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Sport-Stammtisch (vom 14. Januar)

Was Rudolf Augstein und Uli Hoeneß gemeinsam haben und warum diese Gemeinsamkeit bei Donald Trump nicht funktioniert … das kommt später dran. Zunächst Fußball in seiner simpelsten Form: Testspiele während der Trainingslager. Eine Schlagzeile von vielen: »Herbe Niederlage für RB Leipzig, BVB triumphiert« (Welt). Nein, Dortmund hat nicht gegen Leipzig gespielt, die Überschrift fasst zwei unterschiedliche Spiele zusammen. Aber diese Missverständlichkeit ist nicht mein Thema, ich habe in meinem Journalistenleben selbst schon zu viele davon fabriziert. Kann passieren, fällt Lesern meist nicht weiter auf.
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Auch an der »herben Niederlage« und dem »Triumph« stören sich wenige. Aber ich! Denn in der aktuellen Testspielphase gibt es weder herbe Niederlagen noch Triumphe. Es gibt nur interne Erkenntnisse für Trainer und Spieler, bezogen auf die aktuelle Trainingsphase, und das nackte Ergebnis hat den Nachrichtenwert eines Sacks Reis in China. Aber noch nicht einmal den eines dort umgekippten.
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Warum wird dennoch lang und breit über diese Nicht-Nachrichten geschrieben? Weil Fußballfreunde Fußball lesen wollen und Journalisten diesen Lesestoff sehr gerne liefern. Und das auch müssen, da von ihren Heimatredaktionen zum schreibaktiven Urlaub in die angenehm temperierten Trainingslager entsandt. Oft übrigens in die gleichen Gegenden, in denen früher Kollegen anderer Ressorts »embedded« unterwegs waren …
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Ich gönn’s ihnen ja. Aber wenn schon über Nichtigkeiten schreiben, dann bitte ohne »herbe Niederlagen« oder »Triumphe«. Und aufmerksam die »Etüden« beobachten, die vielen kleinen Übungsstücke im Training. Die liefern die echten Erkenntnisse. Schönen Resturlaub noch!
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Zu den zwanghaften journalistischen Reflexen gehört auch die Fundamentalkritik an der WM-Ausweitung, für die der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino verantwortlich ist (über den Namen mache ich keine Witzchen mehr, seitdem dies alle tun; außerdem ist er gewiss kein »Infantilo«). Natürlich ist die uferlose Ausweitung der WM ein sportlicher Schwachsinn. In der Gruppenphase wird es viele Spiele nach Art der 1. DFB-Pokalrunde geben. Lästig für die Favoriten, Festtage für Underdogs, die sich hinten reinstellen und vorne mit Hurra auf den lieben Gott hoffen. Kostproben gab es ja schon bei der EM. Aber was die Kritiker vergessen oder nicht wahrhaben wollen: Die Ausweitung ist eine demokratisch legitimierte Entscheidung. Außerdem ein gehaltenes Wahlversprechen von Infantino – welcher Politiker kann das nach der Wahl für sich und seine Partei behaupten? Also tiefer hängen! Und den Humor behalten. Wie unser niederländischer Online-Leser Hans Kolkman aus Den Haag: »Mehr konnte die Fifa aber wirklich nicht für Holland tun!«
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Ob Hans Magnus Enzensberger heute über die Berichte von Testspielen oder zur 48er-WM ähnlich schreiben würde wie als junger Autor 1957 über den Spiegel? Der biete seinen Lesern statt Orientierung nur Desorientierung, kritisierte er damals im Radio. Das tat Rudolf Augstein ähnlich weh wie später Uli Hoeneß die Tore von Roy Makaay gegen die Bayern. Was also machte Augstein? Er lockte den vorwitzigen Piesacker als Autor zum Spiegel, und dort schreibt Enzensberger auch im Jahr 2017 immer noch Gastbeiträge. Hoeneß hat die Augstein-Methode übernommen und zur Serienreife gebracht.
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Nur mit Trump funktioniert die Spiegel-Bayern-Methode nicht. Niemand, dem er weh tut, würde ihn für den eigenen Verein verpflichten. Selbst wenn er hundert Tore schösse.
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Piesacken. Schönes, altes (nieder-)deutsches Wort. Trotz gegenteiliger Bedeutung wirkt es angenehm heimelig, ähnlich wie Ganove und Halunke. Oder Schuft. In verschärfter Form ist dieser ein »Liebesschuft«, und der »hat uns reingelegt«, titelt Bild in sooo großer Schlagzeile. Der Text enttäuscht dann allerdings. Es geht nicht um Bild-Boss Kai Diekmann, dem eine Kachelmann-Anzeige ins Haus geflattert ist (wem hält Alice Schwarzer jetzt wohl die Stange?), während zeitgleich sein Abschied verkündet wurde (welch ein Zufall!), sondern nur um einen stinknormalen Heiratsschwindler.
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Der Schuft, der uns alle reingelegt hat, heißt auch nicht Donald Trump. Er hat ja, im Gegensatz zum »Liebessschuft«, seine fiesen Absichten nie verschleiert. Und damit wären wir in der ernsthaften Abteilung dieser Kolumne angelangt und bei der hoch gelobten Anti-Trump-Rede von Meryl Streep bei den Golden Globes. Richtiges anrührend gesagt, aber es ähnelt auch  den nur die eigene Klientel erreichenden Reaktionen auf AfD und Co. in Politik, Kultur und tonangebender Gesellschaft. Solche bestens gemeinten Worte einen die Vereinten und trennen die von ihnen Getrennten nur noch mehr. Der Graben wird immer breiter und tiefer. Aber hüben und drüben gäbe es durchaus Anknüpfungspunkte, trotz beiderseitiger Scharfmacher. Brückenbauer gesucht!

(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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