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Goethe postfaktisch (“Anstoß” vom 27. Dezember)

Keine »Montagsthemen«? Ist ja auch schon Dienstag. Da die postfaktischen Zeiten auch dadurch geprägt werden, dass sie postironisch sind, endet heute der sturhessische Trotz, diese Kolumne auch nach Ostern und Pfingsten (und Dienstagen wie diesem) »Montagsthemen« zu nennen. Das ändert aber nur den Titel, nicht den Inhalt. Der bleibt montagsthematisch im selbstironischen Sinne von: Ich montagsmale mir die Welt.
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Und in dieser Welt bin ich ein »chief influencer«, wie er im neudeutschen Buche steht. Vor einer Woche regte ich an dieser Stelle an, der Fußball möge sich ein Beispiel am Rugby nehmen, wo selbst die wildesten Gestalten vor dem Schiedsrichter brav einen Diener machen. Prompt reagiert die FIFA und erwägt, Benimm-Regeln des Rugbys zu übernehmen. Aber bitte etwas schneller als meine Video-Hilfe für den Schiedsrichter!
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Postironiker könnten dies missverstehen, aber sie lesen meine Kolumnen sowieso nicht. Läsen Sie sie und nähmen an »Wer bin ich?« teil, wären sie bei der ersten Frage der letzten Runde schon daran gescheitert, zwischen Fakten einen (sogar angekündigten) Fake zu erkennen. Und damit zur Auflösung der ersten beiden Fragen (die restlichen drei folgen am Donnerstag). Der erste Gesuchte war Reiter, Fechter, Tänzer, Bootfahrer und Bogenschütze, liebte den Extremsport und wanderte und schwamm bei jeder Witterung und Tages- und Nachtzeit. Das sind Fakten. Der Fake: »Gerne spielte ich mit den anderen Bengeln Fußball hinter dem Hauptbahnhof.« Das war nur eine ironische Anleihe beim früheren Feuilleton-Guru Fritz J. Raddatz (2015†), der Goethe einst in einem »Zeit«-Leitartikel den Satz in den Mund gelegt hatte: »Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern.« Womit Raddatz zum Gespött der Kultur-Nation wurde, da die erste deutsche Eisenbahn erst drei Jahre nach Goethes Tod fuhr. Und Fußball spielte Johann Wolfgang Goethe (Lösung 1) also nicht, oder wenn überhaupt, dann nicht hinter dem Hauptbahnhof.
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Lösung 2: Gesucht war einer, dessen Namen kaum einer kennt, von dem aber alle wissen, was er gemacht hat. Viele eifern ihm heute nach, ohne zu wissen, dass der Sport des Gesuchten dessen beruflicher Alltag war. Sein Denkmal steht dort, wo es hin gehört. – Wo? Bei Marathon. Denn den Profiläufer Pheidippides, einen Postboten der Antike, galt es zu erraten, der nach der Überlieferung 490 v. Chr. von Marathon nach Athen lief, um die Nachricht des Sieges über die Perser zu überbringen und danach vor Erschöpfung tot zusammengebrochen sein soll. Ein Schicksal, das heutige Briefträger eher selten trifft. Früher war also nicht alles besser.
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Damals hätte Pierre-Emerick Aubameyang noch viel schneller und ausdauernder laufen müssen als Pheidippides, um rechtzeitig zum Auftakt des Afrika-Cups in seinem Heimatland Gabun anzukommen. Zurück zum BVB käme er frühestens nach Saisonende. Auch das ist also ein Fortschritt. Leider fehlt »Auba« aber zumindest in den nächsten drei Bundesligaspielen. Er ist nicht der einzige Afrikaner, der seinem Klub fehlen wird, was die Liga immer wieder erzürnt. Sie würde die Teilnahme an diesem »Jo-Jo-Cup« am liebsten verbieten. Als flögen die Eingeborenen zu einem wochenlangen Stammestanz zurück in den Dschungel. Dass der Afrika-Cup als kontinentaler Titelkampf mit der Fußball-EM auf einer Stufe steht, will diesem dünkelhaften Rassismus auf Kolonialherrenart nicht in den weißen Kopf hinein.
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Zu schlechter Letzt: Kaum ist George Michaels »Last Christmas« in Radios und Ladenzeilen verdudelt, hatte auch er seine last Christmas. 2016 ist auch ein Jahr der toten Pop-Größen. Aber das letzte Wort zu Weihnachten soll kein trauriges sein: Spüli hilft, mehr vom  Weihnachtsbaum zu haben. Der nadelt deutlich später, wenn er mit oberflächenentspanntem Wasser bespritzt wird. Aber übertreiben Sie’s bitte nicht, sonst feiern Sie Weihnachten noch, wie die alte Dame in Bölls Kurzgeschichte, »Nicht nur zur Weihnachtszeit«. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle