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Walther Roeber: Ein Diskussionsbeitrag

Wie meistens habe ich diese “Auseinandersetzung” erstmal zur Kenntnis genommen, an einigen Stellen genickt, an anderen heftig mit dem Kopf geschüttelt, manches hat mich auch wütend gemacht.
Ich hoffe, dass ich nicht zu ausschweifend werde, aber wie heißt es “hier sitze ich, ich kann nicht anders…” Vorweg vielleicht noch: Ich habe mit Religion(en) nicht viel am Hut, gehöre seit Jahrzehnten keiner Glaubensgemeinschaft an, bilde mir aber ein, ein gewisses Maß an humanistischer Bildung und moralischen Grundsätzen angeeignet zu haben, sei es durch Erziehung, Ausbildung oder sei es auch durch das Anlegen gewisser Maßstäbe an mich selbst und andere.
Ich habe mir jetzt nicht die Mühe gemacht – Sie haben die Daten leider nicht zur Verfügung gestellt – nachzuschlagen, wann genau Sie Ihre zitierten Stellen geschrieben haben. Ich bin der Meinung, dass die Betrachtung der letzten 18 Monate für das Verständnis viel zu kurz greift. Ich kann zwar versuchen, zu verstehen, was Pfarrer Lenz (und das uns regierende Pfarrerskind und der noch amtierende Präsident) aus christlicher Sicht zu argumentieren versuchen, aber akzeptieren kann ich es nicht. Anfangend mit dem Verweis auf das Märchenbuch “Neues Testament”: Matthäus und die anderen Schreiber haben Geschichten aufgezeichnet, die vor gut 2000 Jahren mündlich weitergegeben wurden und dank geschickten Marketings später zu einer Religion wurden, die sich 1517 auch noch spaltete. Aus den wenigen beweisbaren Fakten Herodes zum Massenkindermörder zu stempeln, ist eine Instrumentalisierung einer Bibelstelle, die anderen Evangelisten schreiben meines Wissens nichts dazu. Um den Spieß umzudrehen: Ist es auch nur “Lügenpresse”, wenn die Flüchtlinge “Merkel, Merkel” oder “Tschörmanny, Tschörmanny” schreiend in den Medien gezeigt werden? Dass dann 600 Jahre später der nächste Prophet auftauchte, sich eine andere Art von “Bibel” strickte, immerhin monotheistisch (das hatten die Juden schon einige Jährchen früher geschafft), sogar ein Jesus taucht darin als “Prophet” auf… Dass die Anhänger dieses Glaubens schon historisch “ihren einzig wahren Glauben” mit ziemlich brachialen Methoden verbreiteten, ist wohl unbestritten; wobei ich das “Christentum” keineswegs in Schutz nehmen möchte, denn im Namen dieser Religion sind auch hunderttausende Menschen gestorben. Irgendwann im Mittelalter tauchten dann Reitervölker aus dem Osten in Mitteleuropa auf – über deren “Religion” ich nichts weiß, die jedenfalls mordend und brandschatzend herumzogen und wenn nicht zufällig ihr “Kaiser” Temudschin-Dschingis Khan gestorben wäre, sähe Mitteleuropa heute vielleicht ganz anders aus. Was ich mit diesem Exkurs sagen will: bei fast allen diesen Auseinandersetzungen ging es eigentlich nicht um “Glauben”, sondern um Macht. Natürlich haben sich die “kirchlich legitimierten” (warum eigentlich?) Herrscher gern den Segen ihrer jeweiligen Glaubensfürsten eingeholt, aber die taten das auch nicht um des “Glaubens” willen, sondern sie wurden dabei reich und mächtig(er). Ach ja, und dann tauchten einige Turk-Stämme vor Wien auf und das “christliche Abendland” hatte großes Glück… Wenn es damals anders gelaufen wäre, dann wäre Herr Erdogan heute vielleicht unser aller Oberhaupt. So schwarz wollte ich eigentlich gar nicht malen, aber es macht vielleicht deutlich, dass bis auf ein paar wenige Gelegenheiten (z.B. Mauren, Christen, Juden in Spanien) ein friedliches Miteinander solcher Machtblöcke kaum jemals möglich war. Es haben sich Strukturen und moralische (?) Grundsätze auseinanderentwickelt, die mir bis heute unvereinbar erscheinen. Prinzipiell sind es immer noch uralte, meist patriarchalische Machtgefüge geprägt von Männlichkeitsgehabe, wo Macht und Stärke, Beherrschung von anderen, Durchsetzung von eigenen Regeln, das gesellschaftliche Bild bestimmen. Dass sich solche Ansprüche besonders gut mit Hass/Wut/kämpferischer (?) Auseinandersetzung durchsetzen lassen, scheint leider irgendwo in den humanoiden Genen verankert zu sein. Vielleicht gehört auch die Vorteilsnahme, das Erlangen von Leistungen ohne Gegenleistung, Inanspruchnahme ohne Übernahme von Pflichten in diese Kategorie. Damit ein Sprung in neuere Zeiten… Ich habe von 1985 – 2006 (ausgenommen die Kriegsjahre 1992-1995) mehrfach Jugoslawien, später Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina bereist. Wie groß der Hass, es war weit mehr als Abneigung, unter den dortigen Gruppierungen war, hat mich immer wieder erschrecken lassen und ich war immer froh, wenn ich nicht in diese Auseinandersetzungen hineingezogen wurde. Ganz harmlose Beispiele: Trennung nach Religions- und ethnischen Zugehörigkeiten auf den Friedhöfen (was auch hierzulande noch zu finden ist) oder regionale Küchen (zu dem und dem darfst du nicht gehen, der ist doch…) Einigkeit herrschte eigentlich nur gegenüber einer Gruppe, die ich jetzt mal nicht nenne… Aber auch aus diesem Krieg kamen schon Flüchtlinge nach Deutschland, die aber offenbar meistens integrationswillig waren. Gleichzeitig setzte allerdings eine Entwicklung ein, die wir heute ausbaden dürfen: nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion ein Zustrom von Menschen, die bei gleichzeitiger Wiedervereinigung BRD-DDR, trotz ähnlicher Hintergründe schon zu einer Belastung in den Sozialsystemen führte, parallel allerdings ein Auseinanderdriften bei Zuwanderern aus anderen Kulturkreisen, Stichwort: Türken 3. Generation… Da außerdem die völlig überzogene Ausweitung der europäischen Union erfolgte – mit Aufgabe diverser Aktivitäten, die eigentlich “eigenstaatlich” wären – haben offenbar etliche Politiker den Überblick verloren. Die allgemein zugänglichen Medien und Informationsquellen trugen sicherlich ihr Teil dazu bei, dass Deutschland allmählich zum “Paradies” erklärt wurde, und um dieses “goldene Kalb” wird nicht herumgetanzt, sondern es muss ausgenommen werden. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind dabei EIN Teilaspekt, aber diese Kriege sind letztlich auch wieder eine Frage des Machtzugewinns.
Meiner Meinung nach haben da etliche Personen, und das sind nicht nur die jetzigen Politiker, gut geschlafen und die jetzigen versuchen mit heftiger Augenwischerei und Floskeln wie dem “humanitären Imperativ” Dinge schön zu färben. Leider ist das Kind schon in den Brunnen gefallen und Deutschland ist – zumindest allein – nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. Das sollte “die Politik” und die Bürger aber nicht daran hindern, soweit als möglich noch gegenzusteuern oder wenigstens zu versuchen, das Heft wieder selbst in die Hand zu bekommen. Es kann nicht angehen, dass man jetzt “biblisch gesprochen” auch noch die andere Wange hinhält.
Natürlich ist dieses Essay unter dem Eindruck der Ereignisse von Berlin zustande gekommen, das war bei Ihren – schon fast weitsichtigen – Einträgen noch nicht abzusehen; ich gebe zu, ich hatte als pessimistischer Fatalist so etwas befürchtet. Dass die politische Führung nicht von vornherein auf Dublin2 und die Absicherung der Außengrenzen gedrungen hat, war aktuell der Beginn einer Fehlerkette, deren Ende leider nicht absehbar ist.Weil da niemand eingeschritten ist, konnte man das durchaus als Aufforderung verstehen. Dass es auch noch solche schönen Verschleierungsaussagen über die Flüchtlingszahlen gibt – wo sind die 300.000, die nirgends registriert wurden – schlägt dann dem Fass den Boden aus. Es kann mir niemand erzählen, dass nicht noch weitere hochgefährliche Personen unterwegs sind, die auf die nächste “gute” Gelegenheit warten. Ob wir noch einmal sicherere Zeiten erleben werden? Ich wage es zu bezweifeln… Das Wort “Flüchtling” bekommt insgesamt einen sehr faden Beigeschmack. Viele junge Männer hauen ab und lassen ihre Familien, die dafür bezahlt haben, unter schwersten Bedingungen zurück, statt etwas gegen oder für(?) die Verhältnisse zu tun, die in diesen Ländern herrschen; und damit meine ich nicht nur die, in denen “Krieg” herrscht. Aber wer definiert heutzutage noch “Krieg”?
Ich hoffe, es kommt nach diesen Ausführungen bei Ihnen an, dass ich weitgehend auf Ihrer Seite bin und ich hoffe, dass Sie noch weitere Zuschriften erhalten, die Sie unterstützen. “main stream”-Geschreibsel gibt es schon genug, fragende und kritische Stimmen sind viel zu selten… und dazu muss man nicht mal AfD-Anhänger oder sonstiger “Rechter” sein. (Walther Roeber/Bad Nauheim)

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