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Montagsthemen (vom 9. Januar)

Die Vierschanzentournee ist »wie im Flug« vergangen. Doch der Wintersport bleibt uns erhalten. Felder, Wälder, Straßen und Bildschirme sind schnee- und eisbedeckt, auf letzteren sogar ohne jede Chance auf Tauwetter. Als guter Demokrat toleriere ich das und werde nie wieder meine jugendlich-leichtsinnige Provokation wiederholen, »wer Biathlon mag, hört gerne Stadl-Musik und feiert feste MDR-Fasching«. Außerdem habe ja auch ich einen Lieblings-Wintersport: »Bergdoktor« gucken.
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Jetzt ist er mir entfleucht, der »Bergdoktor«. Peinlich, peinlich. Kommt flatulistisch an und lässt empfindsame Nasen rümpfen wie das Geständnis, Fritz »Harry« Weppers Nonnen zu gucken oder gar in Leipzig »In aller Freundschaft« ein Fern(seh)-Medizinstudium summa cum laude abzuschließen. Aber kein Vergleich mit dem »Bergdoktor«. Selbst die kompliziertesten, seltensten Fälle, die in großen Krankenhäusern ein Heer von Spezialisten ratlos machen, diagnostiziert dieser Hausarzt (immer) und kuriert sie (meistens), nur assistiert von seinem tumben Freund in der Klinik. Lediglich in Frauenherzen doktert er hilflos herum.
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Die neuen Folgen laufen im Januar und Februar, also genau in der Zeit, in der viele unter dem »Winter-Blues« leiden. Ich nicht. Denn der liegt nicht am winterlichen Lichtmangel, sondern an fehlenden Gerüchen. Auf mich wirkt der »Bergdoktor« schon im Januar wie der Duft faulender Blätter – der heilt den »Winter-Blues«, behauptet eine US-Studie. Empfindlichere Nasen müssen bis zum Frühjahr warten, wenn der Boden taut und faulendes Laub stimmungsaufhellend duften lässt.
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Ich schweife ab. Ab sofort wird zurückgeschwiffen. Zum jahreszeitlichen Sport. Ich gebe zu, schon unter Entzugserscheinungen zu leiden. Ein “cold turkey” schüttelt mich (nicht Erdogan, sondern ein “alter Truthahn”), weil die Leichtathletik im medialen Winterschlaf liegt und die Fußballer im Wintertrainingslager laufen. Wobei der Winterschlaf der Leichtathleten trainingsintensiver ist als das Wintertrainingslager der Fußballer, aber das nur am Rande.
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Da haben es die Engländer besser. Rund um den »Boxing Day« wird weiter Fußball gespielt, was den Fan freut, mehr noch aber die europäische Konkurrenz, da die Brit-Stars  in ihren Stadien mehr Körner liegen lassen als wir solche aus Sand oder Salz auf den Straßen. Am Ende sind sie am Ende – und dann lacht Ancelotti?
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Der Boxing-Day hat seinen Namen von der Christmas Box, in der früher die Bediensteten des britischen Landadels ihre Geschenke erhielten. Wie heute die Fußball-Fans in der Christmas-Telebox. Nur zahlen die ihr Geschenk selbst. – Kleiner Scherz. Na ja, eine Woche früher hätte er besser gepasst. Ich glaube, so etwas nennt man einen Treppenwitz: Wenn man auf der Party dumm rumsteht, kaum einen Ton rausbringt, einem aber beim Weggehen, schon auf der Treppe, viel zu spät eine witzige, schlagfertige Antwort nach der anderen einfällt.
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Im Leichtathletik-Winterschlaf wird sogar fast der Abgang eines der größten Athleten aller Zeiten verpennt. Ashton Eaton, der phänomenale Über-9000-Zehnkämpfer und doppelte Olympiasieger, hört schon mit 28 und im besten Mehrkämpfer-Alter auf, gemeinsam mit seiner kongenialen Frau Brianne Theisen-Eaton, der gleich alten Bronze-Gewinnerin von Rio. Natürlich spekulieren Verschwörungstheoretiker über die »wahren« Gründe, aber als hoffnungslos hoffnungsvoller Leichtathletik-Fan denke ich, dass hier zwei Karrieren nach Blüte und Reife harmonisch enden. Vielleicht mag auch der Frust über die mediale Abseitsstellung der »Könige der Athleten« eine Rolle spielen. Eaton hat schon oft in die Runde der Journalisten gefragt, wie man den Zehnkampf attraktiver gestalten könne. Er bekam keine Antwort und sah nur hilfloses Achselzucken. Mehr kann ich auch nicht beitragen, nur meine Überzeugung: Die Leistung von Usain Bolt, des alles und alle überstrahlenden Superstars der Szene, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen – aber gegen Eaton ist er als Athlet nur ein Wicht.
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Verwechsle ich rechts und links, Ursache und Wirkung, zum Beispiel bei der biathletischen Stadl-Musik oder den Winter-Blues-Blättern? Wenigstens diese Aufklärung gab es gestern im Frankfurter »Tatort«, in dem der Kripo-Chef ein Gedicht des Dadaisten Ernst Jandl gesummt haben soll (diese Kolumne wurde vor der Sendung geschrieben): manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!
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Schöner Quatsch. Aber nicht mein Wort zum Montag. Das spricht ebenfalls Ernst Jandl, und zwar uns undadaistisch mitten ins griesgrämige Montagsgesicht hinein: manchmal kommt mir jemand entgegen und lächelt mir zu. / da weiß ich, dass ich voll freude bin. / auf meinem gesicht hat jemand ein leuchten gesehen / und hat selbst zu leuchten begonnen, auf mich hin. – Ich werde mein Bestes tun, um Ihnen zu leuchten. Auch wenn es in diesen Tagen schwerfällt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle