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Montagsthemen (vom 12. Dezember)

Vorige Woche Timo Werners Schwalbe, und jetzt schon wieder solch ein Aufreger. Das fiese Foul war für den sonst doch so netten Herrn Abraham aber genauso atypisch wie Sandro Wagners Reaktion für die gesamte Fußballer-Branche. Während sich fast alle anderen Profis nach weitaus harmloseren Attacken winselnd am Boden wälzen und manche sogar buchstäblich scheintot sind, steht diese Kante von Kerl ungerührt auf, schüttelt nur kurz den Kopf über die dumm-brutale Aktion … und spielt weiter, als sei nichts geschehen. Hart gegen sich und andere.  Später hält er sich aus allen Schuldzuweisungen an Abraham heraus. Bemerkenswert. Zumal dieser Ellbogencheck zartere Köpfe bewusstlos gemacht hätte. – Bewusst-los gemacht, das gilt auch für Abraham. Also nicht bewusst, nicht vorsätzlich gemacht. Will ich jedenfalls zu seinen Gunsten annehmen.
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Bemerkenswert auch ein ausführliches Doppel-Interview mit den beiden Milliardären (nur kein’ Neid!) Dietmar Hopp und Clemens Tönnies im SZ-Magazin. Es geht natürlich um Traditionsklubs und geldgepamperte Emporkömmlinge (Stichwort Leipzig), und da tut es Schalke-Boss Tönnies »schon weh, wenn ein Konzern daherkommt, sich einen Fußballklub schnappt und die Statik der Liga verschiebt«. Tags darauf rückt Bayern München die Statik wieder zurecht. Und sie bleibt so. Jede Wette. Zumal die einzige echte Konkurrenz, in Real- und 8:4-Sphären schwebend, gegen giftige, hartnäckige und gut geordnete Rackerer wie Köln und die Eintracht immer wieder auf den Boden geholt und, nun ja, dorthin auch gezerrt, geschoben und gestoßen wird.
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Bemerkenswert zum Dritten: Uli Hoeneß lässt in einem großen Bild-Interview die Hosen … sorry, da habe ich die Ankündigung falsch verstanden (»Hoeneß so offen wie nie«). Aus aktuell anderem Anlass gefällt mir ausgesprochen gut, was Hoeneß über seinen Zeitvertreib im Knast sagt. »Ich hatte einen kleinen Fernseher und mir immer Notizen gemacht, wenn irgendetwas Besonderes war. Etwa als der Journalist Hajo Schumacher bei Maybrit Illner mal sagte: ›Wir Journalisten müssen schon zugeben, dass wir bisweilen eine situative Ethik haben.‹«
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Situative Ethik. Wieder so ein Ausdruck, der mir gerne selbst eingefallen wäre. Passt auch zu beiden aktuellen Skandal-Blockbustern der Medien, Doping-Empörung und »Football-Leaks«. Zusammengefasst: Die Russen dopen, was das Zeug hält, und die Ronaldos verdienen viel zu viel Geld und schummeln auch noch dabei. – Ach was?! Wer hätte das gedacht?!
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Ich bin nicht scheinheilig, hoffe ich, und es wäre zudem selbst mir zu albern, in den Chor der Entrüstung über die Russen einzustimmen. Zur »situativen Ethik« möchte ich nur anmerken, dass es kaum einen britischen oder US-amerikanischen Olympiasieger in Rio gab, der keine medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE) vorweisen konnte. TUE, das ist die Abkürzung für »therapeutic use exemption«, in meiner Übersetzung: Lizenz zum Dopen. Bei uns situativethisch aber nur eine Randnotiz fern von den Russen-Schlagzeilen.
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Noch einmal zu Uli Hoeneß. Warum ist er zurückgekommen? In Bild verrät er es: »Wie heißt dieses Stück? Die Unvollendete, von Beethoven, glaube ich. So fühle ich das auch.« – Richtig. Die Unvollendete von André Beethoven. Und wer ist Trainer von Mönchengladbach? Ludwig van Schubert. – Entschuldigung. Kleiner Scherz. Vielleicht weiß Hoeneß ja auch mehr als die Musikwissenschaft und kennt dieses »Stück«, eine zehnte und unvollendete Symphonie, an der Beethoven gearbeitet haben könnte. Im Ernst und nur der Ordnung halber: »Die Unvollendete« ist eine zweisätzige Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert. Von den restlichen Sätzen existieren nur winzige Bruchstücke. – Aber bevor ich mich zum Klassik-Experten hochstapele: Ich hab’s schnell mal bei Wikipedia nachgelesen. Gilt das Nach-Lesen von Fakten eigentlich auch als postfaktisch?
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Eher praefaktisch war am Samstag im »Sport-Stammtisch« mein Dementi-Verbot für Michael Beltz, dem ich unterstellt hatte, dem »Anstoß« schon länger treu zu bleiben als der DKP. Ein unbeirrter Kommunist lässt sich aber von einem Bourgeois wie mir »ein Dementi nicht verbieten. Falls mein geistiger Zustand abnimmt und dieser Umstand dazu führt, meine hervorragende Arbeit in der DKP nicht mehr ausführen zu können, lese ich weiterhin ihren Sport-Stammtisch mit eben verminderter Aufmerksamkeit. Dann haben Sie Recht.«
Aber nicht, wenn mein abnehmender geistiger Zustand dazu führt, meine hervorragende Arbeit im »Anstoß« nicht mehr ausführen zu können.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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