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Montagsthemen (vom 2. Januar 2017)

Das neue Jahr beginnt (Istanbul), wie das alte endete (Breitscheidplatz). Wir wenden uns vom Grauen ab und dem Sport zu, dem beliebtesten Eskapismus unserer Zeit. Also: Jetzt wird auch das neue Jahr schon alt. Heute der zweite Tag, übermorgen das dritte Springen … mit der nur scheinbar absurden Logik, dass man beim Skispringen nicht denken müssen darf, auch wenn man denken können muss.
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Zweitausendsiebzehn. An das neue Datum muss man sich noch gewöhnen. Wie Bastian Schweinsteiger an seinen Hochzeitstag. Auf Facebook hält er persönliche Rückschau auf 2016 und »mein privates Highlight im August mit unserer Hochzeit in Venedig«. – Psst, Basti: Es war der 12. Juli. Nicht das Datum im Kopf löschen, sondern den Post auf Facebook.
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2. Januar. Der Zweite im Ersten. Symbolische Zahlen im Sport. In dem geht es aber nicht um den Zweiten im Ersten, sondern nur um den Ersten, denn der Zweite ist schon der erste Verlierer. Medial survivalt hier nur der Fitteste. Das ist zwar denglisch, aber Darwinismus pur.
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Folgt auf das postfaktische Jahr das präpotente? Beides bedingt sich ja und ist ohne einander nicht denkbar. Synonyme für »präpotent«: aufdringlich, frech, überheblich, arrogant, vermessen, unbescheiden, hochmütig, großspurig, selbstgefällig, selbstherrlich, herablassend, aufgeblasen. Personifiziert in … ach, die Auswahl ist zu groß, auch wenn sich einer besonders großspurig aufdrängt.
Wer? Keinesfalls unser Basti. Aber der Name Schweinsteiger führt uns zu einem Tipp. Original-Zitat aus einer japanischen Reportage von der WM 2006 (former known as »Sommer-Märchen«): »Diesen deutschen Spieler kann kein Mensch aussprechen: ›Shi-wai-nu-shi-tai-gari‹. Nennen wir ihn einfach ›Das Lachsgesicht mit der Bürste auf dem Kopf‹.« – Und die Präpotenz in Person heißt auf japanisch »Der mit dem plattgefahrenen Eichhörnchen auf dem Kopf«.
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Auch vorauseilend kann man der Zeit hinterher hinken. Gestern wurde der angekündigte »Tatort« im Ersten wegen Terrorismus-Sequenzen ausgetauscht, aber bis tief in die Dritten reichte der säubernde Blick nicht. Wer an Silvester, warum auch immer, nicht feierte und böllerte und sich auch nicht die depressiv machenden manisch aufgekratzt fröhlichen Tralahossala-Sendungen im Fernsehen antat, sah im HR-Krimi, wie ein mörderischer Truckfahrer einen Menschen verfolgte und überrollte.
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Wir flüchten, einen weißen Schimmel reitend, eskapistisch zurück zum Sport. In England ist Pep Guardiola drauf und dran, meine – zugegeben: fies stänkerische – Vermutung zu bestätigen, dass sein Nimbus von der Gnade der besten Jahre lebt – denen der fußballheiligen drei Könige Messi, Xavi und Iniesta.
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Aber selbst wenn Torsten Frings dieses Dreigestirn als Morgengabe mit nach Darmstadt gebracht hätte, könnte er das Schicksal der »Lilien« nicht ändern. Obwohl er eine Lilie schon lange zwar nicht im Herzen, aber, welch hübscher Zufall, als Tattoo auf dem Oberarm trägt.
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Ach ja, Messi und seine Tattoos: Ich stelle mir vor, wie er abends, nach dem Image-Alltag, nach Hause kommt, die aufgeklebten Tattoos abreißt, den angeklebten Vollbart an die Garderobe hängt, sich die trendige Farbe aus den Haaren wäscht, aufatmend aufs Sofa sinkt und zur Playstation greift – hier ist er einfach nur Leo, hier darf er’s sein.
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Usain Bolt ist immer Usain Bolt. Selbst beim Speerwerfen locker, lässig und ein Phänomen. Auf youtube ist schon seit Monaten ein Video vom olympischen Trainingsplatz in Rio zu sehen, auf dem er den Speer erstaunlich weit wirft. Jetzt lese ich, dass es sich um eine Wette handelte und der 800-Gramm-Speer 54 Meter weit flog. 54 Meter! Mancher Zehnkämpfer wäre froh, und bei den Frauen hätte Bolt mit dem leichteren Speer sogar seine Medaillensammlung aufstocken können. Irgendwann in diesem Jahr will er angeblich eine Trainingswoche beim BVB mitmachen. Ich vermute, er wird in allen sportlichen Belangen mithalten können. Na ja, außer am Ball selbst. Aber selbst da langt es, wie man hört, zur Zweitligareife.
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Und sonst? Die Rallye Dakar beginnt diesmal in Bolivien mehr als 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Damit nähert sie sich meiner empfohlenen Endhöhe. Ich wünsche sie schon lange auf den Mond.
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Zu guter Letzt: Erinnern Sie sich an die kürzlich an dieser Stelle erwähnte »situative Ethik«, diesen hübschen Begriff, der leider nicht mir, sondern einem »Spiegel«-Journalisten eingefallen ist? Vermutlich hat Jupp Heynckes noch nie etwas von situativer Ethik gehört, aber er scheint – frappierend ironisch – ganz genau zu wissen, was sie bedeutet. In der Süddeutschen Zeitung sagt er über Franck Ribery: »Sein Gerechtigkeitsbewusstsein ist enorm. Er gibt aber selbst die Kriterien vor, was gerecht ist.« Sind wir nicht alle ein bisschen … Ribery? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle