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Sport-Stammtisch (vom 17. Dezember)

Mentor Latifi spielte bis vor wenigen Tagen beim Hessenligisten FSC Lohfelden. Man kennt ihn im hessischen Fußball, er trat auch schon für andere nordhessische Klubs an. Latifi stammt aus dem Kosovo, ist 32, lebte seit 20 Jahren in Deutschland, ging hier zur Schule, studierte, hat nie Geld vom Staat bekommen, spricht akzentfrei deutsch und war besser integriert als mancher Urdeutsche. Jetzt wurde er ausgewiesen. Nach geltendem Gesetz, das vor einem Jahr verschärft wurde.
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Das sind die Fakten. Aber um die Geschichte nicht zu faken, muss man auch erwähnen, dass Latifi zwischendurch ein paar Jahre in Albanien spielte. Doch wird Bastian Schweinsteiger ausgebürgert, weil er in England engagiert ist? Dass einer wie Latifi zu Deutschland gehört, würde sogar kein Rechtskonservativer bezweifeln, der seiner Sinne mächtig ist. Und davon gibt es genügend, wer sie alle als Dumpfbacken abtut, ist selbst eine.
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Die Ursünde, in einem gesinnungsethischen Alleingang die Grenzen zu öffnen, zieht Folgesünden nach sich. Die Einladung, unkontrolliert ins Schlaraffenland zu kommen, zog und zieht Millionen von Menschen magnetisch an. Viele kamen der Not, nicht wenige dem Trieb gehorchend. Da wir der Menschenflut nicht Herr werden, polen wir jetzt den Magneten um und stoßen mit ihm ein paar Pechvögel wie Latifi ab. Terror-»Schläfer«, Mörder, Vergewaltiger und selbst Taschendiebe lachen nur über den hilflosen Aktionismus. Darunter leiden vor allem Menschen mit migrantischen Wurzeln, die schon länger hier leben, als Bürger unter Bürgern. Sie werden zwar nur im Einzelfall ausgewiesen, aber kollektivschudig gemacht und ausgegrenzt, nach jeder Untat ein wenig mehr.
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Jetzt sollen die Griechen schuld sein, dass der Mörder von Freiburg unbehelligt einreisen konnte. Das ist schäbig. Um mal langsam zum Sport zurück zu kommen: Nötig wäre, »Verantwortung zu übernehmen« und »der Mannschaft zu helfen« – nicht als Floskeln von Fußball-Profis, sondern als in die Tat umzusetzende gute Vorsätze der politisch Verantwortlichen. Sonst ist unserer »Mannschaft« nicht zu helfen. »Mea culpa!« statt »Diese Griechen!« wäre schon mal ein guter Anfang.
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Ausgehend vom »Wort des Jahres« waren »Fakten und Fakes« am Donnerstag ein »Anstoß«-Thema. Rainer Woltmann (Gießen) dankt »für diese glänzende Kolumne, die ich auch sehr gerne mit meinen, zum Glück noch sozialen, Kontakten im wahrlich immer asozialer werdenden Netz geteilt habe.« – »Postfaktisch« sei, definiert Arno Baumgärtel (Gießen), »dass das Zeitalter, da Fakten noch für Entscheidungen oder die Meinungsbildung herangezogen wurden, als erledigt angesehen wird. Ob das tatsächlich jemals oder immer so war, vielleicht eine wohlgefällige ideologische Selbsttäuschung, lasse ich dahingestellt.« – »Ideologische Selbsttäuschung«, das Wort gefällt mir.
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Die Darts-WM startet mit einem Sieg von Titelverteidiger Anderson. Walther Roeber (Bad Nauheim) wundert sich: »Wieso wird eine Randsport-Art so hochgejubelt? Einige hochgradig gedopte (werden da überhaupt Kontrollen durchgeführt?) Leute werfen mit spitzen Gegenständen auf ein Brett und rundherum ist Party? Kommt jetzt bald Wattebäuschen-Blasen?« Andreas Kautz ergänzt: »Eine dreiviertel Seite auf der ersten Seite im Sportteil – vor zehn Jahren hätte ich gedacht, es wäre eine postfaktische Meldung im Postillion gewesen.« – Auch bei mir trifft ein Darts-Pfeil nur einen umfallenden Sack Reis in China, doch das trifft auch für manche andere und anerkannte Sportart zu (Namen zu nennen wäre selbstmörderisch). Aber es zählt die Chronistenpflicht, und Darts boomt nun mal. Viel mehr als in unserem Sportteil. Da ist’s allenfalls ein Bühmchen.
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Achtung, Überfall, der fünfte und letzte: Ich wäre beinahe Olympiasieger geworden. Ein angeblicher Fehler von mir verhinderte das, daher kam ich nur auf einen Platz hinter den Medaillenrängen. Ich protestierte heftig, denn der Fehler, der keiner war (behaupte ich) ist für meinen Hauptberuf ein sehr peinlicher. Durch den bin ich auch viel bekannter geworden als durch meine Olympiateilnahme. Sie verbindet mich aber auf ungewöhnliche Weise mit dem zuletzt Gesuchten. Mit dem schnellen Menschen aus Fragerunde drei habe ich ebenfalls eine Gemeinsamkeit. Das, was der zweite Gesuchte betrieb, gehört auch zu meiner Sportart, und sogar die Nummer eins der Runde hätte mein Trainingspartner sein können. Daher nur noch eine Frage, die so ist, wie die Gemeinsamkeit mit Nummer drei, also eine finale: Wer bin ich? Und wer sind die vier anderen? (Einsendeschluss: Dienstag, 20. Dezember).
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Letzte Hilfestellung: Keiner der fünf Gesuchten hat jemals Darts gespielt. Das ist Fakt, kein Fake.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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