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Sport-Stammtisch (vom 7. Januar)

Fußball-Winterpause. In diesen Tagen entscheiden sich Meisterschaft, Europa-Teilnahme, Abstieg und Champions-League-Erfolg. Bisher war alles nur Prolog, jetzt geht’s ans Eingemachte. Wer schlampt, stürzt ab, wer die Pause optimal nutzt, hängt die Schlamper ab. Vorsicht, Eintracht! Bitte kein Déjà-vu!
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Och, wie langweilig. Da wendet sich nicht nur meine liebste Zielgruppe mit Grausen. Schnell ein Appetit-Happen: Wissen Sie, warum Franck Ribéry die Grünen wählen würde? Dazu später.
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Wie erhöhe ich bloß meine Klickzahlen? Mit den Fußballern im Wintertraining sicher nicht. Oder doch? Es fliegen ja nicht alle in die Emirate. Ein schöner Brauch unterklassiger Mannschaften ist das jährliche, nun ja, Trainingslager auf Malle. Auf dem Weg dorthin wurde eine Fußballmannschaft aus dem Raum Fulda einmal schon vor dem Abflug gestoppt. Das startbereite Flugzeug wurde von der Polizei gestürmt und die Fuldaer Kicker festgenommen. Pilot und Polizei begründeten den Bruch des grundlegenden Menschenrechts auf freien Flug nach Malle mit angeblichen Randalierens volltrunkener Passagiere – was der Sprecher der Fußballer empört bestritt. Er habe Flugangst, »und da gehört es zum Ritual, mich vorher etwas zu betrinken«. Der Pilot habe spießig überkorrekt Anstoß an seiner offenen Hose und seiner Fahne genommen. Deswegen gleich die Polizei zu rufen, »das war von dem Piloten nicht korrekt«. – Seitdem sinniere ich, ob es wirklich sportliche Hochachtung war, die früher manchen Hessen bei meinem Anblick ausrufen ließ: »Mensch Kerl, du bist en eschte Fulder!«
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Auch andere Polizeieinsätze gelten als »nicht korrekt«, wie Köln 1 und Köln 2. Es kommt nur auf den Standpunkt an, und der steht nicht fest, sondern hängt an dem Mäntelchen, das man in die eigene Windmacherei hängt. Aber erwarten Sie bitte von mir keinen ernsthaften Beitrag zum Thema »Nafris«. Das Fass aufzumachen, war schon Realsatire pur, statt darüber hitzig zu debattieren, sollte man stillvergnügt zusehen, wie da einige hektisch zurückrudern, um nicht in dem Kakao zu ertrinken, durch den sie sich gezogen haben.
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Wahltechnisch können’s die Grünen verschmerzen, die ein, zwei Prozentpunkte Schwund spielen bei der Wahl keine Rolle mehr, im grünen Wohlfühl-Biotop geht so schnell keine Stimme verloren. Aber die immer noch große Mitte der verunsicherten, rechtschaffenen Bürger verschiebt sich durch derartigen, sorry, Schwachsinn weiter in die AfD-Richtung. Und damit zum Grund, warum auch Franck Ribéry die Grünen wählen würde: Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, aber er will selbst bestimmen, was gerecht ist (sagt sein Ex-Trainer Jupp Heynckes).
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Zu behaupten, dass ich die Welt nicht mehr verstünde, wäre geprahlt, denn dann hätte ich sie ja irgendwann verstanden. Zum Beispiel Darts. Schon als Junge besaß ich die gefiederten Pfeile und eine Wurfscheibe, und eine solche gehörte in vielen Kneipen an der Wand zum Inventar wie das Glas mit Sol-Eiern auf dem Tresen. Beide, Pfeile wie Sol-Eier, blieben über die Jahre hinweg unberührt. Und jetzt ist Darts Trendsport im Fernsehen und Gegenstand ernsthafter Analysen im Sportteil hochseriöser Zeitungen. Demnächst machen die Kochsendungen ein ähnliches Haute-cuisine-Bohei mit den Sol-Eiern.
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Ich spiele nicht Darts, sondern Durts. Kommt wie Darts aus den Kneipen, verlangt aber größeres sportliches Können. Dass ich mit meinem persönlichen Durts-Rekord von 17 Bierdeckeln sogar Weltrekordler geworden bin, überraschte mich gestern dann doch. Ich saß alleine in einer Ecke und spielte Durts. Man beginnt mit einem Bierdeckel, legt ihn auf die Tischkante, so dass er knapp zur Hälfte darüber hinaus ragt. Kurzer Schlag von unten mit den Fingern des Handrückens, der Bierdeckel fliegt hoch, dreht sich, und mit schnellem Griff packt ihn die selbe Hand. Als ich den Siebzehner-Pack schnappte, ertönte ein Tusch, ein Vorhang ging auf, Hape Kerkeling trat hervor und sang: »Das ganze Leben ist ein … Hurtz!« Und ich wachte auf.
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Liebe Darts-Freunde, war nur Spaß. Ist doch unter eurer Würde, sich über solchen Quatsch aufzuregen. Außerdem könnte ich einige sehr beliebte Sportarten aufzählen, die weniger sportliche Kriterien erfüllen als das virtuose Pfeilewerfen. Namen nenne ich keine. Die Diskussion über »echten« Sport habe ich schon in der Frühzeit dieser Kolumne geführt, ich will sie nicht aufwärmen. Damals ging es um Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Bewegungsgeschicklichkeit als Komponenten von »echtem« Sport, und der Sieger, der in allen vier Kategorien Höchstwertungen erhielt, hieß: Boxen!
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Und da wäre noch die erstaunlichste Meldung dieser Tage: »Eine Großdemonstration löste die Polizei auf.« Von derart gelungener Subjekt-Objekt-Verschiebung träumen Alt-Achtundsechziger noch heute. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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