Nahtoderlebnis? Oder eine banal erklärbare Reaktion meines Gehirns, das gegen die Schmerzen mit Ohnmacht und Glückshormonen reagierte? Was weiß denn ich? Alles, was ich zu wissen glaube, bündelt sich in der Schlagzeile der Bild-Zeitung am Jüngsten Tag: “ALLES GANZ ANDERS!

 

Baumhausbeichte - Novelle