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Montagsthemen (vom 16. Januar)

Langsam kommen sie zurück aus den südlichen Gefilden. Nur Köln, Hoffenheim und Ingolstadt sind schon lange da. Waren nie weg. Halten Trainingslager im Warmen für kontraproduktiv. Eine Woche Training im Sommer-Modus, schön und gut, aber dafür zwei Trainings-(=Reise-)Tage opfern? Dazu die klimatische Schocktherapie Eis-Heiß-Eis, die Infekte begünstigt – zumal die Trainingsbedingungen auf den  heimischen Geländen genauso gut sind. Also: In die Ferne schweifen oder im Nahen bleiben? Wohl gehupft wie gesprungen. Buchstäblich.
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Die Handballer haben andere Probleme. Beziehungsweise ihre Fans. Streamen Sie schon, oder gucken Sie noch in die Röhre? Mir ist es peinlich, aber ich muss zugeben: Dieser Aufreger lässt mich ziemlich kalt. Handball zu spielen ist ein toller Sport. Beim Handball zuzuschauen, ist nicht mein Ding. Macht mich nervös, ich rutsche unruhig hin und her, warte, dass das dumme Rumgesitze endlich aufhört und ich … eingewechselt werde. Manchmal musste ich bis zum Schlusspfiff warten. Typisches Trauma des Bankspielers. Wirkt noch nach 50 Jahren.
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Jetzt habe ich das Kontrastprogramm entdeckt. Wintersport. In meiner Ignoranz habe ich schon oft bespöttelt, dass die Öffentlich-Rechtlichen uns mit Schnee- und Eislawinen überrollen. Aber als ich am Samstag den Fernseher einschaltete und eine Doku suchte, flimmerte als erstes Bild eine Bobfahrt auf … und ich blieb hängen. Was meine Augen sahen,wirkte kontemplativ, was meine Ohren hörten, klang nach therapeutischen Mantras, ich versank in meditativer Ruhe. Wirklich! Kein Scherz! Plötzlich, schnicks, als hätte ein Hypnotiseur das Aufwecksignal gegeben, schreckte ich auf. Die Posaunen von Jericho? Nein, die Fanfare der Tagesschau.
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Klingt aber genauso unheilverkündend. Am liebsten würde man den »Icke« machen. Ihm gebührt die intellektuelle Ehre, das grassierende Unbehagen am Lauf der Dinge im wahren Wort des Jahres zu bündeln: »Ich muss kotzen!« Für Ungebildete, die nichts über die wichtigsten Prüfungen unserer Zeit wissen: Thomas »Icke« Häßler, mein Lieblingsspieler in Vor-Okocha-Zeiten, ist auf seinem Lebensweg im RTL-Dschungel gelandet und dort daran gescheitert, pürierte Fischabfälle durch einen Strohhalm in den Mund zu saugen und in ein Glas zu spucken. »Ich muss kotzen!«
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Alles schon mal dagewesen. Der Berliner Maler Max Liebermann brauchte keine pürierten Fischabfälle, ihm reichte einst ein Fackelzug der Nazis durch das Brandenburger Tor: »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.«
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Zurück zum Sport, bevor es zu unappetitlich wird. Aber auch hier hält sich Erfreuliches in Grenzen. Nicht nur wegen Häßler, der einst auf dem Fußballplatz Spielintelligenz versprühte und auf dem weiteren Lebensweg … ach, lassen wir das. Oder Olympia: Wie uns die Spiele immer gepackt und inspiriert haben! Bis sie zur Farce verkamen. Mittlerweile wird es, wenn überhaupt, dann nur noch mit einem Achselzucken registriert, dass das IOC wieder einmal drei Olympiasieger nachträglich disqualifiziert hat. Drei Chinesinnen von Peking 2008. Namen sind Schall und Rauch, auch die der Konkurrentinnen, die acht Jahre später vorrücken. Vielleicht gibt es wirklich nur das Heilmittel, die Länder mit Doping-Systematik komplett rauszuwerfen. Die Russen, die Chinesen, die Amis, die Engländer, die Deutschen …
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Bei Olympia diskutiert man, wer von den großen Sportnationen rauszuwerfen sei, der Fußball macht das Gegenteil und schmeißt alle kleinen rein. Das große Lamento – ohne mich. Der Fifa-Beschluss ist genauso demokratisch legitimiert wie die Wahl von Donald Trump. Und wenn man ahnt, was an Wahlen noch auf uns zukommt, hält man die aufgeblähte WM noch für das kleinste Übel dieser Welt. Und unsere gute, alte Demokratie   in Zeiten des Internet-Wahnsinns  für … ein Auslauf-Modell?
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Da hilft nicht mal meditatives Wintersport-Gucken, sondern nur noch Humor. Schwarzer natürlich. Aber selbst die Satire gibt auf, wenn sie erfährt, dass bei der Amtseinführung in den USA eine freikirchliche Predigerin der »Wohlstandstheologie« reden wird. Sie verheißt den Reichen das Paradies – und die Armen sind selbst schuld an ihrem Elend. Wie war das noch mit dem Nadelöhr?
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Bei all dem Elend könnte man den »Icke« machen. Oder den Fuchs im Eisblock, zwecks Wiederauftauung in besseren Zeiten. Den Fuchs hat ein Jäger aus der zugefrorenen Donau herausgesägt. Gestern veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung das Beweisfoto. Bildunterschrift: Der Jäger »hat den Fuchs, der gerade dabei ist, aufgestellt.« Woran ist er »gerade dabei«? Vermutlich hat die FAS das Verb nicht vergessen, sondern aus Pietät weggelassen. Denn der Jäger hat den Fuchs »auf meinem Hof ausgestellt – als Warnung, damit die Leute nicht aufs Eis gehen. Jetzt taut er langsam auf, und dann kommt er zur Tierverwertung. Der Verwesungsprozess hat schon eingesetzt.« Der Fuchs, der »gerade dabei ist aufzutauen«, ist also auch keine Lösung. Halten wir’s lieber mit Luther. Apfelbäumchen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle