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Weihnachts-Stammtisch

Berlin war nicht der Anfang, sondern die Fortsetzung eines Anfangs, der so schnell kein Ende finden wird. Die Realität bestürzt und verleitet zu, nun ja, Schnellschüssen. Auch von Menschen, die bisher nicht dazu neigten. Ein Riss geht durch die Mitte der Gesellschaft, und der ist viel fataler als das Gekreisch an den Rändern. Im »Anstoß« und im Blog »Sport, Gott & die Welt« habe ich zuletzt einige Gedanken beigetragen, auf die nun Leser reagieren. Auf sehr bemerkenswerte und mich beeindruckende Art. Vier Briefe habe ich ungekürzt in die Online-»Mailbox« gestellt. Im Blatt würden sie den Rahmen sprengen, in der »Mailbox« sind sie ein mutmachendes Beispiel, wie man fair, kontrovers, mit Niveau und konsensbereit über das alle bewegende und alles überdeckende Thema diskutieren kann. Ich danke Pfarrer Paul-Ulrich Lenz, Doris Heyer, Michael Jungfleisch-Drecoll und Walther Roeber sehr herzlich und bitte die »Anstoß«-Leser, in die Online-Ausgabe zu klicken und dort Kolumne, Blog und Mailbox im Zusammenhang zu lesen.
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Das Wort des Jahres ist auch in der Bundesliga angekommen, hat dabei aber seinen ersten Buchstaben verloren. RB Leipzig prägte die Hinrunde nicht postfaktisch, sondern ostfaktisch. Zwar schlug zuletzt das Imperium zurück und zerquetschte den Aufsteiger wie der liebe Onkelotti sein Kaugummi (das kann Ancelotti fast so prollig wie Ferguson), zwar wird das wie von einem Drei-D-Drucker produzierte Spiel-Zeug eines Milliardärs auf Dauer das Pfui-Bäh-Buh-Ding der Liga bleiben, aber Fußball, Fußball spielen, das können die Leipziger. Respekt.
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In unserem kleinen Kosmos der »Wer bin ich?«-Runden ging es zum Abschluss in die Vollen, und selbst gestandene WBI-Asse verzweifelten. Aber drei von ihnen fanden alle fünf Gesuchten, was auf mich wie ein kleines Weihnachtswunder wirkt. Die Auflösungen folgen peu a peu »zwischen den Jahren«, bevor im neuen Jahr die 2016-Wertung und die »ewige« Rangliste veröffentlicht werden.
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Drei Leser stöhnten am schönsten: »Da steh ich nun, ich armer Tor / und bin so klug als wie (sic!) zuvor. –Dieses Faustzitat steht für die weihnachtsfieseligen Rätsel. Alles Absicht!!!« (Helmut Bender). – »Vielen Dank für die tolle Runde, auch wenn mir der Kopf ziemlich raucht.« (Thomas Buch). »Wenn der Weihnachtshase kommt und hängt dir ans Bäumchen Eier, / dann liegt die Vermutung nah, dass was schiefläuft bei der Feier! (Peter Hett)
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Lassen Sie sich überraschen, was bei WBI alles und wie schön schiefgelaufen ist, nach Weihnachten geht es los. Aber heute warten wir traditionsgemäß auch hier  aufs Christkind und vertreiben uns die Wartezeit mit den schönsten Weihnachtsanekdoten der »Anstoß«-Zeit.
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Es begab sich zu der Zeit, als die Leichtathleten des Erdteils zu ihren Hallen-Europameisterschaften in Rotterdam zusammenkamen. Vor dem Kugelstoß-Finale liegt Athlet West neben Athlet Ost auf der Stabhochsprungmatte. Deutsch-deutsche Beklemmung. Die DDR-Sportler haben Kontaktverbot mit dem Klassenfeind. Also ruhig bleiben, den Sportkameraden nicht in die Bredouille bringen. Blechern knarzt der Lautsprecher: »Attention please … « Athlet Ost schaut verstohlen rüber, grinst und flüstert: »Weihnachten ist doch schon vorbei.« Athlet West antwortet nicht. Merkwürdige Brüder da drüben. Was faselt der von Weihnachten? Viel zu spät geht Athlet West der sächsisch-selbstironische Kontaktversuch auf: »E Tännche … «
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Leiser Zweifel liegt in der Stimme des Anrufers, der sich kurz vor Weihnachten 1983 erkundigt, ob er wirklich gewonnen habe. Und zwar 1200 Mark in bar sowie eine Pelzjacke für seine Frau, die zur Anprobe nach Frankfurt in eine Straße am Hauptbahnhof kommen solle. Dies habe ihm telefonisch ein »Herr von der Zeitung« mitgeteilt. Wir müssen den Anrufer enttäuschen, der Jackpot beim »Siebenkampf für Sportexperten« ist nicht geknackt und liegt sowieso erst bei 150 Mark, Pelzjacken werden bei uns ebenfalls nicht verlost und deren potenzielle Trägerinnen schon gar nicht in der Kaiserstraße »vermessen« …
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Im November 1986 berichten wir über eine querschnittsgelähmte Ex-DDR-Meisterin im Rudern, die in Gießen lebt und in diesem Jahr mit der Rollstuhl-Nationalmannschaft Basketball-Weltmeisterin wird. Heiligabend findet der Verfasser einen anonymen Brief in seinem Briefkasten: »Lieber gw, den Artikel habe ich mit Interesse gelesen. Ich habe viel Glück gehabt im Leben. Das Mädel so viel Pech. Bitte überreichen Sie ihr den anliegenden Geldschein zu Weihnachten.« – Der Wunsch wird erfüllt, das Geld überreicht. Ein Fünfhundertmarkschein.
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Gegen Rührung hilft Abhärtung durch Sarkasmus. Und vielleicht das Rezitieren der »Beamtenweihnacht«, die ein Spiegel-Leserbriefschreiber einst bedichtet hatte: »Der Gabentisch ist öd und leer / die Kinder schauen blöd umher / da lässt der Vater einen krachen / die Kinder fangen an zu lachen / so kann man auch mit kleinen Sachen / Beamtenkindern Freude machen.« – Heute wahlweise »Hartz-4-Kinder« (aus Gründen der metrischen Sorgfalt mit der Betonung auf der ersten Silbe) oder Flüchtlingskinder.
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Freunde, nicht diese Töne! Und damit zu unseren Freunden, den Tieren. Sie können in der Heiligen Nacht zwar nicht singen, aber sprechen. Manch einem menschlichen schwarzen Schaf würden um Mitternacht beim Gang durch Zwinger, Boxen oder Mastanlagen die Ohren klingen. Der größte Wunsch der Pferde? Da es von Natur aus ein überaus ängstliches Wesen ist, heißt der Wunsch, der heute Nacht nicht gewiehert, sondern ausgesprochen wird: Nehmt uns die Angst!
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Wenn zwei von ihnen unter ein Joch gespannt werden, haben sie ein solches zu tragen. Davon hat die Sprachlehre das Zeugma entlehnt (griech. Joch), in das ein Prädikat mehrere Objekte zwingt. Passend zum kommenden Luther-Jahr meine Weihnachtslosung aus der Luther-Bibel: »Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.« – Frohe und angstfreie Weihnachten wünscht Mensch und Tier:  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle