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Fakten und Fakes (“Anstoss vom 15. Dezember)

Das Wort des Jahres kann es auch noch zum  Double schaffen, zum  Unwort des Jahres. »Postfaktisch« lehnt sich wahrscheinlich an das Vorbild der »Postmoderne« an, verfehlt aber den gewollten Sinn, denn diejenigen, denen das  Postfaktische vorgeworfen wird, bilden sich ihre Meinung nicht nach den Fakten, sondern vor ihnen, praefaktisch also.
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Dass über Sinn und Unsinn von solchen
»… des Jahres«-Worten gestritten wird, erfüllt nur den Sinn im Unsinn ihrer Macher. Die Ösis machen es viel eleganter. Sie wählen »Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung« zu ihrem Wort das Jahres und signalisieren damit, dass diese Wort-Kürerei nur zum Schmäh taugt.
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Die Griechen gehen sehr sparsam mit ihrem Wort des Jahres um. Es gilt, allerdings nur inoffiziell, schon seit 1893, und das Jahr für Jahr. Es heißt »Sistikos eptochefsame (»Leider sind wir pleite«). Das sagte der damalige Ministerpräsident Charilaos Trikoupis zu ausländischen Geldgebern, die also ebenfalls eine lange griechische Vergangenheit haben. Aber das ist ein anderes Thema.
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Zurück zu »postfaktisch«. Das Wort hat weniger mit Fakten als mit Fakes zu tun, gefälschten Fakten. Diese moderne Bedrohung kommt aus dem Internet, vergiftet die Atmosphäre und kann sogar, fürchtet man, die Bundestagswahl manipulieren. Doch kommen wir lieber zum Sport. Das Wort des Jahres heißt hier »gerusst« (Sie kennen es nicht? Ich habe es gerade erst erfunden). Manche behaupten sogar, der gesamte Sport   unserer Zeit sei  ein Fake, vor allem im Fußball dienten die scheinbaren Fakten von Toren und Punkten  nur als »Performance«, hinter deren Kulissen   kriminelle Millionengeschäfte ausbaldowert werden (Stichwort: »Football-Leaks«). Tausend Bilder im Fußball sagten demnach weniger als ein Wort – Geldgeilheit.
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Über die »Macht von Bildern, die die objektiven Kategorien Echt und Falsch außer Kraft  setzen können«, klagte einst schon ein Biograf von Arthur Evans, dem umstrittenen britischen Archäologen, der Knossos mit viel Farbe und Fantasie zu einer der meistbesuchten Ausgrabungsstätten des Altertums aufgehübscht hat. Nun, im Sport ist Knossos überall. Erinnern Sie sich an den Rassismus-Skandal, als eine Banane auf den Brasilianer Alves geworfen wurde? Eigentlich aber, erfuhr man später, galt die Banane dem Superstar Neymar, der – und nicht Alves – als Gag die Banane essen sollte, zum Start einer von einer Werbeagentur lange geplanten Anti-Rassismus-Kampagne. Oder war diese Aufdeckung eines Fakes auch nur ein Fake? Wer weiß das schon? Ich nicht.
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2012 schubst Bundestrainer Joachim Löw in der 22. Fernseh-Live-Minute einem Balljungen den Ball weg. Ein Scherz während des Spiels! Tags darauf überschlagen sich die Kommentatoren über so viel Witz, Coolness und Relaxtheit. Ich fand es überhaupt nicht witzig, vor Millionen Zuschauern solchen Schabernack mit dem verdutzten Balljungen zu treiben. Aber dann stellte sich heraus, dass die Szene vor dem Spiel beim Aufwärmen aufgenommen worden war, also nur eine sympathisch alberne Aktion mit spitzbübischem Humor, nicht weiter erwähnens- oder gar sendenswert. Doch die Szene wurde eingeblendet, als ob sie live sei, und ging so auch um die Welt, mit Hunderttausenden Klicks bei Youtube.
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Das Postfaktische und die Fakes, sie gab es schon immer. Nur haben sie durch das Internet und seine asozialen Medien eine neue Dimension erreicht. Journalisten versuchen, Fakt und Fake zu trennen, Nachricht und Meinung sowieso. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut, manchmal sogar mehr schlecht als recht. Das Problem des Postfaktischen unserer Zeit ist, dass dem Gelaber und Gezwitscher im Internet so vertraut wird wie früher schwarz auf weiß der Zeitung – und dass vielen nicht klar wird, dass es nur die  globalisierte Form des Frankfurter Wasserhäuschens ist, von dem aus eine millionenstimmige Kakophonie des Dumpfbackigen in die Welt schallt, das man, am realen Kiosk mit seinen zwei, drei Trinkern vorbeikommend, allenfalls amüsiert registriert. Und ignoriert.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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