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Michael Jungfleisch-Drecoll: Asylpolitik und Wahlomat

Ich denke, Sie sind nicht der einzige, der sich darüber wundert, dass der Wahlomat ihm möglicherweise einen Wahlvorschlag machen würde, der Ihnen gar nicht behagen würde. Auch ich denke dann manchmal an die „Abgründe“ in mir, aber bei genauerem Hinsehen wird mir dann schon klar, dass die einzige Gemeinsamkeit zwischen mir und einem AFD-Wähler die ist, die herrschende Regierungsmeinung abzulehnen. Ansonsten ist mir das Gedankengut dieser Leute zuwider. Allerdings empfinde ich für mich persönlich die Abgrenzung zum AFD-Wähler als die kleinste meiner inneren Zwiespältigkeiten. Die unterschiedlichen Ansichten, die Pfarrer Lenz und Frau Heyer zu dem Thema äußern, sind für mich beide bedenkenswert, ich merke, dass ich an meine Grenzen stoße, wenn ich versuche, diese beiden Grundideen miteinander zu verbinden. Natürlich muss für die Kirche im Vordergrund stehen, schwachen, bedrängten und verfolgten Menschen zu helfen. Wenn dies nicht so wäre, wäre die Kirche für mich an dieser Stelle unglaubwürdig. Somit ist es auch richtig, dass der Pfarrer Lenz sich in diesem Sinne äußert. Für nicht richtig allerdings halte ich seine Bemerkung, es sei billig, im Nachhinein alles besser gewusst zu haben. Dies weist nämlich genau auf den Webfehler hin, der nun viele der aktuellen und politischen Probleme verursacht. Erst nichts zu tun und dann plötzlich nach dem Hauruckverfahren zu handeln, konnte nur zu dem führen, was momentan passiert. Und davor zu warnen, hat nichts mit Besserwisserei zu tun. Seit vielen Jahren war absehbar, dass wir irgendwann einmal von einer Flüchtlingswelle überrollt werden würden und schon damals hätte man meiner Ansicht nach das Asylrecht dergestalt ändern müssen, dass den Asylanten ein temporäres Aufenthaltsrecht gewährt wird, solange die Kampfhandlungen in betroffenen Ländern andauern. Wir aber machen mit dem geltenden Asylrecht Menschen in fremden Ländern Hoffnungen auf eine Zukunft in Deutschland, die wir bei genauerem Hinsehen gar nicht erfüllen können. Gutes zu wollen bedeutet noch lange nicht, Gutes zu erreichen. Natürlich ist es wichtig, dass diese Hilfsbereitschaft nicht erlischt, die Pfarrer Lenz fordert, es muss aber Rahmenbedingungen geben, die Hand und Fuß haben.  (Michael Jungfleisch-Drecoll)

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